KolumneDer Quatsch mit der Stop-Loss-Order

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

Urlaub als die schönste Zeit des Jahres? Von wegen! Wenn Sie, wie ich, in den Neunziger und Nuller Jahren zum Spekulieren und Investieren gekommen sind und einige Bücher und Zeitschriften zum Thema Geldanlage gelesen haben, dann nahen jetzt mit der Urlaubszeit die Wochen des Horrors.

Denn es könnte ja sein, dass Sie ihr Portfolio einige Tage oder gar Wochen unbeaufsichtigt lassen müssen. Weil sie in den toskanischen Hügeln nicht mal dann mobile Daten empfangen, wenn Sie Ihr Smartphone mit ausgestreckter Hand auf dem höchsten Punkt des Geländes hochhalten. Weil Ihnen Ihr Partner das Daddeln an elektronischen Endgeräten für die Dauer des Urlaubs verboten hat. Oder weil Sie rechnen können und Sie einmal Einloggen mehr Roaminggebühren kostet, als Sie im Jahr an Dividenden kassieren.

In den Urlaub fahren und keine Kontrolle über das Depot haben – undenkbar für viele. Was da alles passieren kann! Hier haben unzählige Nutzwert-Artikel ganze Arbeit geleistet und gleich die Lösung mitgeliefert: Entweder, man sichere sein Depot vordem Reiseantritt mit Optionsscheinen und Hebelprodukten ab. Wie man das genau macht, hat zwar kaum jemand außerhalb der Bankenhandelssäle und Redaktionen richtig verstanden. Immerhin bot das Gerede der „Depotabsicherung“ die Möglichkeit, sich selbst die hanebüchene Zockerei mit den heißen Scheinchen einige Wochen lang schönzureden, man betreibe ja „Depotabsicherung“.

Eine Stopp-Loss-Order ist nur für wenige Anleger relevant

Oder aber, man installiere eine Stop-Loss-Order. Das klingt schon mal gut: Stop Loss. Man stoppt den Verlust. Wer will Verluste nicht stoppen, und das auch noch automatisch? Konkret heißt das: Man erteilt eine Order, dass ein Wertpapier beim Unterschreiten einer bestimmten Kursschwelle sofort verkauft wird. Es leuchtet ein, dass diese Schwelle unterhalb des aktuellen Kurses liegt. Das heißt: Rappelt es an den Märkten, begrenzt eine Stop-Loss-Order automatisch die Verluste (oder sichert die Gewinne) ohne Zutun, selbst wenn man gerade irgendwo in der Weltgeschichte herumgondelt.

Allein: Was in der Theorie gut klingt, muss in der Praxis nicht zwingend hilfreich sein. Ich behaupte, dass die Stop-Loss-Order nur für eine sehr spitze Zielgruppe überhaupt relevant und hilfreich sein kann. Dabei handelt es sich um Anleger, die erstens mit eher spekulativen Wertpapieren arbeiten und zweitens auch außerhalb der Urlaubszeit große Schwierigkeiten damit haben, Verluste zu begrenzen, wenn sich eine Investition anders entwickelt als erhofft.

Verluste zu begrenzen und Gewinne laufen zu lassen ist eine sehr simple, effektive – und doch sehr schwer umzusetzende Maßnahme, um erfolgreich anzulegen. Intuitiv neigen wir dazu, es andersherum zu machen und uns die Rendite zu ruinieren: Gewinne mitzunehmen, weil uns ein Anstieg zu rasch erscheint oder wir uns Gewinne „sichern“ wollen. Und Verluste laufen zu lassen, weil wir uns keinen Fehler eingestehen wollen. Weil doch bald mal eine Gegenbewegung kommen muss. Weil es doch ein gutes Unternehmen ist. Und, und, und.