KolumneDie Fragezeichen hinter der Aktienhausse

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Die Jahrhunderthausse an den Aktienmärkten, die im Nachgang der großen Finanzkrise anhob und durch heftige Korrekturen während der Euro-Rettungskrise im Jahr 2011 und im letzten Frühjahr durch den Corona-Kurssturz unterbrochen wurde, gewinnt in diesem Jahr an Breite. Geringer kapitalisierte Aktien und Dividendentitel aus klassischen Wirtschaftsbranchen haben mittlerweile Dynamik aufgenommen, nachdem vor allem Internet- und Softwareaktien jahrelang das Börsenfeld anführten. Auch auf der Nachfrageseite ist eine Verbreiterung unter den Aktienkäufern zu beobachten. Privatanleger und Tageshändler mischen inzwischen an der Börse kräftig mit. Institutionelle Adressen, die traditionell zinsorientiert anlegen, erhöhen ihre Aktienquoten.

Zugleich fehlt es nicht an Warnzeichen. Die Platzierung inhaltsleerer Börsenmäntel, die sich unter dem Akronym Spac erstaunlicher Beliebtheit erfreuen, ist gewiss sehr fragwürdig. Das dabei oftmals Prominente aus Sport, Wirtschaft und Medien für die Steigerung der Aufmerksamkeit sorgen, entspricht dem neuen Zeitgeist des Influencertums. Ob dadurch jedoch die Substanz der Sache angehoben wird, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Coinbase – mehr als ein Hype?

Auch die Kapriolen auf dem Markt für sogenannte Krypto-Währungen deuten auf Exzesse hin. Ob es sich bei Bitcoin und Co. um Währungen im eigentlichen Sinne handelt ist obendrein zweifelhaft. Einstweilen dürfte die konservative Hypothese treffender sein, dass es sich um überbeliebte Spekulationsobjekte handelt, die durch die Finanzialisierung unerhörte Dimensionen erreichen können.

Dazu passt, dass mit Coinbase nun eine  Kryptohandelsplattform an die Börse gegangen ist, die dort höher bewertet wird, als die größten Börsenplätze der Welt. Man könnte sagen: Was Tesla im Vergleich zu den etablierten Automobilherstellern ist, das ist Coinbase im Vergleich zu den etablierten Börsenbetreibern der Welt.

Freilich besteht eine große Gefahr darin, vom temporären Börsenwert eines Unternehmens ohne weitere Untersuchung auf dessen Zukunftsaussichten zu schließen. Schließlich ist es nicht lange her, dass Nikola im letzten Jahr zeitweise der teuerste Lastwagenbauer der Welt war, ohne je ein Fahrzeug produziert zu haben.

Erfahrene Börsianer wissen, dass eine Hausse im depressiven Umfeld geboren wird und in der exuberanten Euphorie die Saat ihres Endes liegt. Warten wir also ab, ob diejenigen Recht behalten, die behaupten, diesmal sei alles anders.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns