Altersvorsorge Das deutsche Rentensystem kommt an seine Grenzen

Ältere Menschen gehören zur Risikogruppe in der Pandemie. Finanziell müssen sie sich keine Sorgen machen
Ältere Menschen gehören zur Risikogruppe in der Pandemie. Finanziell müssen sie sich keine Sorgen machen
© IMAGO / Future Image
Lieferwege sind abgeschnitten, Fabriken geschlossen, Arbeitnehmer in Kurzarbeit: Die Corona-Pandemie stellt die Wirtschaft vor enorme Herausforderungen und belastet auch die Rentenkasse. Sicher ist jetzt schon: Die Rentenbeiträge für Arbeitnehmer werden steigen

Die Corona-Pandemie hat viele Unternehmer und Arbeitnehmer in finanzielle Probleme gestürzt. Wann die Wirtschaft wieder in Schwung kommt und wie groß der Schaden durch Covid-19 ausfällt, ist noch ungewiss. Sicher ist allerdings jetzt schon: Die Pandemie wird sich auch auf das deutsche Rentensystem auswirken. Durch geschlossene Geschäfte und gestoppte Produktion wächst die Zahl der Arbeitslosen und Kurzarbeiter. Damit legen die Staatsausgaben deutlich zu, während gleichzeitig weniger Bundesbürger in den Rententopf einzahlen.

Trotzdem steigen zum 1. Juli dieses Jahres die Renten – und zwar gehörig. Im Osten erhalten Rentner ab diesem Datum 4,2 Prozent mehr, im Westen 3,45 Prozent. Ruheständler müssen auch in der Pandemie nicht um ihr Rentenplus oder gar eine Kürzung fürchten. „Die in diesem Jahr anstehende Rentenerhöhung ist angenehm für Rentner, hat aber nichts mit der Stabilität der Rentenversicherung während der Pandemie zu tun“, schreiben Axel Börsch-Supan und Johannes Rausch vom Munich Center for the Economics of Aging (MEA). Denn die Rentenanpassungsformel der Deutschen Rentenversicherung reagiert erst mit ein bis zwei Jahren Verzögerung auf ein verändertes Nettolohnniveau.

Aktuelle Rentenempfänger werden deutlich besser als Erwerbstätige durch die Krise kommen . Zu diesem Schluss kommen Rausch und Rentenkommissionsmitglied Börsch-Supan in einer aktuellen Analyse. Bisher gingen Forscher und Politiker davon aus, dass das Rentenniveau zuerst an der gesetzlich vereinbarten Haltelinie ankommt. Seit dem 2018 beschlossenen Rentenpaket darf das Rentenniveau nämlich nicht unter 48 Prozent des deutschen Durchschnittslohns fallen. Da auch der Wert pro erarbeiteten Rentenpunkt nicht sinken darf, die Löhne aufgrund der Corona-Pandemie aber fallen, könnte das Rentenniveau laut MEA kurzfristig auf 52 Prozent steigen. Relativ gesehen begünstigt die Krise also aktuelle Rentenempfänger.

Um die höheren Ausgaben zu stemmen, müssen Arbeitnehmer mehr in die Rentenkasse einzahlen. Bisher liegt der Rentenbeitragssatz bei 18,6 Prozent. Über 20 Prozent darf er bis zum Jahr 2025 gesetzlich nicht steigen. Das regelt die Haltelinie des Rentenpakets. Wie schnell der Beitragssatz im Zuge der Corona-Pandemie aber eigentlich steigen müsste, haben die MEA-Forscher in drei verschiedenen Szenarien simuliert . Dabei gehen sie von einem Rückgang der Wirtschaft um eineinhalb, sechs und neun Prozent aus. Im schlimmsten Szenario würde der Beitragssatz schon im kommenden Jahr die Haltelinie von 20 Prozent reißen, in der günstigsten Simulation müsste er bis 2022 zumindest auf 19,3 Prozent steigen – und würde damit gerade noch innerhalb der erlaubten Spanne liegen.

So oder so muss die Regierung laut der MEA-Analyse Milliarden zuschießen – und das nicht nur einmal. Je nachdem, wie stark die Wirtschaft unter den Auswirkungen der Pandemie leidet, werden laut Börsch-Supan und Rausch zeitweise zwischen 5,6 und 19 Mrd. Euro pro Jahr nötig sein, um den gedeckelten Beitragssatz auszugleichen. Die staatlichen Zuschüsse könnten erst nach 2025 wieder sinken, wenn der Beitragssatz laut Gesetz angehoben werden darf.

Bei all den düsteren Aussichten wollen die MEA-Forscher aber eines nicht unerwähnt lassen: Ja, einige deutsche Rentenregelungen wirken sich aktuell negativ aus. Aber auch kapitalgedeckte Altersvorsorgesysteme wanken – in diesem Fall aufgrund der eingebrochenen Aktienkurse. „Das zeigt, wie wichtig es ist, Altersvorsorgeprodukte nicht mit einer Stichtagsgarantie auszustatten, sondern den Großteil als Leibrente auszuzahlen, die über den gesamten Bezugszeitraum garantiert ist, so dass die Anbieter Kriseneinbrüche wieder ausgleichen können“, konstatieren Rausch und Börsch-Supan.

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