KolumneBörsen ignorieren Nahost-Zirkus

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Während das neue Jahr mit freundlichen Börsen aufwarten konnte, bescherte die politische Welt dem beginnenden Jahrzehnt sogleich einen Paukenschlag. Nach Provokationen von schiitischen Milizionären vor der amerikanischen Riesenbotschaft in Bagdad, ließ US-Präsident Donald Trump einen iranischen General per Drohnenangriff ermorden. Das übliche „Zeter und Mordio“-Geschrei hob rasch an und Trump seinerseits würzte die Aufwallung durch erwartbare Beleidigungen, Verleumdungen und Drohungen.

Inzwischen ist die Jeremiade verklungen, der Rauch verzogen und die Gemüter sind etwas abgekühlt. Obendrein gibt es eigentlich nur Verlierer – vor allem der Iran ist völlig blamiert, sofern er es nicht bereits vorher war. Denn den Iranern ist es nicht einmal gelungen, eine friedliche Beerdigung ihres Generals zu veranstalten. 40 Tote soll es gegeben haben. Noch dramatischer ist der stümperhafte Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs mit fast 200 Toten. Eine Verkettung aus Impotenz und Inkompetenz hat der Welt den kläglichen Zustand des Irans und seiner Armee vor Augen geführt.

Russland und die Türkei sind die Gewinner der Iran-Krise

Aber auch Europa ist durch das Trump‘sche Abenteuer gedemütigt. Der Wüterich aus dem Weißen Haus hat es in einem Bruch mit bisherigen Traditionen innerhalb der Nato gar nicht für nötig gehalten, seine Verbündeten über die Militäraktion zu informieren. Gleiches gilt für die Opposition der Demokraten. Die einzige Rolle, die den europäischen Ländern und vor allem Deutschland zugewiesen wird, besteht darin, den Wiederaufbau im Nahen Osten wohlwollend finanziell zu begleiten. Als Lachnummer trat obendrein noch AKK auf, indem sie als oberste deutsche Feldherrin auf das wichtige Engagement der Bundeswehr im Irak beharrte.

Wesentlich besser aus der Affäre gehen Russland und die Türkei hervor. Deren autokratische Führer besaßen die Klugheit, sich zunächst zurückhaltend schweigend aus dem Theater herauszuhalten. Sogleich denkt man an das Boёthius zugeschriebene berühmte „Si tacuisses, philosophus mansisses“ (Hättetst Du geschwiegen, wärest Du ein Philosoph geblieben). Jedenfalls wissen Putin und Erdogan, die nebenbei soeben eine zusätzliche Erdgasleitung zwischen beiden Ländern beschlossen haben, genau, dass die Lage sich im Nahen Osten seit der Amtsübernahme Trumps zu ihren Gunsten verschiebt. Man beachte in diesem Zusammenhang die spannende Entwicklung in Libyen. Und die Zeit spielt für Putin und Erdogan, denn Trump und die Amerikaner werden der permanenten Auslandsmilitäreinsätze langsam überdrüssig.

Amerikas Chaosstrategie

Zugleich ist vorstellbar, dass der ruhmreiche Donald Trump Imagegewinne bei seinen Wählern aus der Eskapade wird ziehen können. Nebenbei gelang ihm eine Ablenkung vom Handelsstreit mit China. Hatte es zunächst geheißen, Handelskriege seien leicht zu gewinnen, so scheint man in Washington dieser Tage bemüht zu sein, die gestolperte Kuh lieber schnell vom Eis zu holen, bevor der Wahlkampf richtig losgeht. Hinzu kommt, dass der Präsident bislang wenig Gefallen an dem Amtsenthebungsverfahren gegen ihn finden kann und deshalb Demonstrationen seiner vermeintlichen Tatkraft unter Beweis stellen will.

Ob aber die USA zu den Profiteuren der neuen Nahostpolitik gehören ist hochgradig fraglich. Nachdem das irakische Parlament den Abzug der amerikanischen Truppen gefordert hat, wird nun deutlich, wie rasch der US-Einfluss in der Region schwindet. Ein weiterer Verbleib der Amerikaner gegen den Willen des Volkes – der freilich vom Iran gesteuert wird – macht sie dort zu Besatzern. Obendrein kann man den USA bekanntlich keine übergroße Beliebtheit im Nahen Osten nachsagen. Dieser Verlust von Einfluss auf den Irak folgt der Chaosstrategie in Syrien, die freilich zu einem großen Teil Barack Obama anzulasten ist. Zur Garnierung hat Trump dann noch die vormals verbündeten Kurden verraten und zum Teil ans Messer geliefert; trauriges Resultat einer irrlichternden Außenpolitik,

Geradezu rational haben sich in der Zwischenzeit die Börsen verhalten. Ohne den Zirkus allzu wichtig zu nehmen sind sie ruhig zur ersprießlichen Tagesordnung zurückgekehrt.