KolumneDie merkwürdige Erholung der Deutschen Bank

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Ein neuer Großaktionär, die kalifornische Fondsgesellschaft Capital Group, brachte in der vergangenen Woche einen großen Schub: Die Aktie der Deutschen Bank stieg um über zehn Prozent und liegt inzwischen fast 40 Prozent über ihren Allzeittief. Nun gut, der jetzige Kurs bewegt sich auch immer noch gut 90 Prozent unter ihrem Allzeithoch. Grund zu großem Jubel besteht also nicht. Trotzdem kann man die Bewegung an der Börse als erstaunlich bezeichnen – auch schon vor dem Einstieg der Capital Group. Denn das Kreditinstitut widerlegt mit seinem Anstieg so gut wie alle Expertenmeinungen.

Nach einer Übersicht des „Handelsblatts“ empfiehlt gegenwärtig kein einziger von insgesamt 35 Analysten den Kauf der Aktie. 16 Experten sprechen sich für einen Verkauf des Papiers aus, 19 verhalten sich neutral. Und das gewichtete Kursziel, das die Analysten errechnen, liegt bei unter 7 Euro. Gegenwärtig liegt die Aktie jedoch bei über 9 Euro. Entweder die Experten hinken der Entwicklung bei der Deutschen Bank hinterher – oder die Enthusiasten der Capital Group stolpern in eine Bullenfalle, wie es sie bei der Aktie in den letzten zwei bis drei Jahren bereits mehrfach gab.

Deutsche Bank Aktie

Deutsche Bank Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Nun kann man nicht wissen, zu welchem Kurs die Amerikaner ihre 64 Millionen Aktien (rund 3,1 Prozent der Anteile) erworben haben und welchen Zweck sie mit ihnen verfolgen. Üblicherweise sichern sich große Fonds bei solch großen Geschäften – es geht immerhin um eine halbe Milliarde Euro oder mehr – mit Kapitalmarktinstrumenten gegen einen Verlust ab. Wer als Kleinaktionär nach dem Einstieg der Capital Group auch seine Stunde für gekommen hält, sollte das mitbedenken.

Wohin mit dem vielen Geld?

Einige Großaktionäre setzen offenbar auf einen Turnaround bei der Deutsche Bank. Dabei geben die letzten Quartalszahlen eigentlich noch keinen Hinweis darauf, ob das neue Geschäftsmodell der Bank nun wirklich funktioniert oder nicht. Noch immer spart das Kreditinstitut in vielen Bereichen sinkenden Erträgen hinterher. Vielleicht genießt die neue Führung unter Christian Sewing auch tatsächlich mehr Vertrauen. Die Risikoprämien, die Kunden der Bank für eine Kreditausfallversicherung zahlen müssen, sinken. Einen Vertrauensschub gab es in den vergangenen Jahren aber bereits mehrfach. Irgendwann sorgten die Zahlen dann wieder für Ernüchterung.

Wahrscheinlich spielen in Wahrheit vor allem Portfolio-Überlegungen bei großen amerikanischen Investoren eine wichtige Rolle. Sie wollen sich nach vielen Jahren des Börsenbooms in den USA nicht noch stärker in ihrer Heimat engagieren als bisher ohnehin schon. Einige fahren ihre Beteiligungen dort sogar zurück. Aber wohin mit dem vielen Geld? Einiges wandert in die Schwellen- und Entwicklungsländer, wo die Kurse in den letzten Wochen erheblich angezogen haben. Und das, obwohl das Coronavirus in China wütet und die Risiken gerade in vielen „Emerging Markets“ eigentlich erhöht.

In Europa, speziell in Deutschland, gelten sichere Werte bereits als sehr teuer – wenn gleich noch lange nicht so teuer wie Spitzenaktien in den USA. Kein Wunder also, dass inzwischen auch die Aktien der Deutschen Bank als attraktiv für Investoren aus den USA gelten – trotz aller Risiken. In einem globalen Portfolio kann das durchaus sinnvoll sein, aber eben nicht automatisch auch im Depot eines deutschen Kleinaktionärs.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.