VersicherungGrundfähigkeitsversicherung: (K)eine Alternative zur BU

Für Dachdecker ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung teuer. Ist eine Grundfähigkeitspolice eine Alternative?imago images / U. J. Alexander

Rund 250 Euro im Monat – so viel zahlt ein 30-jähriger Dachdecker im Schnitt für eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Arbeitnehmer, deren Jobs hohe Risiken für Verletzungen und Unfälle bergen, müssen für die Policen tief in die Tasche greifen. Viele Menschen scheuen vor den Kosten zurück, obwohl Experten dazu raten, sich privat gegen Berufsunfähigkeit abzusichern. Immer mehr Versicherer werben deshalb alternativ mit einer Police, die bisher eher unbekannt ist: der Grundfähigkeitsversicherung (GFV). Sie ist günstiger als die BU und springt ebenfalls dann ein, wenn dem Versicherten etwas zustößt.

Anders als bei der BU müssen Versicherte bei der GFV nicht zwangsläufig ihren Beruf nicht mehr ausüben können, damit Geld fließt. Für die Schadenssumme spielt vielmehr eine Rolle, welche grundlegenden Fähigkeiten sie verlieren, zum Beispiel das Sehen, das Sprechen oder den Gebrauch der Hände. Auch Treppensteigen, Knien, Bücken und Autofahren gelten als Grundfähigkeiten.

Eine Untersuchung der Gothaer hat ergeben, dass bisher nur ein Prozent der Befragten eine GFV nutzen, um ihre Arbeitsfähigkeit abzusichern. Kein Wunder: Der Verlust der Arbeitskraft werde bei den Policen nicht automatisch mitversichert, erklärt Philip Wenzel, Versicherungsmakler und BU-Experte. Versicherungsnehmer müssen sich dazu überlegen, welche Fähigkeiten sie für ihren Job brauchen – und diese dann explizit mitversichern. Für einen Dachdecker würde es sich zum Beispiel anbieten, den Verlust des Gleichgewichtssinns abzusichern. Ein Fliesenleger wiederum arbeitet häufig gebückt oder auf den Knien, dementsprechend wäre es für ihn sinnvoll, die Fähigkeiten Knien und Bücken in den Vertrag schreiben zu lassen.

Kein Interpretationsspielraum

Verbraucher sollten allerdings genau hinschauen, wenn sie ihren Beruf mit einer GFV absichern wollen. Die Versicherung springt nämlich nur unter ganz bestimmten Bedingungen ein. Am Beispiel des Kniens und Bückens heißt das: Es gibt nur dann Geld, wenn sich der Versicherte nicht mal mehr einmal am Tag hinknien und wieder aufstehen kann. Ein Fliesenleger kann vielleicht nicht mehr sechs Stunden am Stück auf den Knien Fliesen verlegen, ist aber immer noch in der Lage, sich einmal pro Tag hinzuknien. Die GFV würde dann nicht greifen. „Es ist wichtig, dass Verbraucher die Konditionen genau lesen, denn die Versicherung bietet hier keinen Interpretationsspielraum“, warnt Wenzel.

Die meisten Versicherer zahlen, wenn die Grundfähigkeit für ein halbes Jahr oder länger verloren geht. Das treffe bei den meisten gesundheitlichen Einschränkungen zu, sagt Wenzel. Allerdings ist nicht jede grundlegende Fähigkeit in den Basistarifen enthalten. So ist zum Beispiel der Verlust des eigenverantwortlichen Handelns oft nur als Zusatzbaustein zu haben. Für psychische Erkrankungen sind die Bedingungen zudem sehr strikt. Versicherungsnehmer müssen dadurch extrem beeinträchtigt sein, mitunter so stark, dass ihnen ein gerichtlicher Betreuer zur Seite gestellt wird.

Kann man die berufliche Tätigkeit tatsächlich sinnvoll mit einer GFV absichern, ist sie für Verbraucher deutlich günstiger als eine BU. Der 30-jährige Dachdecker würde statt 250 Euro dann nur 60 bis 70 Euro pro Monat zahlen, schätzt Versicherungsexperte Wenzel. Allerdings sei es sehr mühsam, seinen Beruf in einzelne Grundfähigkeiten zu zerlegen. „Die GFV ist keine Alternative zur BU“, hält Wenzel deshalb fest. „Aber sie kann sinnvoll für bestimmte Lebenssituationen sein.“

 


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