KolumneDer merkwürdige Corona-Boom der „Tech-Aktien“

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Ein Handelsgigant und die teuerste Marke der Welt, ein Elektroautohersteller und ein Medienkonzern – die Stars der Wall-Street firmieren allesamt unter dem Begriff „Tech-Aktien“, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Eigentlich gibt es zwischen Amazon und Apple, Tesla und Netflix nur eine einzige wirkliche Gemeinsamkeit: Die Aktien steigen und steigen seit dem tiefen Knick im April, als die Corona-Krise alle Börsenwerte in den Keller trieb.

Der Oberbegriff „Tech-Aktien“ vernebelt mehr als er erklärt. Was haben die Erfolge dieser Börsenwerte mit ausgeklügelter Technologie zu tun? Bei Netflix gar nichts und bei Amazon nur ein wenig. Tesla und Apple bedienen sich aus dem Baukasten der Zulieferer – leisten allerdings sehr gute Arbeit bei der Integration technischer Komponenten. Technologie getriebene Unternehmen sehen irgendwie anders aus. Sie glänzen durch Basisinnovationen, mit denen sie der Konkurrenz fortlaufend enteilen.

In der Corona-Krise fahren alle, selbst die die stärksten Unternehmen, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung tendenziell herunter. Den Börsenboom an der Nasdaq kann man also fundamental kaum mit der Hoffnung auf eine Welle von Innovationen in den nächsten Jahren erklären. Amazon und Apple, Tesla und Netflix profitieren natürlich gemeinsam vom unaufhaltsamen Trend zum Online-Vertrieb. Sie verkaufen entweder ausschließlich (Amazon, Netflix) oder wenigstens hauptsächlich (Apple, Tesla) über das Netz. Und wenn die Krise eines massiv in aller Welt verändert hat, dann das Einkaufsverhalten der meisten Verbraucher. Online-Shopping gewinnt, die Läden verlieren.

Amazon ist der große Champion unter den „Tech-Aktien“

Doch in der Corona-Krise profitieren davon nicht alle Wall-Street-Stars gleichermaßen – man sollte genauer hinschauen. Tesla und Apple gehören nicht zu den großen Gewinnern dieses neuen Online-Booms. Bei Netflix muss man schauen, ob alle bei der Stange bleiben, wenn normale Freizeit wieder möglich wird. Der wahre Gewinner heißt Amazon. Gegenwärtig kann man nichts erkennen, was Jeff Bezogs wirklich bremsen sollte. Deshalb kann man den Höhenflug der Amazon-Aktie fundamental noch am ehesten begründen.

Langfristig kann wohl nur eine Sache wirklich gefährlich für Amazon werden: Die wachsende politische Debatte über die Marktmacht des Giganten. Das gilt vor allem für die Diskussion in Europa, wo man mit anderer Elle misst als in den USA. Zwar gibt es eigentlich noch gar keinen Grund für die Kartellämter einzugreifen, wenn man sich die bloßen Marktanteile anschaut. Trotzdem halten immer mehr Politiker Ausschau nach einem Weg, den Siegeszug des Händlers irgendwie zu bremsen.

An der Börse ignoriert man diese Gefahr – auch weil man Amazon ja als „Tech-Aktie“ verbucht. Deshalb dürfte die Aktie erst einmal weiter steigen und steigen. Denn Kapital, das nach Anlagemöglichkeiten sucht, davon gibt es in Corona-Krise ja genug. Und die Notenbanken sorgen mit ihrer Politik des ultraleichten Geldes dafür, dass es noch für viele Monate, wenn nicht Jahre so bleibt.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.