Börse Das wundersame Wachstum der Tech-Aktien

Für Tech-Aktien ging es zuletzt wieder bergauf
Für Tech-Aktien ging es zuletzt wieder bergauf
© dpa
Gerade erst zählten Tech-Aktien zu den Verlierern, nun sind sie wieder die ganz großen Gewinner. Ihre Kurse steigen und viele Aktienstrategen reiben sich die Augen: Ist das ein Ausreißer, oder kann das noch lange so weitergehen?

Richtige Wunder sind auch an der Börse selten, aber wundersame Begebenheiten kommen dort tatsächlich öfter vor. Eines dieser denkwürdigen Ereignisse passierte Ende Juli und wirkt bis heute nach: Der Nasdaq-100-Index, der Technologieindex der amerikanischen Börse stieg auf ein neues Allzeithoch von 8016 Punkten. Und ist seitdem grundsätzlich weiter auf dem Weg nach oben. Zwar haben ihm die letzten Handelstage einen kleinen Zwischenknick verpasst und auch die Zinssenkung der amerikanischen Notenbank hat ihn nicht gerade weiter beflügelt, doch der Aufwärtstrend ist nach wie vor intakt. Deshalb wird er weiter steigen, sagen Charttechniker und Analysten stimmen zu. Sogar die 9000-Punkte-Marke halten einige noch in diesem Jahr für denkbar. Das hört sich nun tatsächlich wunderbar an. Oder doch eher wundersam?

Schließlich gibt es eine Grundregel in der Anlegerwelt: Nicht nur die Wirtschaft folgt bestimmten Zyklen, die in Summe einen steten Auf- und Abschwung ergeben, sondern der Aktienmarkt verläuft ebenso zyklisch schwankend und er läuft dem Zyklus der Realökonomie dabei etwas voraus. Technologieaktien gelten als jene Aktien, die sich besonders zu Beginn eines Aufschwungs aufschwingen und dann in große Kurshöhen durchstarten. In späteren Zyklusphasen dagegen, in späten Bullenmärkten und am Scheitelpunkt eines Aufschwungs verlieren sie an Schwung. Dann gewinnen Investitionsgüterhersteller, Energie-Aktien und Edelmetalle vermehrt an Wert – normalerweise.

Bis Herbst letzten Jahres schien die Aktienwelt dahingehend auch in Ordnung: Da setzten die Technologie-Aktien nämlich zum großen Sinkflug an . Bereits im Mai 2018 waren sie einmal empfindlich eingeknickt und hatten viele Analysten hellhörig werden lassen. War das der Vorbote für den beginnenden Konjunkturabsturz? Ab Herbst dann schien die Sache klar: Die Tech-Aktien verloren bis zum Jahresende durch die Bank zirka 30 Prozent ihres Wertes und fanden sich im Januar weit unterhalb ihres Sommerhöchststände wieder. Passend dazu trübten sich die Konjunkturaussichten ein und die Prognosen der Ökonomen wurden immer zurückhaltender. Inzwischen vergeht auch kaum eine Woche, in der nicht wenigstens ein Wirtschaftsinstitut vor dem schwächeren Wirtschaftswachstum warnt. Doch was machen die Tech-Aktien? Die koppeln sich scheinbar von all diesen Marktlogiken ab.

Wie lange hält der Aufschwung?

Zumindest schwangen sie sich seit Januar wieder steil bergauf. Allein die Börsenkurse der fünf Großen unter den amerikanischen Tech-Konzernen (Facebook, Apple, Amazon, Netflix und der Google-Mutterkonzern Alphabet, die man oft auch als FAANG-Aktien bezeichnet) erlebten sagenhafte Zuwächse: Google war mit 20 Prozent Kursplus noch der moderateste von ihnen. Netflix und Amazon legten über 30 Prozent hin. Apple sogar mehr als 40 Prozent. Facebook aber hob mit 50 Prozent geradezu ab. Die Hälfte des Börsenwerts gewann das soziale Netzwerk innerhalb von nur sechs Monaten hinzu, das ist gigantisch. Mittlerweile steht die Aktie sogar höher als zu Beginn des Abschwungs vor einem Jahr. Die anderen haben ihre Kursverluste zumindest nahezu wieder wettgemacht. Und Microsoft, der sechste große Tech-Gigant, ist sogar deutlich über den Wert von 2018 hinausgeschossen: Statt der 99 Euro, die das Papier noch im Oktober 2018 kostete, bevor es sich auf 86 Euro herunterregulierte, steht der Kurs jetzt sogar bei 124 Euro. Und gilt sogar noch immer als unterbewertet.


