BörsenAktienmärkte - der beschwerliche Weg nach oben

Aktienhändler in New York: Profiinvestoren trauen dem Aufschwung an den Märkten nicht
Aktienhändler in New York: Profiinvestoren trauen dem Aufschwung an den Märkten nichtimago images / Xinhua

Widersprüche gehören zum Leben dazu, und offenbar auch zum Leben der Börsianer. Oft denken und sagen wir das Eine – tun aber genau das Entgegengesetzte. So ist es derzeit bei den großen Managern der Fondsbranche: Die nämlich empfinden die Aktienkurse dieser Tage bereits wieder als viel zu hoch. Und sie sagen das auch genau so. Wer will kann es in der monatlichen Umfrage der Bank of America (BoA) nachlesen. Demnach empfinden 78 Prozent der Manager die Kurse als zu hoch. Damit bestätigen sie genau den Eindruck, den zuletzt viele Privatinvestoren und Marktbeobachter hatten, die ungläubig fragten: Ist es wirklich gerechtfertigt, dass die Kurse schon wieder so stark steigen, obwohl die Wirtschaft noch mit der schwersten Rezession seit Menschengedenken ringt?

Nein, ist es eigentlich nicht. Es ist lediglich gut zu erklären: Denn obwohl die Fondsmanager mehrheitlich finden, dass Aktien derzeit ziemlich überbewertet sind, so steigen sie dennoch selbst immer stärker wieder in diesen Markt ein. Und treiben damit die Kurse weiter.

Belegen lässt sich das anhand der Cashquoten, die institutionelle Investoren zurzeit halten. Die ist nämlich laut BoA-Monatsumfrage um einen Prozentpunkt gesunken von knapp 6 auf 5 Prozent. Nun klingt das nicht viel, doch dahinter stecken hunderte von Milliarden Dollar. Insgesamt nämlich belaufe sich die Bargeldreserve der Profianleger aktuell auf rund 4,6 Billionen Dollar, beziffern Analysten. So viel Geld lag zuletzt – nach dem großen Marktabsturz im März – ungenutzt an der Seitenauslinie herum und wartete darauf, wieder irgendwann investiert zu werden.

Nur … wann ist irgendwann? Wann wäre also der richtige Zeitpunkt dafür? Die allermeisten Fondsmanager sahen ihn noch nicht gekommen angesichts der unsicheren Wirtschafts- und Corona-Gefährdungslage. Deshalb hielten sie ihr Pulver lieber trocken.

Privatanleger zeigten sich mutig

inzwischen machten ihnen aber die Privatanleger einen Strich durch die Rechnung, denn die investierten ziemlich unverdrossen. Gerade in den Tagen, in denen die Kurse an den Weltbörsen wie ein Stein zu Boden fielen, schichteten Privatsparer ihr Geld in den Markt. Und sie eröffneten sogar massenhaft neue Depots in den Chaostagen, um die Chance zu nutzen, die der Blitzcrash bot. Man muss das eigentlich als Erfolg feiern. Schließlich warfen Verhaltensökonomen den Kleinanlegern jahrelang vor, sich immer genau dann ängstlich aus dem Markt zurückzuziehen, wenn die Kurse ihnen Einstiegsgelegenheiten boten. Wenn Indizes also weit unter das bisher gekannte Niveau herabsanken und damit gerade Langfristanlegern wieder einen günstigen Zukauf von Anteilen erlaubten. Diesmal haben Anleger den Absturz dagegen sehr clever genutzt, oder?

Aus Sicht von heute hat jedenfalls jeder, der bei einem Dax-Punktestand von 10.000 oder 11.000 kaufte, neue Aktien und Fondsanteile zu einem satten Discount bekommen. Denn im März stand der deutsche Leitindex noch bei fast 13.000 Punkten und auch jetzt ist er wieder über die 12.000-Punkte-Marke geklettert. So gesehen hat man also rund 20 Prozent beim Einstandspreis gespart. Geht man davon aus, dass der Dax weiter steigt und irgendwann seinen alten Rekord einstellt, so war der Kauf zu diesem Zeitpunkt extrem clever. Vorausgesetzt die Anleger schaffen es, auch dann an den neuen Anteilen festzuhalten, wenn die Börsen demnächst noch einmal kräftig fallen. Was gut passieren könnte.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Dass es passieren wird, damit rechnet offensichtlich die Mehrheit der Fondsmanager: Nicht einmal jeder Fünfte von ihnen glaubt, dass es eine schnelle V-förmige Erholung geben wird. Die meisten gehen von einem zähen und mühsamen Wiederaufstieg der Wirtschaft und der Finanzmärkte aus, bis die alten Vor-Corona-Niveaus wieder erreicht werden. Denn sonst hätten die Profis ja ebenfalls längst wieder investiert. Es kommt schließlich ziemlich selten vor, dass ausgerechnet Privatanleger einen beginnenden Boom befeuern und damit den richtigen Riecher beweisen – während die Profianleger ihnen und den steigenden Kursen nur hinterherhecheln. Genau genommen kam es seit Marktbeobachtergedenken wohl überhaupt noch nicht vor.