Kolumne(Bar-)Geld ist nicht dreckig – Geld ist, was wir daraus machen

Dani Parthum Tom Salt

Ich griff nach dem Geld, das der Bankautomat gerade für mich sortiert hatte. „Nicht anfassen! Das ist schmutzig!“, hörte ich neben mir eine Frau bestimmt ausrufen. Ich drehte den Kopf zu ihr. Der Satz galt ihrer kleinen Tochter. Die saß auf dem Arm ihrer Mutter und hatte neugierig nach den Geldscheinen greifen wollen, die – wie bei mir – gerade auch aus dem Geldautomaten kamen. Das Mädchen guckte erschreckt. Die Mutter steckte das Geld ein und ging. Perplex blieb ich zurück.

Zwei Gedanken schossen mir durch den Kopf. Der erste: Was wird wohl bei dem Mädchen hängen bleiben von dieser Haltung der Mutter, später, wenn sie selbst eine Frau ist? Mit den Worten „Das ist schmutzig.“ hatte die Mutter ihr ohne Erklärung verboten, die glatten, bunt-schillernden Banknoten anzufassen und für sich zu erobern.

Der zweite: Selbst wenn Bakterien, Viren und Großstadtstaub an den Scheinen haften – das tun sie auch an Türklinken, Spielzeug, Tischen, Stiften, Handy- und Computertasten und vielen, vielen anderen Alltäglichkeiten. Ein Trainingslager für unser Immunsystem. Will sie das alles ihrem Kind verbieten? Weil sie es als „schmutzig“ bewertet? Und es krank machen könnte?

Was für ein gefährlicher Unfug.

Die Frage ist doch: Überträgt Geld Krankheiten?

Die Frau ist dabei nicht allein. Die Erzählung hält sich hartnäckig, Geld sei eine Dreckschleuder. Nur, weil auch auf Geldscheinen und Münzen freilich Bakterien, Keime und Vieren eine Weile überleben. Wie auf viele anderen Oberflächen. Verschiedene, teils alte Studien wie das immer wieder zitierte „Dirty Money Project“, das allerdings nicht einsehbar ist, sprechen von bis zu 3000 Bakterienarten, die sich auf Geldscheinen tummeln sollen; die meisten davon harmlos.

Was diese Studien nicht untersuchen – zumindest habe ich keine gefunden: Ob, wie und in welchem Umfang Bargeld Krankheiten überträgt und auslöst. Dabei wäre das doch der zentrale Punkt.

Das mediale Interesse an dem vermeintlichen Aufreger „Bargeld ist schmutzig“ ebbt trotzdem nicht ab. Im Gegenteil: Die Bankenlobby, US-Kreditkartenunternehmen und teils auch die Bundesregierung befeuern diese Dreck-Erzählung, um vom Bargeld abzuraten und stattdessen zu empfehlen, nur noch mit Karte oder kontaktlos zu bezahlen.

Die Corona-Pandemie hat diese Erzählung befeuert. In fast allen Geschäften und Supermärkten stehen Schilder wie: „Bitte zahlen Sie bargeldlos.“ Oder: „Schützen Sie unsere Mitarbeiter, zahlen Sie mit Karte!“ Damit wird der Eindruck erweckt und mit sozialem Druck verknüpft: Bargeld kann Überträger des Coronavirus sein und ansteckend. Ein sehr perfider Schwindel.

Bargeld ist sicher und ungefährlich

Denn von Bargeld geht selbst für Viren wie Sars-Cov-2, Vogelgripppe und Schweinegrippe keine Ansteckungsgefahr aus. Das hat die Deutsche Bundesbank früh betont. Die Europäische Zentralbank hat im Juli 2021 nachgelegt und eine Studie und Testreihe in Zusammenarbeit mit der Ruhr-Universität Bochum veröffentlicht. Ergebnis: Bargeld ist sicher und ungefährlich, das Risiko einer Übertragung sehr gering.

Dieses Studienergebnis wurde in Medien und Öffentlichkeit aber kaum beachtet. Die Erzählung vom schmutzigen Geld läuft munter weiter in Geschäften und Restaurants.

Sie hat dabei noch eine andere weitere Dimension – eine mentale.

Geld ist weder schmutzig noch verdirbt es den Charakter

Wir alle kennen diese negativen Behauptungen wie „Geld ist schmutzig“ oder „Geld verdirbt den Charakter“. Sie sitzen bei uns so fest im kollektiven Gedächtnis wie Mitesser in alternder Haut. Viele glauben an ihre Richtigkeit, weil sie es von den Eltern gehört haben und die wiederum von ihren Eltern. Psychologen nennen solche vermeintlichen Lebensweisheiten Glaubenssätze, weil ihnen tief verankerte, unbewusste Überzeugungen zugrunde liegen und nicht etwa belegbare Zusammenhänge. Wie sie entstanden? Über Jahrhunderte hinweg aus einer Mischung aus historischen, religiösen und kulturellen Gründen, die alle eines gemeinsam haben: der Masse das Geld zu verleiden, sie klein und arm und – besonders Frauen – abhängig zu halten.

Das wirkt bis heute. Was so harmlos daherkommt, hat weitreichende Konsequenzen, wie wir zu Geld stehen, es erleben und uns diesbezüglich verhalten. Wer negativ über Geld denkt, wird nie nach einem hoch bezahlten Beruf oder hohem Einkommen streben, Vermögen nur widerwillig aufbauen oder nach Macht greifen. Denn mehr Geld und Vermögen gehen ja einher mit Dreck und schlechtem Charakter. Wer will das schon? Sie?

Geld ist eine Sache. Mehr nicht. Und auch nicht weniger.

Geld ist ein Ding. Es verstärkt durch seine Möglichkeiten persönliche Charakterzüge und die eigene Sozialisation und eröffnet Sicherheit, Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Macht. Geld ist das, was jede und jeder von uns daraus macht.

Geld ist weder schmutzig noch Träger von Krankheiten. Bargeld ist das einzig offizielle Zahlungsmittel in der Euro-Zone. Es garantiert Freiheit, Privatsphäre und ist unverzichtbar für die finanzielle Teilhabe aller Menschen. Das hat erst kürzlich die Europäische Zentralbank mit ihrer Bargeldstrategie betont. Wer also Geld oder Bargeld bewusst falsch als schmutzig deklariert, verfolgt Eigeninteressen, die nicht gut für die Allgemeinheit sind.

 


Dani Parthum ist Diplom-Ökonomin, Geldcoach, Finanzbloggerin und Buchautorin. Unter der Marke Geldfrau unterstützt sie Frauen dabei, ihre Angst vor Finanzen abzulegen und für sich selbst Strategien zu entwickeln, selbstbestimmt mit Geld umzugehen und Vermögen aufzubauen. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Dani Parthum