VermögensaufbauDie ETF-Revolution

Händler an der New York Stock Exchange
Händler an der New York Stock ExchangeGetty Images

Als John Bogle der Blitz traf, hatte er gerade seinen Job verloren. Es war 1974, „die US-Börsen befanden sich im freien Fall, die Stimmung an der Wall Street war katastrophal“, erinnerte sich der Fondsgründer 2016 in einem Interview. „Ich hatte also gerade viel Zeit.“ Und so blätterte Bogle eines Tages durch das Fachmagazin „Journal of Portfolio Management“ – damals wie heute keine leichte Kost. Dort stieß er auf einen Artikel, in dem der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson eine diffus klingende Forderung stellte: „Wir brauchen ein Portfolio, das schlicht dem S&P-500-Index folgt.“ Es sei schließlich ein „Mythos, dass bestimmte Fondsmanager den Index wiederholt und nachhaltig schlagen könnten“.

Bei der Lektüre durchzuckte Bogle die Idee zu einer Revolution. Denn hatte er nicht schon in seiner Abschlussarbeit 1951 geschrieben, dass aktive Fonds den breiten Markt dauerhaft nicht schlagen können? Ja, hatte er – dann aber der These lange keine Beachtung geschenkt. Zu verrückt schien die Idee, einfach die Indexrendite erzielen zu wollen. Nun aber zeigte sich Jahr für Jahr, dass 85 Prozent der US-Aktienfonds nicht einmal mit dem S&P-500-Standardwerteindex mithalten konnten.

Dazu hatte der John Bogle des Jahres 1974 die Nase voll von der Fondsindustrie, die nach seiner Meinung an Interessenkonflikten litt: je höher die Kosten eines Fonds, desto höher der eigene Ertrag – desto geringer aber die Rendite der Anleger.

Also gründete Bogle die Fondsgesellschaft Vanguard und schuf 1976 den ersten passiven Indexfonds für Privatanleger. Er setzte schlicht auf den S&P 500. Ausgabeaufschläge für den Vertrieb entfielen, die Handels- und Verwaltungsgebühren waren lächerlich niedrig. Es war eine Demokratisierung der Geldanlage.

Heute, gut 40 Jahre später, können Privatanleger allein an der Börse Frankfurt aus rund 1200 börsengehandelten Fonds (ETFs) auswählen, die zusammen 450 Mrd. Euro verwalten. Die jährlichen Gesamtkosten für einen passiven Fonds etwa auf den deutschen Aktienindex Dax sind im scharfen Wettbewerb der ETF-Anbieter auf unter 0,2 Prozentpunkte pro Jahr gesunken – das ist etwa ein Zehntel der Gesamtkosten eines typischen aktiv verwalteten Fonds für deutsche Aktien. Viele Aktionen von Direktbanken und geringe Orderkosten machen die langfristige Geldanlage über ETFs bereits für monatliche Sparraten von 25 Euro oder Einmalanlagen von 1000 Euro lukrativ.

Doch noch immer ist die Geldanlage über passive Indexfonds und ETFs für viele Privatanleger ein Buch mit sieben Siegeln. Zu verwirrend ist die Produktvielfalt – allein an der Börse Frankfurt werden sieben verschiedene ETFs auf den Dax angeboten. Zu intransparent sind für viele Aufbau und Ertragsverwendung: Manche ETFs bilden einen Index ab, indem sie die darin enthaltenen Werte kaufen, andere tun dies über Derivate; manche schütten Dividenden aus, andere sammeln sie an. Und zu kryptisch sind für viele Anleger die omnipräsenten Abkürzungen: Was etwa heißt UCITS, Sicav, TR, MSCI?

Prognosen sind Zufall

Capital geht darum den typischen Anlegerfragen rund um ETFs in einer dreiteiligen Serie nach und blickt hinter die Kulissen der rasch wachsenden Billionenindustrie. In diesem ersten Teil der Serie zeichnet Capital den Aufstieg der ETFs nach: von einem Nischenprodukt in den 70er-Jahren bis heute – da weltweit bereits jeder dritte neu angelegte Euro in passive Instrumente fließt und die ETF-Industrie ihre verwalteten Mittel alle vier Jahre verdoppelt.

Im zweiten Teil wirft Capital einen Blick hinter die Kulissen eines der größten ETF-Anbieter weltweit und verfolgt den Weg einer Order vom Onlinekonto eines Privatanlegers bis zur Börse, wo die Gelder in einen Korb von Aktien verteilt werden. Im dritten und abschließenden Teil gibt Capital konkrete Hinweise zur Auswahl der richtigen ETFs für den persönlichen Anlagebedarf und untersucht die Risiken, die mit dem globalen Boom an ETFs verbunden sind.