GeldanlageHistorische Aktien - Jagd auf Schnäppchen

Wie sich später herausstellen sollte, war es eine gute Entscheidung, die Ingo Korsch vor 20 Jahren traf. Als der Hofheimer auf der Rückreise aus seinem Sommerurlaub in Oberhessen an einem Flohmarkt vorbeikam, konnte er nicht anders und legte einen kurzen Zwischenstopp ein. Er entdeckte eine gerahmte Aktie der Friedrich Schwab KGaA und erstand sie für 20 D-Mark. Das Stück des Hanauer Versandhändlers von 1965 war Sammlern alter Wertpapiere bis dato völlig unbekannt, in keinem Bewertungskatalog verzeichnet. Jackpot!

Aber es sollte noch besser kommen. Die Aktie war nämlich auch noch gültig. Also schrieb Korsch den Otto Versand an, der gerade ein Abfindungsangebot für Schwab unterbreitet hatte. Der Sammler erhielt so knapp 1000 D-Mark und seine neue Lieblingsaktie entwertet retour.

2003 folgten weitere 306 Euro. Ein Aktionär hatte erfolgreich geklagt und ein Gericht die Abfindung für zu niedrig befunden. Macht unter dem Strich: rund 8000 Prozent Rendite. „Der Slogan ‚Otto find ich gut‘ hatte für mich danach eine ganz besondere Bedeutung“, sagt Korsch.

Der Schnäppchenfund vom Flohmarkt, der sich versilbern lassen würde – solche Geschichten hat fast jeder Sammler von alten Wertpapieren auf Lager, wenn er nur lang genug dabei ist. Aber sie sind die Ausnahme. Wer später mit dem Sammeln begonnen hat, für den ist heute die Onlineplattform Ebay der neue Basar. Doch wahre Schnäppchen sind auch dort nur selten zu finden. Genauso rar sind neue, junge Sammler – und das ist ein Problem für alle, die bei historischen Wertpapieren auf Preissteigerungen hoffen.

„Historische Wertpapiere sind sehr erklärungsbedürftig“, sagt Auktionator Michael Weingarten vom börsennotierten Marktführer, der AG für Historische Wertpapiere aus Wolfenbüttel. Denn während Briefmarken und Banknoten jedes kleine Kind kennt, sind gedruckte Aktien heute selbst für Bankangestellte nichts Alltägliches mehr. Deshalb sprechen Insider von einem „abgeschlossenen Sammelgebiet“, da neue effektive Stücke, so heißen die gedruckten Wertpapiere in Fachkreisen, im digitalen Zeitalter so gut wie nicht mehr herausgegeben werden.

Ein spezielles Hobby

Das Angebot ist also – mal abgesehen von vereinzelten Flohmarkt- oder Dachbodenfunden – fix. Die Nachfrage dagegen nimmt aufgrund des hohen Alters der Sammler stetig ab. „Der Markt schrumpft“, sagt Weingarten. Der dennoch fest davon überzeugt ist, dass es für seltene Stücke immer einen Käufer geben wird. Weingarten: „Das Sammelgebiet wird locker den Euro überleben.“

Ein Dachbodenfund, sollte es sich dabei um ein seltenes Stück handeln, lässt sich am besten über eine Auktion verwerten. Allerdings fallen hier hohe Gebühren an. Rund 20 Prozent bei An- und rund 20 Prozent bei Verkauf sind üblich. Da sagt selbst Weingarten, der vom Geschäft mit den Papieren lebt: „Als Geldanlage eignen sich historische Wertpapiere nur bedingt.“ Für eine kurzfristige Spekulation seien sie völlig ungeeignet, denn man müsse schon mindestens zehn Jahre Zeit mitbringen. Da kann einiges passieren.

Wie nach dem Fall der Mauer. Ein Jahrhundertereignis in der noch relativ jungen Szene veränderte viel: der Reichsbankschatz. Fast 30 Millionen Papiere, die in der Reichsbank in Berlin lagerten und die Nachkriegszeit wie die DDR überdauerten, kamen von 2003 bis 2009 durch fünf Auktionen auf den Markt. Erst zog der Schatz neue Händler etwa aus dem Briefmarkensegment an. Dann folgte die Ernüchterung. In hohen Stückzahlen überschwemmten Reichsbankpapiere den engen Markt. Viele alte Aktien haben seitdem enorm an Wert eingebüßt.

Ein Beispiel dafür ist die Aktie der Magdeburger Lebensversicherungs-Gesellschaft aus dem Jahr 1856. Das sehr alte und dekorative Papier wurde früher zu Preisen um 1000 D-Mark gehandelt, heute taxieren es Händler auf 100 bis 150 Euro, lagen doch 1250 Stücke im Tresor der Reichsbank. Im nach wie vor aktuellsten Suppes Katalog 2008/2009 ist ein Wert von 750 Euro angegeben. Sammler zahlen heute untereinander nicht mehr als rund 80 Euro. Ob die Aktie dabei durch ein Loch entwertet wurde und damit eindeutig aus dem Reichsbankschatz stammt oder nicht, spielt keine große Rolle.

Wirklich hohe Zuschläge gibt es für Unikate oder Papiere, von denen maximal fünf bekannt sind. Dabei kommt es neben Alter, Bekanntheit, Bedeutung, Optik und Zustand auch darauf an, in welchen Sammlungen die Stücke schlummern. Sind Museen, Unternehmensarchive oder Stiftungen im Spiel, sind oft weniger Stücke für Sammler verfügbar, als die bekannte Anzahl aussagt.

Empfehlenswert sind Autografen: Das sind Wertpapiere, auf denen eine berühmte Persönlichkeit im Original unterschrieben hat. Ob John D. Rockefeller, Charlie Chaplin oder Warren Buffett – Autogramme dieses Kalibers bringen vier- oder fünfstellige Zuschläge. Sehr begehrt sind ferner Papiere aus der D-Mark-Zeit.

Ingo Korsch könnte also noch mehr Rendite einfahren, würde er seine Lieblingsaktie verkaufen. Das aber hat er nicht vor – Rendite ist eben nicht alles.

Der Beitrag ist in Capital 11/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon

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