KommentarBank ohne Hüter

Zum Jahresende räumt Jens Weidmann seinen Posten bei der Bundesbank
Zum Jahresende räumt Jens Weidmann seinen Posten bei der BundesbankIMAGO / sepp spiegl

Als Jens Weidmann diese Woche mitteilte, dass er die Bundesbank zum Jahresende verlässt, da hallte die Nachricht nur ein paar Stunden nach. Schon am Abend schaffte sie es nur auf die hinteren Plätze der meisten Nachrichtensendungen. Der Präsident der Bundesbank geht lange vor Ende seiner Amtszeit; und das in einer Phase, in der die gemessene Preissteigerung so hoch ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Seine Nachfolge wird nun auf dem Basar der Ampel-Koalitionäre verhandelt. Doch das löste weder große Empörung aus noch lange Sondersendungen. Und gerade darin liegt so etwas wie eine Nachricht.

Im Rat der Europäischen Zentralbank galt Weidmann als einer der letzten Geldpolitiker alter Schule und damit als nur bedingt anschlussfähig an den Geist der neuen Zeit, in der Zentralbanken alles und jeden retten und das Klima womöglich gleich dazu. Zum Abschied, in einem Brief an die lieben Kolleginnen und Kollegen, stellte der 53-Jährige fest, dass „im andauernden Krisenmodus das Koordinatensystem der Geldpolitik verschoben wurde“.  Er mahnte, „perspektivische Inflationsrisiken nicht aus dem Blick zu verlieren“. Es war ein echter Weidmann. Konziliant im Ton, freundlich und verbindlich, aber doch mit einer Tiefenströmung, in der der Frust darüber schwamm, dass er sich mit seinen Haltungen meist in der Minderheit wiederfand.

Sorge vor der „fiskalischen Dominanz“

Die Bundesbank ist eben nur noch ein Teil des europäischen Zentralbanksystems. Längst vergangen sind die Zeiten, in denen der Franzose Jacques Delors spotten konnte, dass zwar nicht alle Deutschen an Gott glaubten, aber alle an die Bundesbank. Vor der Einführung der Währungsunion legte sie – oft zum Ärger der anderen Europäer – de facto die Zinsen des Kontinents fest, wobei sie sich an den Anforderungen der deutschen Volkswirtschaft orientierte, egal wie sehr die Nachbarn stöhnten. Und sie legte die Sätze nach den deutschen Prioritäten fest. Wozu stets gehörte, dass bei Inflation die Zinsen steigen mussten. Denn die Stabilität der D-Mark war aus Sicht der Frankfurter so ziemlich der Anfang von allem und das Ende ihres Auftrags.

Heute sind nicht nur die Aufgaben von Zentralbanken viel größer. Ihre Nähe zur Politik ist es auch. Manche Volkswirte befürchten gar eine „fiskalische Dominanz“: Damit die hoch verschuldeten Euro-Länder ihre Schulden stemmen können, legt die Zentralbank lieber noch ein Anleihekaufprogramm mehr drauf, statt zu riskieren, dass die Schuldzinsen für Italien, Griechenland und Co. steigen. Wenig deutet darauf hin, dass sich das wieder ändern könnte.

Hinzu kommt, dass es keineswegs ausgemacht ist, dass die Europäer mit einem stabilitätsorientierten EZB-Chef besser gefahren wären als mit dem „Whatever it takes“-Präsidenten Mario Draghi. Eine straffe Geldpolitik hätte die Wirtschaft in Europa nach der Finanz- und Schuldenkrise wahrscheinlich noch stärker abgewürgt.

Inflation ist keine Folge der EZB-Politik

Um so wünschenswerter scheint es, dass erst gar keine Situation entsteht, in der die Wahl getroffen werden muss zwischen zu viel Inflation und dem kalten Entzug des billigen Geldes. Zumindest für die absehbare Zukunft sieht es so aus, als ob das erreicht werden kann. Oder zumindest: wieder erreicht werden kann.