Microsoft Aktie


Microsoft Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Nun sagen tatsächlich etliche Analysten, die Tech-Aktien hätten wieder einen Lauf und der neue Aufschwung werde noch eine Weile anhalten. Kann das sein?

Wenn man an die nahende Konjunkturabkühlung glaubt und an den Wirtschaftseinbruch, scheint das zumindest unwahrscheinlich. In solchen Zeiten nämlich gehören gerade Technologiewerte üblicherweise zu jenen Aktien, die am meisten abgestraft werden. Dafür scheint auch zu sprechen, dass die Bewertungen der Firmen hoch sind: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Nasdaq100 liegt für eben diese „großen 5“ bei 50, inklusive Microsoft bei 46, das ist viel. Wie viel, zeigt ein Blick auf das zehnjährige Durchschnitts-KGV des Tech-Index, das liegt bei 16. So gesehen sind die Tech-Aktien dreifach überbewertet. Auch im Vergleich zum deutschen TecDax übrigens, dessen KGV derzeit bei 29 liegt. Wohlgemerkt: Obwohl der TecDax auf Zehnjahressicht etwa dieselbe Wertentwicklung hinlegte wie der Nasdaq, 333 Prozent Kursplus nämlich (389 waren es beim Nasdaq) und ihn auf Drei- und Fünfjahressicht sogar abhängte mit plus 69 Prozent und plus 139 Prozent (plus 65 und 101 schaffte der Nasdaq).

Kaum Alternativen zu Aktien

Können die Indizes trotz dieser Bewertungen also wirklich noch satt weiter steigen? Klar können sie das, entgegnen etliche Marktbeobachter und argumentieren mit dem enormen Stellenwert, den die Tech-Unternehmen mittlerweile in der Wirtschaft haben. Amerikas große Fünf kommen auf insgesamt gut 5 Billionen Dollar Firmenwert, auf über 2 Billionen Dollar Umsatz pro Jahr und der Sektor macht damit – inklusive Zulieferfirmen – etwa 16 Prozent der amerikanischen Wertschöpfung aus. Ihre Einnahmen wachsen, ihr Innovationspotenzial ist ungebrochen, warum also sollten sie den großen Absturz erleben?

Zudem befeuerte die US-Notenbank ja gerade erst wieder den Markt, indem sie die Zinsen senkte und damit weiterhin billiges Geld garantiert, das Aktienanleger an den Börsen für Zukäufe nutzen werden. Was sonst sollte man damit tun, als es bei den Niedrigzinsen in Aktien zu stecken? Auch in Europa ist – entgegen früherer Hoffnungen – ja nun beileibe keine Anhebung der Zinsen abzusehen. Dort spekulieren Fondsmanager und Ökonomen sogar, ob die neue EZB-Chefin Christine Lagarde nicht in einer kommenden Krise sogar zum Aktienkauf übergehen werde, ähnlich wie die Schweizer Nationalbank. Anleihen kauft die europäische Zentralbank ja schon kräftig, was aber wenig hilft. Warum also nicht die Märkte gleich mit Aktienkäufen stützen?

Eine These lautet daher: Gerade weil der derzeitige Aufschwung in einer Spätphase angekommen und mittlerweile so kraftlos geworden ist, und gerade weil die Notenbanken ihn mit zusätzlichem billigen Geld stützen, werde die US-Konjunktur noch eine ganze Weile weiterschnurren.

Auch Warren Buffett setzt auf Tech-Aktien

Deswegen lässt sich zurzeit eines beobachten, was zugegeben sogar langfristige Aktienmarktstrategen überrascht: Tech-Aktien und Wachstumsaktien generell liefen zuletzt auf Jahressicht – also in der Spätphase des Wirtschaftsbooms – erheblich besser als Value-Aktien, also Substanzwerte. Auch auf Fünfjahressicht waren die Wachstumswerte vorn. So eine Phase der Underperformance bei den Substanztiteln gab es noch nie, sowohl in der Dauer als auch im Ausmaß der Unterentwicklung, stellen Fondsmanager des Vermögensverwalters Flossbach von Storch fest. Üblicherweise sind es nämlich die klassischen Substanzaktien, die durch gute fundamentale Kennzahlen überzeugen, die langfristig eine bessere Wertentwicklung versprechen. Nicht umsonst verfolgt Investorenlegende Warren Buffet die Value-Strategie und kauft systematisch unterbewertete Substanzwerte in der Hoffnung, dass sie sich ihrer inneren Werte entsprechend entwickeln. Das Problem ist nur: Nach zehn Jahren Börsenhausse gibt es kaum noch Substanztitel, die wirklich als unterbewertet gelten.


