Interview„Die Märkte laufen noch immer reibungslos“

Bange Blicke an der Wall Street: Das Coronavirus hat die Börsen auf Talfahrt geschickt
Bange Blicke an der Wall Street: Das Coronavirus hat die Börsen auf Talfahrt geschicktdpa

Als in den frühen März-Tagen die Aktienmärkte in aller Welt wegen der raschen Verbreitung des Corona-Virus abgestürzt sind, kam es zugleich zu unerwarteten Reaktionen am Anleihemarkt. Allgemein war erwartet worden, dass die Flucht in sichere Staatsanleihen zu steigenden Kursen und damit zu fallenden Renditen führen würden. Doch an einigen Tagen stiegen die Renditen, was unter anderem mit der Aussicht auf viele neue Staatsschulden und die Operationen der Notenbanken begründet wurde. Doch möglicherweise führt die Spur der steigenden US-Anleiherenditen gar nicht zur Geld- und Fiskalpolitik, sondern zur Fondsbranche.

Daten des Branchenverbandes ICI zeigen nämlich für die Woche bis zum 11. März Abflüsse aus Anleihefonds auf. Doch wenn die Vermögensverwalter Bonds verkaufen, kann dies fallende Kurse und damit steigenden Renditen nach sich ziehen. ICI ist der Verband der US-Fondsindustrie, der zugleich weltweite Daten aus der Branche sammelt und auch Zahlen des deutschen Fondsverbandes BVI berücksichtigt.

In der Woche zum 11. März, als die Aktienmärkte ihre größten Verluste im Zuge der Corona-Krise erlitten, flossen ICI zufolge weltweit 16 Mrd. Dollar in Aktienfonds, während aus reinen Anleihefonds 32,3 Mrd. Dollar abflossen – und zwar nicht nur aus den als riskanter geltenden Hochzinsanleihen, sondern auch bei sicher gewerteten Staatsanleihen. Das ist im Verhältnis zum Gesamtvolumen des Marktes sehr wenig. Aber die Tendenz ist bemerkenswert und überraschend, denn es entspricht nicht dem bekannten Muster. In der folgenden Woche bis zum 18. März hat sich der Ausverkauf bei Bonds noch beschleunigt auf 114,4 Mrd. Dollar, wobei dann auch aus Aktienfonds Geld abfloss (11,6 Mrd. Dollar).

„Dies sind ungewöhnliche Zeiten und es sind ungewöhnliche Muster“, sagt im Interview ICI-Chefvolkswirt Sean Collins. „Das typische Muster ist, dass die Kapitalströme den Renditen folgen, und an diesen Märkten haben wir gesehen, dass die Renditen von Aktienfonds sinken, und dennoch haben diese Fonds Zuflüsse oder bescheidene Abflüsse erlebt.“

Target Date-Fonds

Collins hat auch eine Erklärung für die Anomalie zur Hand: die wachsende Bedeutung sogenannter Target Date-Fonds, einer in den USA und im Vereinigten Königreich beliebten Form privater Altersvorsorge. In den Vehikeln, die wiederum in Aktien- oder Rentenfonds anlegen, sind Collins zufolge allein in den USA inzwischen rund 1,5 Billionen Dollar angelegt.

Um das Verhalten solcher Fonds in Phasen hoher Marktvolatilität zu verstehen, muss man ihre Konstruktion betrachten. Sie haben ein festes Auszahlungsdatum und je älter ein Anleger wird, desto größer ist sein Anleihen-Anteil. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist damit die Allokation zwischen Aktien und Anleihen im Fonds festgelegt. Steigt wegen höherer Kurse der Anteil einer Anlageklasse über den festgelegten Anteil, so muss umgeschichtet werden. „Target Date-Fonds müssen jederzeit die richtige Balance zwischen Anleihen und Aktien finden“, erläutert Collins. „In einer Welt, in der Aktienmärkte fallen und die Kurse von Staatsanleihen steigen, müssen diese Fonds Anleihen verkaufen und Aktien kaufen. Das ist eine interessante Entwicklung, die wir vor 15 und wahrscheinlich auch vor 10 Jahren noch nicht gesehen hätten, als diese Fonds sehr viel kleiner waren.“

Anfang des Monats haben diese Fonds also offenbar auf steigende Anleihekurse mit Verkäufen von Bonds-Fonds reagiert, um die Portfolio-Struktur auszugleichen. Sollte es zu einer deutlichen Erholung der Aktienmärkte kommen, würden sie dann wohl Anleihefonds verkaufen müssen. Dies würde dann wohl den Abwartstrend bei den Renditen verstärken.

ETFs verhielten sich „wie geplant“

In die Statistiken von ICI fließen nicht nur aktive Fonds, sondern auf ETFs ein. Bei diesen passiven börsennotierten Indexfonds war immer wieder die Sorge geäußert worden, sie könnten sich in einer Krise wegen illiquider Werte in ihren Portfolien als zusätzliches Marktrisiko erweisen. Collins zufolge hat sich dies während des Corona-Crash nicht bewahrheitet. „ETF haben sich wie geplant verhalten“, sagt er. „Wir sehen keine signifikanten Verrenkungen und ETF helfen dem Markt Preise zu finden und Liquidität zu verschaffen.“

Bei Aktien entfällt ICI-Daten zufolge etwa 25 bis 30 Prozent des Handels auf ETF. „In Stressphasen neigt das Handelsvolumen dazu deutlich zu steigen“, sagt Collins. „Das reflektiert die Tatsache, dass ETF während Stressphasen das liquideste Instrument des Marktes sind und der Handel hin zu ihnen wandert.“ Dies gelte insbesondere zu solchen Zeiten, zu denen Futures auf Aktienindizes wie den S&P 500 nicht gehandelt werden. „ETF helfen dann beim Preisfindungsprozess, wenn andere Instrumente dies nicht vermögen.“

„Es gab eindeutig Stress“

Nach Collins Einschätzung hat der gesamte Aktienmarkt zwar hohe Kurseinbußen verzeichnet, aber der Handel habe funktioniert. „Es gab eindeutig Stress am Markt“, sagt er. „Aber man muss sich auch vor Augen halten, dass dies wegen eines sehr realen wirtschaftlichen Ereignisses passierte. Der Stress rührt nicht von einer Finanzkrise her, sondern daher, dass Unternehmen nicht wie normal arbeiten können. Wenn sich die Wirtschaft vom Virus erholt, dann wird sich auch der Markt erholen.“

Er sei ziemlich beeindruckt, dass der Markt einfach laufe. „Die Aktienmärkte sind noch immer geöffnet und laufen reibungslos“, betont er. „Das ist absolut bemerkenswert, weil sehr viel der Arbeit von zu Hause aus geleistet wird. Rund um die Welt sitzen Händler zu Hause an ihren Notebooks und stellen sicher, dass die Märkte funktionieren“, so Collins. „Vor zehn oder zwölf Jahren wäre das noch ganz anders gewesen. Die Infrastruktur hat sich soweit entwickeln, dass wir bislang in der Lage waren diese Situation zu handhaben.“

 


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