Die vergangenen Jahre schien die Inflation so etwas wie ein gefräßiger Käfer, der im Süden regelmäßig schlimm wütet, aber in unseren Breiten längst nicht mehr so oft vorkommt, dass er die Ernte anknabbern könnte. In Venezuela, knapp über dem Äquator, haben die Machthaber gerade sechs Nullen von den astronomischen Summen auf den Geldscheinen gestrichen. Aber bei uns? Egal wieviel Geld Weidmann und seine spendierfreudigeren Ratsmitglieder in die Märkte drückten, egal wie tief die Europäische Zentralbank die Zinsen senkte – die Inflation blieb ein historisches Phänomen, auch wenn das nicht zu den Theorien passen mochte, die mittelalte Volkswirte an der Uni gelernt hatten.

Seit dem Sommer steigen die Preise nun. Aber das ist keine Folge der Geldpolitik der EZB. Stattdessen treiben knappes Gas, Schiffstaus vor chinesischen Häfen und statistische Sondereffekte die Inflation. Viel spricht nach wie vor dafür, dass es sich um einen vorübergehenden Effekt handelt.

Gestern bin ich über zwei Grafiken gestolpert, die die Entwicklung der Heizölpreise zeigen. Die eine bildet die letzten drei Monate ab. Da strebt der Preis unaufhaltsam nach oben, von unter 70 auf über 90 Euro für 100 Liter. Das sieht böse aus. Die andere Grafik zeigt die Preise der vergangenen 15 Jahre. Vier Gipfel hat die Kurve, vier Mal ist der Preis deutlich gestiegen bis an oder über die 90-Euro-Grenze: 2008, 2012, 2018 und 2021. Nach dem Höchststand ging es, zumindest in den früheren Jahren, stets auch wieder bergab. Das sieht stabil und friedlich und ganz und gar undramatisch aus.

Die letzte Perspektive scheint umfassender, aufschlussreicher, in jeder Weise überlegen. Nur passt sie nicht zu dem Gefühl, das sich verbreitet, wenn der Tanklaster den Ölvorrat im Keller aufgefüllt hat oder die neuen Winterreifen am Auto montiert sind. Erstaunliche Preissprünge – etwa beim Gas – werden als Teil von etwas Größerem wahrgenommen. Zu einem geschlossenen Bild fügen sich bei vielen die andauernden Lieferschwierigkeiten, die Produktionsausfälle wegen unterbrochener Lieferketten, die alarmistischen Berichte über drohendes Unheil.

Genau da aber liegt das Problem. Bei der Angst, die bei vielen hochkommt und von manchen geschürt wird. Denn Inflation ist, wie das meiste im Leben, mindestens so sehr von Erwartungen und Einstellungen abhängig wie von den tatsächlichen Zuständen. Die Ängste vor steigenden Preisen könnten die Menschen in die Läden treiben, die Gewerkschaften zu Lohnforderungen und die Händler zu Preissteigerungen verleiten, weil ja ohnehin alles teurer wird.

So muss es nicht kommen, es ist sogar ziemlich unwahrscheinlich. Denn die Verzagten geben kein Geld aus, zu Tarifabschlüssen gehören immer zwei Seiten, und gekauft wird nur, wenn der Preis akzeptabel erscheint. Die Mehrheit der Ökonomen erwartet, dass der Spuk – fast ohne Hilfe der Zentralbanken – irgendwann im Frühjahr vorbei ist. Oder zumindest die Inflation sich dann auf einem Niveau einpendelt, das niemanden mehr schrecken muss.

Doch die Zukunft steht eben nicht fest. Sie hängt davon ab, wie wir uns verhalten. Irgendwie scheint es da ein ganz persönlicher Beitrag zur Überwindung der Inflationstendenzen, sich erst einmal zu entspannen. Jens Weidmann braucht übrigens noch nicht einmal eine Ausrede für das Nichtstun. Er muss laut EZB-Vorgaben zwei Jahre warten, bis er einen neuen 16-Stunden-Job in der Finanzbranche übernehmen und viel Geld verdienen kann.