MarkteinbrücheSichere Häfen im Corona-Crash

Aktienkurse: Anleger gehen momentan nicht sehr planvoll vor.Getty Images

Die Angst vor den Folgen der Corona-Krise hat die Aktienkurse in den Industriestaaten abstürzen lassen. Anleger sind in den vergangenen drei Wochen in Scharen aus dem Aktienmarkt geflüchtet – und haben auf der Suche nach Sicherheit in anderen Bereichen des Kapitalmarkts die Preise in die Höhe getrieben. „Die Nachfrage nach sicheren Anlagen ist auf Rekordniveau“, sagt Pascal Blanqué, Chefanlagestratege der Investmentgesellschaft Amundi. Vor allem Gold und bonitätsstarke Staatsanleihen sind jetzt heiß begehrt.

Der Goldpreis befindet sich seit Mitte 2018 in einem längerfristigen Aufwärtstrend. Mit Ausbruch des Coronavirus hat dieser Trend deutlich an Schwung gewonnen. Allein auf Sicht eines Monats hat Gold rund 5,5 Prozent an Wert zugelegt. Das Edelmetall gilt vielen Investoren als wertstabile Anlage in unsicheren Zeiten. Auch am Rentenmarkt hat die Corona-Epidemie für Bewegung gesorgt, in geradezu dramatischem Ausmaß: Sowohl in den USA als auch in Deutschland sind die Anleiherenditen auf neue Rekordtiefs gefallen.

Die Pandemie hat Konsequenzen

Sinkende Anleiherenditen sind die Folge steigender Kurse. In den rekordtiefen Renditen spiegelt sich also die enorme Nachfrage der vergangenen Tage wider. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren jetzt bei minus 0,8 Prozent. Anleger bezahlen mithin die Bundesrepublik dafür, dass sie ihr Geld leihen dürfen. Zehnjährige US-Staatsanleihen liefern immerhin noch 0,7 Prozent. Bei amerikanischen Staatsanleihen mit zwei Jahren Laufzeit fiel die Rendite innerhalb von zehn Tagen um hundert Basispunkte auf knapp 0,4 Prozent – „der größte Renditesturz in so kurzer Zeit seit 19 Jahren“, kommentiert Daniel Hartmann, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Bantleon.

Die Nachfrage nach Gold und Staatsanleihen dürfte nicht so bald wieder sinken, denn die Lage rund um den Covid-19-Ausbruch, der von der Weltgesundheitsorganisation WHO gerade zur Pandemie hochgestuft wurde, bleibt unübersichtlich. Während aus China ermutigende Nachrichten kommen, hat die Zahl der Neuinfizierten in den USA und in vielen europäischen Ländern ihren Höhepunkt wohl noch nicht erreicht. Jedem sei mittlerweile klar, dass die Pandemie schwere wirtschaftliche Konsequenzen habe, sagt Hartmann. Er geht davon aus, dass die Wirtschaft in der Eurozone im ersten Halbjahr 2020 den härtesten Rückschlag seit der Eurokrise im Jahr 2011, vielleicht sogar seit der Finanzkrise 2008 einstecken muss. Entsprechend vorsichtig dürften sich viele Anleger weiterhin positionieren, prognostiziert der Bantleon-Ökonom.

Wie lange müssen Anleger durchhalten?

Die Manager bekannter Mischfonds wie dem Ethna-Aktiv oder dem DWS Concept Kaldemorgen haben sich zum Teil bereits vor Wochen defensiver aufgestellt, einen größeren Teil ihres Fondsvermögens in Anleihen investiert und ihre Aktienpositionen abgesichert. Auf den ersten Blick tun es ihnen jetzt viele Privatanleger gleich. Zwischen Absicherung und Panikverkäufen besteht allerdings ein himmelweiter Unterschied. Der rasante Sturz der Aktienkurse und Anleiherenditen deutet darauf hin, dass Anleger momentan wenig planvoll vorgehen. „Im quasi wahllosen Ausverkauf ist die Angst der Feind, den es zu bekämpfen gilt“, sagt deshalb Amundi-Stratege Blanqué. Er rät dazu, die Zähne zusammenzubeißen statt Aktien mit Verlust zu verkaufen, um in teure und niedrig verzinste Anleihen zu flüchten.

Die Frage ist jetzt weniger, wie tief die Aktienkurse noch fallen. Das weiß man immer erst hinterher. Spannender ist, wie lange Anleger durchhalten müssen, bevor sie die Buchverluste der vergangenen Wochen wettgemacht haben. Die meisten Anlageprofis gingen bis vor kurzem von einer V-förmigen Korrektur aus, rechneten also damit, dass sich die Börsen rasch wieder vom Corona-Schock erholen würden. Mittlerweile erwarten immer mehr Marktbeobachter stattdessen ein U, also eine längere Durststrecke. Je länger diese anhält, desto weniger attraktiv dürfte ein Investment in vermeintlich sichere Staatsanleihen werden: Je nach Konjunkturentwicklung und Fiskalpolitik könnten sich bonitätsstarke Anleihen in Zukunft eher wie Risikoanlagen verhalten, sagen Experten von J.P. Morgan Asset Management.