KolumneDeutsche Leitkultur bei der Geldanlage

Christoph Bruns
Christoph Bruns

Die deutsche Leitkultur – was immer das auch sein soll – treibt schon sonderbare Blüten. Sofern damit Gepflogenheiten gemeint sind, die bereits seit längerem von der Mehrheit der Bevölkerung praktiziert und betrieben werden und daher „typisch deutsch“ genannt werden können, leidet die Diskussion an Breite und Tiefgang. Wie sieht es etwa mit der Leitkultur auf dem Gebiet der Geldanlage aus?

Nun ja, die Fakten sind schnell beschrieben. Deutsche Bürger gelten als akribische Sparer, für die das Attribut „Sparweltmeister“ den Sachverhalt einigermaßen treffend beschreibt. Und die Daten bestätigen diesen Befund. Die Deutsche Bundesbank erstellt jährlich einen Bericht über das Geldvermögen deutscher Bürger. In ihrem jüngsten diesbezüglichen Report wird auf ein bestehendes Geldvermögen von insgesamt 5.586.000.000 Euro verwiesen. Diese fünfeinhalb Billionen Euro sind ein großer Betrag.

Spannend ist der Blick auf die Aufteilung des Geldvermögens. Zinsbasierte Anlageformen dominieren die Aufstellung. Vor allem Ansprüche an Lebensversicherungen sowie Spar-, Sicht-, und Termineinlagen prägen mit insgesamt 75 Prozent das Gesamtbild. Aktien- und Aktienfonds machen hingegen nur etwa zehn Prozent des Geldvermögens aus. Für die deutsche Leitkultur auf dem Gebiet der Geldanlage lassen sich daraus folgende Schlussfolgerungen ziehen:

  • Deutsche Sparer hängen an Zinsprodukten
  • Die Elastizität zu Zinsveränderung liegt nahe Null
  • Die erwiesenen Vorteile der Aktienanlage werden weitgehend ignoriert
  • Profunde Kenntnisse auf dem Gebiet der Geldanlage sind rar
  • Dauerpessimimus wird mit Risikomanagement verwechselt

Die Aufzählung belegt die Existenz einer deutschen Leitkultur auf dem Gebiet der Geldanlage. Der rote Faden des Befundes scheint in der Irrationalität dieser Leitkultur zu liegen. Denn spätestens nach der Abschaffung positiver Realzinsen in Deutschland durch die Europäische Zentralbank, hätte es, wenn es mit Vernunft zugegangen wäre, eine Veränderung des Sparverhaltens geben müssen. Sachwerte und zwar vor allem dynamische Sachwerte – sprich Produktivvermögen beziehungsweise Aktienanlagen – hätten ein größeres Gewicht bekommen müssen. Zwar sind Aktienanlagen bereits seit Gründung der Bundesrepublik weit besser gelaufen als langlaufende Zinsanlagen (und das beileibe nicht nur in Deutschland), jedoch hat es bis zur großen Finanzkrise 2007 ff. immerhin positive Nominalzinsen gegeben.

Die Irrationalität fußt ohne Zweifel auf mangelnden Kenntnissen über die Geldanlage. Weder Schulen noch Hochschulen vermitteln hinreichendes Wissen auf diesem Gebiet, weil Geldthemen – außer es geht um staatliche Umverteilung – als unwürdig für die Allgemeinbildung angesehen werden. Die Politik scheut das Thema, weil sie für die drastische Fehlallokation mitverantwortlich ist und ein Umsteuern mit erheblichem Gesichtsverlust verbunden wäre.

Hochmut ist Fehl am Platz

Apropos Fehlallokation: Wer vergleichende Ranglisten zum materiellen Vermögen in verschiedenen Ländern heranzieht, der stellt fest, dass die Bürger der Bundesrepublik im internationalen Mittelfeld auf Platz 20 rangieren. Der gelegentlich anzutreffende Hochmut, mit dem heutzutage gerne verächtlich über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Italien, Frankreich, Griechenland und Großbritannien gesprochen wird, erhält durch die Vermögensstatistiken eine starke Relativierung. Von der Schweiz, den USA oder Japan wollen wir erst gar nicht reden. Dort ist man dem eher mittelmäßigen Geldvermögensniveau Deutschlands weit enteilt.

Wer dies bedenkt, der kann nachempfinden, warum im Ausland das Phänomen „dumb German money“ regelmäßig belächelt wird. Die Situation ist sogar derart absurd, dass sich der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi in einer Rede veranlasst sah, unsere Landsleute daran zu erinnern, dass es mehr gebe als das Sparbuch und daher die larmoyante Haltung zu den Niedrigzinsen nutzlos sei. Ja, wer den Vermögensschaden hat, braucht wahrlich für den Spott nicht zu sorgen.

Aus Chicago
Ihr

Dr. Christoph Bruns


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Teilhaber der Fondsgesellschaft Loys AG. Weitere Kolumnen: Aktienquote statt Frauenquote, US-Aktien starten durch und Obamas glanzloser Abgang


Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: