KolumneDie Nasdaq zieht von dannen

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Ein kräftiges Ausrufezeichen hat zuletzt der Nasdaq-Index gesetzt. Ungeachtet der prächtigen Vorjahreswertentwicklung zeigte das amerikanische Technologiebarometer seit Jahresanfang satte Dynamik. Bereits nach wenigen Wochen liegt der beliebte Index bereits mehrere Prozentpunkte vorne.

Neben ersten robusten Quartalszahlen wie z.B. von Netflix und Intel treibt auch die Erkenntnis die Kurse an, dass Zinsanlagen auf absehbare Zeit hin keine sinnvolle Alternative sind – und dies obwohl in den Vereinigten Staaten noch positive Habenzinsen existieren. Freilich verschwindet dieser Eindruck, sobald man auf die Realzinsen blickt, denn nach Inflation gibt es auch in Übersee mit Zinsanlagen kaum einen Blumentopf zu gewinnen.

Nasdaq 100 Index

Nasdaq 100 Index Chart

Hinzu kommen noch andere Gründe: Mehr und mehr werden die Schwergewichte der Nasdaq als ‚sichere Häfen‘ angesehen. Apple, Google, Facebook oder Amazon gelten mittlerweile als so dominant, dass man sich Gefährdungen ihrer Marktposition kaum noch vorstellen kann. Die Begründungen liegen auf der Hand und klingen plausibel. In der Plattformwirtschaft gelingt es den dominanten Spielern, quasi monopolartige Positionen einzunehmen. Und die Staaten sind zu schwach bzw. unwillig, dagegen im Rahmen ihrer Kartellpolitik vorzugehen.

Außerdem handelt es sich überwiegend um Geschäfte mit recht geringer Kapitalbindung, so dass ungewöhnlich hohe Margen auch zu starken Cashflows führen. Daher ist es kein Zufall, dass Apple, Google, Microsoft und Facebook riesige Geldmarktkonten unterhalten und zudem ständig Aktienrückkäufe vornehmen.

Tesla wäre ohne die Börse nicht vorstellbar

Übrigens spielen dabei die Preise für die zurückgekauften Aktien scheinbar keine weitere Rolle. Gekauft wird unabhängig vom Preis. Das mag zwar ökonomisch ausgerichteten Gemütern bizarr vorkommen, entspricht aber dem aktuellen Zeitgeist.

Zu den spektakulärsten Entwicklungen an der Nasdaq zählt der jüngste Aufschwung der Tesla-Aktie. Inzwischen ist der Autobauer an der Börse mehr wert als BMW und Daimler zusammen. Die Erfolgsgeschichte von Tesla wäre ohne die Börse nicht vorstellbar, denn ohne hohe Börsenkurse und damit leichtem Zugang zu Eigenkapital ließe sich das kapitalintensive Automobilgeschäft nicht vorstellen. Ähnlich war es vor Jahren beim Online-Handelsriesen Amazon, der seinerseits die vielen defizitären Jahre überstehen konnte, weil die Finanzierung über die Börse nicht versiegte.

Daran sieht man, wie förderlich eine starke Börsenkultur für die Wirtschaft ist. Ihren klarsten Beleg findet eine starke Börsenkultur in der Vermögensstatistik der Bürger. Für den hohen amerikanischen materiellen Wohlstand ist nicht zuletzt die Wall Street verantwortlich.

Aktienkultur – in Deutschland Fehlanzeige

Beim Blick auf die Vermögensstatistiken können wir Deutsche nur staunen. Realistische Chancen zu den zehn wohlhabendsten Ländern der Welt beim durchschnittlichen (besser noch Median) Geldvermögen zu gehören, bestehen nicht. Dafür ist die jahrzehntelang gehegte Sachwertfeindlichkeit verantwortlich. Nachbarländer wie die Schweiz oder die Niederlande sind bereits weit enteilt.

Es ist ein historischer Fehler der deutschen Politik, die Zusammenhänge von Börse, Wirtschaft und Wohlstand verkannt zu haben. Wie traurig es um die Aktienkultur hierzulande steht, lässt sich auch daran ablesen, dass weder die Bundeskanzlerin noch der Wirtschaftsminister, noch weniger der Finanzminister und schon gar nicht der Bundespräsident über das Thema ‚Aktienkultur‘ öffentlich sprechen. In diesem Lichte besehen, wirken zirkulierende Hoffnungen, der anstehende Brexit werde Frankfurt zum Kapitalmarktplatz Nummer eins in Europa machen, wie eine Phantasmagorie.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns