InterviewFrank Grund: „Es gibt von der Aufsicht keinen Rabatt für Start-ups“

Frank Grund
Frank Grund: Als oberster Versicherungsaufseher wacht der Jurist mit seinen Mitarbeitern über gut 550 Versicherungen und mehr als 430 Millionen VerträgeFrederike Wetzels

Capital: Herr Grund, alle reden über Digitalisierung, aber Kunden von Versicherungen merken davon wenig. Wie ist es bei Ihnen: Verwalten Sie Ihre privaten Policen schon digital oder noch im Leitz-Ordner?

FRANK GRUND: Ich habe mehrere Ordner mit Versicherungsunterlagen.

Weil digitale Ordner Sie nicht interessieren?

Bislang sehe ich darin für mich keinen Mehrwert. Den sehe ich schon eher bei der Kommunikation mit meinem Versicherer – etwa wenn ich die Arztrechnung per Handy schicken kann. Das finde ich sehr angenehm und nutze es.

Bisher verwenden nur 34 von 550 Versicherern in Deutschland voll automatisierte Entscheidungen, etwa bei der Schadenregulierung. Dabei wäre das guter Service: Die Versicherten hätten ihr Geld schneller auf dem Konto …

Ja, absolut. Ich gehe deshalb davon aus, dass da noch viel passieren wird. Man sollte die etablierten Versicherer nicht unterschätzen.

Inzwischen gibt es rein digitale Anbieter, sogenannte Insurtechs, die nicht nur Policen vermitteln, sondern Risiken selbst tragen. Sie versprechen, den Schutz bequemer und billiger anzubieten …

Solche Neugründungen tun dem Markt gut, denn Wettbewerb belebt das Geschäft – und das ist wiederum gut für die Kunden. Aber disruptive Veränderungen, also jemanden, der den Markt mit einer völlig neuen Idee auf den Kopf stellt, sehen wir bisher nicht. Ich persönlich glaube auch nicht daran.

Nur vier Insurtechs haben eine Bafin-Zulassung. Machen Sie es Newcomern zu schwer?

Wir machen es ihnen so leicht oder schwer wie jedem anderen auch. In den vergangenen beiden Jahren haben wir vier Lizenzen vergeben, zwei Anträge werden derzeit noch geprüft. So viele Neugründungen hatten wir in den Jahren zuvor nicht. Der Wille und das Kapital scheinen also da zu sein.

Was sind Ihre Anforderungen?

Jeder Kunde muss sicher versichert werden – egal ob bei einem Start-up oder einem etablierten Anbieter. Das ist unser Job. Unser Grundsatz lautet: gleiches Geschäft, gleiches Risiko, gleiche Regeln. Es gibt von der Aufsicht keinen Rabatt für Start-ups. Neugründungen müssen außerdem die Finanzierung für mindestens drei Jahre sicherstellen.

Können Sie die Algorithmen, mit denen die Insurtechs arbeiten, überhaupt kontrollieren?

Wir erwarten vom Vorstand, dass er uns die Verwendung von Algorithmen erklären und die maßgeblichen Faktoren für eine voll automatisierte Entscheidung darlegen kann. Der Vorstand ist grundsätzlich für alle Vorgänge verantwortlich.

Aber der Vorstand kann Ihnen doch das eine erklären und etwas ganz anderes machen …

Das stimmt natürlich. Aber unsere Aktivitäten enden ja nicht mit der Befragung des Vorstands, sondern beginnen erst damit.