Apple Aktie


Apple Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RTDer Growth-Anleger dagegen geht sozusagen eine Wette ein, welche aufstrebenden Firmen sich künftig am besten entwickeln werden. Wer wächst am schnellsten? Und wem ist auch langfristig aufgrund eines innovativen Geschäftsmodells großer Erfolg am Markt beschieden? Diese Frage versuchen sie mit ihrem Aktienkauf zu beantworten. Und das Beispiel der FAANG-Aktien zeigt, dass man damit längst nicht nur auf gewagte Schnellaufsteiger setzt, die morgen wieder von der Welt vergessen worden sind, sondern auf die Champions von morgen. Gerade sie aber fehlen in jedem Substanzwerte-Depot. Inzwischen hat allerdings Warren Buffet dazugelernt, wie er sagt. Selbst er setzt nun einen Teil seines Vermögens auf Amazon und Apple.

Viele Tech-Aktien sind nicht überteuert

Warum aber sollte deren Aufstieg anhalten? Zum einen wegen des anhaltenden Trends zu Indexfonds, sagen Analysten. Denn für jeden neuen ETF-Anleger, der ebenfalls auf amerikanische Aktien setzt, müssen die Fondsgesellschaften natürlich auch weitere Aktien der Big Five kaufen. zudem hält die Niedrigzinsphase an, das heißt: Wachstumsunternehmen bekommen weiterhin leicht Kredit, weil die Zinskosten so klein sind. Damit können sie ihre Expansion gut finanzieren und wachsen künftig noch mehr. Und drittens sind auch die Aktienrückkäufe der vergangenen Quartale einer der Kurstreiber: Die Steuerreform in Amerika begünstigt Firmen, die ihre Gewinne aus dem Ausland nach Amerika überführen und dort einsetzen. Viele Firmen tun das und müssten ihre Zusatzgewinne nun in den USA entweder für Investitionen, Akquisitionen oder zur Schuldentilgung einsetzen – oder an die Aktionäre ausschütten.

In Europa würden sie eher eine höhere Sonderdividende an die Investoren ausschütten, in Amerika aber werden Dividenden höher besteuert als hierzulande. Deshalb zahlt es sich für die Unternehmen mehr aus, wenn sie stattdessen in sich selber investieren – wenn sie keine anderen großen Investitionsvorhaben finanzieren müssen – indem sie eigene Aktien zurückkaufen. Damit beeinflussen sie ihre Gesellschafterstruktur in ihrem Sinne und werden resistenter gegen Übernahmeversuche. Das haben etliche US-Firmen genutzt. Und sie werden es wohl weiterhin tun.

All das heißt aber auch: Die Wachstumswerte, insbesondere die Tech-Aktien werden dadurch nur noch interessanter. Mit einer KGV-Bewertung von 17 (Apple), 25 (Microsoft) und 28 (Facebook) wirken sie zudem auch jetzt nicht unbedingt überteuert. Viele haben mit den derzeitigen Notierungen gerade mal den Fair Value erreicht, findet die Ratingagentur Morningstar, der liege bei Facebook, Apple und Microsoft noch einige Euro über den jetzigen Kursen. Bei Google sogar noch 200 Euro darüber, bei Amazon seien sogar noch knappe 400 Euro Luft nach oben. Einzig Netflix wird als bereits überteuert angesehen, den wahren Wert bemisst Morningstar mit 120, die Aktie steht bei knapp 300. Auch für Paypal sagen Analysten: Vorsicht, das Risiko ist hier sehr hoch.

Für die übrigen Techies könnte man aber demnach mit weiteren Kurssprüngen rechnen. Der TecDAx steht übrigens ebenfalls eher moderat bis unterbewertet da. Von daher wäre ein Investment in den Tech-Bereich über einen aktiven oder einen Indexfonds selbst jetzt noch nicht die allerschlechteste Idee. Kommt dann wirklich der Markteinbruch, dann heißt es eben: An den Aktien festhalten, komme was da wolle. Denn dass sie danach wieder weiterwachsen werden, sogar als Erste unter den Branchen, gilt als so gut wie ausgemacht. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten 2009 in den Nasdaq-Index investiert. Ihr Investment wäre heute das Vierfache wert. Wer im Jahr 1989 insgesamt 10.000 Dollar auf den Index gesetzt hätte, der besäße heute rund 445.000 Dollar. Klingt wie die wundersame Geldvermehrung, ist aber wahr.


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