InterviewETFs: „Die Bedeutung wird weiter zunehmen“

Andreas Hackethal: Der Professor für Finanzen der Goethe Universität Frankfurt beschäftigt sich vor allem mit den Themen Anlegerverhalten, Beratung und Finanzinnovationen. Seit 2009 gehört er dem Fachbeirat der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und seit 2011 der Börsensachverständigenkommission am Finanzministerium an.

Herr Hackethal , Sie haben in einer Studie mit anderen Finanzwissenschaftlern* das Anlageverhalten von Privatanlegern im Hinblick auf ETFs untersucht. Was ist das wichtigste Ergebnis?

Wir konnten in einer anonymisierten Auswertung von rund 7000 Depots so genannter „Selbstentscheider“ belegen, dass Privatanleger, die in passive ETFs investieren, keine bessere Portfolioperformance aufweisen als solche ohne ETFs. Das gilt sogar, wenn man die Transaktionskosten außen vorlässt und das eingegangene Risiko berücksichtigt.

Wie erklären Sie sich diese Ergebnisse?

Die zwei wesentlichen Gründe sind schlechtes Timing und schlechte Auswahl der ETFs. Deswegen haben wir die Studie auch „Der Missbrauch von ETFs“ genannt. Es gibt viele günstige und gut diversifizierte ETFs. Diese Vorteile verschwimmen aber, wenn ETFs zu häufig gehandelt werden. Wir konnten erkennen, dass das Timing umso schlechter war, je häufiger Anleger ETFs gehandelt haben. Und auch, dass zwar der Großteil der in ETFs angelegten Gelder von Privatanlegern tatsächlich in günstigen ETFs auf bekannte Indizes liegt, aber eben auch erhebliche Mittel in exotischen, teureren oder gar aktiven Produkten, die es ebenfalls im ETF-Markt gibt.

„Für den Einstieg bieten sich Roboadvisor an“

ETFs verzeichnen ein rasantes Wachstum und haben einen guten Ruf, vor allem mit Blick auf die Kosten. Drohen daher Enttäuschungen bei Anlegern, für die ETFs ein idealer Einstieg in die Geldanlage sind?

Das würde ja bedeuten, dass ETFs ein Instrument sind, das Anleger anlockt, beim Start in die Geldanlage gleich zu spekulieren. Dafür haben wir keine Belege gefunden. Vielmehr waren ETFs bei jenen schon erfahrenen Anlegern ein Vehikel in einer Reihe mit Aktien und aktiven Fonds. Sie kamen im Gesamtportfolio auf einen Anteil von im Schnitt rund 20 Prozent.

Wird sich das künftig ändern?

Die Bedeutung von ETFs wird sicher auch in Deutschland weiter zunehmen. Weil die Anlageberatung bei Banken und Sparkassen jedoch hierzulande größtenteils über Vertriebsprovisionen läuft und ETFs keine zahlen, ist das Wachstum gebremst. Aus demselben Grund landen Wertpapier-Einsteiger, die über die persönliche Beratung gehen, selten direkt in ETFs. Anders bei den neu aufkommenden, so genannten „Roboadvisorn“. Die setzen bei den angebotenen Portfolien vor allem auf ETFs und bieten sich durch den einfachen Anlageprozess und die niedrigen Mindestbeträge auch für Einsteiger an. 

Langfristig Einzelaktien und aktiven Fonds überlegen

Haben „Roboadvisor“ nicht ein ähnliches Problem wie die ETFs bei Privatanlegern: guten Ruf, gute Presse – aber es ist kaum nennenswert Vermögen investiert? Laut Schätzungen haben die Roboadvisor in Deutschland allenfalls einige hundert Millionen Euro eingesammelt bei einem Sparvermögen von über einer Billion Euro.

Das stimmt. Aber es ist ein ganz normaler Prozess bei Neuerungen – gerade im Finanzbereich. Die heute größten US-Roboadvisor Wealthfront und Betterment haben seit der Gründung vor rund zehn Jahren jahrelang unterhalb der Wahrnehmungsschwelle gearbeitet, ehe die Vermögen plötzlich exponentiell gestiegen sind. Es wird auch in Deutschland neue Akteure geben, die wieder verschwinden, aber innerhalb der kommenden Jahre werden Roboadvisor auch bei uns signifikante Marktanteile erobern. Das wird spätestens dann der Fall sein, wenn die etablierten Finanzhäuser ihre eigenen Roboadvisor in den Markt drücken und für Bekanntheit und Vertrauen in das Robo-Modell sorgen. Davon profitieren dann auch die kleineren Akteure.

Haben Sie auf Basis Ihrer ETF-Forschung einige simple Ratschläge für Anleger, welche Fehler sie vermeiden sollten?

ETFs auf breite Indizes sind die direkte Umsetzung jahrzehntelanger Forschung, dass man nämlich mit einer günstigen und diversifizierten Indexanlage langfristig besser abschneidet als die überwiegende Mehrheit der Privatanleger mit Einzelaktion und aktiven Fonds. Genau so sollte man ETFs auch als Selbstentscheider einsetzen: mit einem geduldigen Kaufen und Halten, nicht mit einem ständigen Handeln. Neueinsteiger sollten sich vor Augen führen, dass man auch mit ETFs das Risiko der Märkte nicht verschwinden lassen kann. Deshalb ist die Frage nach dem Anteil von Aktien-ETFs am Gesamtvermögen auch wichtiger als zum Beispiel die Frage, wie einzelne Weltregionen im globalen ETF-Portfolio genau zu gewichten sind.

* „Abusing ETFs“ – Utpal Bhattacharya, Benjamin Loos, Steffen Meyer, Andreas Hackethal, Review of Finance, Volume 21, Issue 3, 1 May 2017, Pages 1217–1250

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