AktienWarum die Crashangst übertrieben ist

Börsenhändler in Frankfurt
Entspannter Blick: Es läuft gut an den Aktienmärkten
© Getty Images

Deutschland ist nicht unbedingt das Land der Superoptimisten, das dürfte soweit bekannt sein. Auch in Sachen Zufriedenheit und Glücksgefühle belegen wir selten die vorderen Plätze in internationalen Statistiken. Aber so weit wie derzeit klaffen die Stimmung und die tatsächliche Lage dann doch selten auseinander: 70 Prozent aller Firmen blicken derzeit laut einer Umfrage der Wirtschaftsberatung Ernst & Young äußerst optimistisch in die Zukunft. Ihre Auftragslage ist extrem gut, die Gewinne wachsen. Und das, obwohl noch im Herbst 2016 kaum ein Unternehmen davon ausgegangen war, dass sich die Geschäftslage verbessern würde.

Sogar die deutschen Verbraucher sind in Kauflaune wie selten. Das Konsumklima ist überraschend deutlich gestiegen und befindet sich auf dem höchsten Niveau seit 2001. Eine überwältigende Mehrheit von 86 Prozent der Bundesbürger sagt: Die Wirtschaft steht zurzeit gut da, und die Aktienmärkte unterstreichen das, indem sie von einem Höchststand zum nächsten klettern. Und welche finanziellen Schlussfolgerungen ziehen die Bürger daraus?

Leider keine. Das ist das ernüchternde Fazit, das Finanzmarktbeobachter dieser Tage ebenso formulieren müssen. Obwohl die Rahmenbedingungen stimmen, sind gerade einmal 18 Prozent der Deutschen optimistisch für Wirtschaft und Finanzmärkte. Die Zahl der Skeptiker ist doppelt so hoch und beträgt 36 Prozent, der Rest ist unentschieden, was wohl in Zukunft zu erwarten sei. Das passt genau zu den Zahlen, die das Deutsche Aktieninstitut kürzlich vermeldete: Seit nunmehr acht Jahren steigen unaufhörlich die Kurse – doch die Zahl der Aktionäre schrumpft. Sie hatte zwar von 2012 bis 2016 leicht zugelegt, doch über elf Prozent der Bevölkerung kam die Quote der Aktien- und Fondsbesitzer trotz des jüngsten Börsenbooms nicht hinaus.

Und seitdem sinkt sie wieder. Allein 2016 verabschiedeten sich 30.000 Privatsparer von Unternehmenspapieren, dabei legte der Deutsche Leitindex Dax auf Jahressicht um 22 Prozent zu. In der Bevölkerungsgruppe der Unter-40-Jährigen setzen zurzeit gerade einmal 14 Prozent auf die Wertsteigerung durch Aktien und Fonds, um langfristig Vermögen aufzubauen. Das ist nur jeder Siebte und damit viel zu wenig.

Alles spricht für Aktien

Da klingt es zwar schön, dass im vergangenen Jahr – einem guten Börsenjahr – hierzulande insgesamt Anteilsscheine im Wert von über 15 Mrd. Euro verkauft wurden, doch größtenteils landeten sie in den Depots derjenigen, die bereits Aktien besitzen und ihre Bestände weiter aufstockten. Neue Anhänger jedenfalls hat diese Vermögensklasse nicht gefunden, erstaunlicherweise.

Denn die Umstände für Aktien sind besser denn je: Die Niedrigzinsen machen Sparprodukte so unlukrativ wie noch nie, das dürfte inzwischen auch dem allerletzten Privatanleger aufgefallen sein. Die Kurse und Dividenden dagegen steigen und sorgen für satte Renditeaufschläge von rund vier Prozent oder mehr gegenüber vermeintlich sicheren Zinspapieren. So hoch ist derzeit sozusagen die Prämie, mit der Anleger dafür belohnt werden, dass sie das Risiko des Aktienbesitzes und gelegentlicher Kursschwankungen eingehen.

Trotzdem aber überwiegt bei den heimischen Anlegern die Skepsis: Ist der Markt nicht schon viel zu weit davon galoppiert? Bedeutet der enorm hohe Stand des Dax bei 12.600 Punkten nicht, dass ein weiterer Anstieg immer unwahrscheinlicher wird und demnächst ein Crash bevorsteht? Kann es denn wirklich ewig so weitergehen? Schließlich sind da noch die großen politischen Unwägbarkeiten: Wie wirkt sich der Brexit aus? Setzt sich die europakritische Fünf-Sterne-Bewegung in Italien durch? Und was passiert im September nach der Bundestagswahl? Man kann den Kopf darüber schütteln, dass die deutschen Sparer solche Pessimisten sind – allerdings kann man das Ganze auch als gutes Zeichen werten.

Eine „Dienstmädchenhausse“ ist nicht in Sicht

Denn eines haben Marktbeobachter aus den letzten großen Kursstürzen gelernt: Wenn viele Anleger skeptisch sind, crasht der Markt in der Regel nämlich nicht. Gefährlich wird es erst, wenn die Skepsis verfliegt und sich die große Euphorie breitmacht. Dann nämlich setzt der wirkliche Boom am Aktienmarkt erst so richtig ein: Wenn alle Sparer nur noch von den gigantischen Kursgewinnen reden und träumen. Wenn selbst beim Friseur oder im Fitnessstudio die heißen Tipps gehandelt werden. Und wenn sogar die Bildzeitung plötzlich Aktiengeschichten auf der Titelseite bringt. Wenn also letztlich auch diejenigen an der Börse aktiv werden, die den Markt zuvor wegen seiner Unberechenbarkeit und seiner Schwankungen stets gemieden haben. Dann ist die Dienstmädchenhausse in vollem Gange, so nennt sie der Volksmund, andere sagen Hausfrauenrallye dazu – und die hat noch lange nicht begonnen.

Betrachtet man es daher ganz nüchtern, dann gibt es derzeit noch keines der üblichen Warnzeichen dafür, dass der Markt sich in Höhen geschwungen hat, die er nicht dauerhaft halten können wird. Typische Spekulationsblasen-Vorzeichen sind nämlich, dass die Zahl der Börsengänge (IPOs) und Kapitalerhöhungen rasant steigt – weil viele Firmen versuchen, aus den exorbitanten Kursen noch Gewinn zu schlagen. Gerade die Zahl der IPOs aber ist zurzeit so niedrig wie nach dem großen Crash von 2001 nicht mehr. Ganze fünf Firmen wagten sich im vergangenen Jahr an die deutsche Börse. Im Jahr zuvor waren es auch bloß 15 Listings. Im laufenden Jahr will sich nun die Restaurantkette Vapiano an den Kapitalmarkt wagen, Delivery Hero auch, Siemens und Metro könnten Ableger an die Börse bringen. Ansonsten aber gibt es wenig neue Bewegung auf dem Parkett. Gegen die vielen Börsengänge der frühen Nullerjahre ist das sehr mau. Und statt Kapitalerhöhungen zu platzieren und massenhaft fremdes Geld einzusammeln, kaufen Firmen derzeit lieber eigene Aktien zurück und nehmen sie vom Markt. Viele Unternehmen stehen derzeit ungewöhnlich finanzkräftig da.

Zudem finden die meisten Analysten derzeit nicht, dass Kurse und Fundamentaldaten zu weit auseinanderdriften, das wäre nämlich das Warnzeichen Nummer drei. Doch das Gegenteil sei der Fall: Die steigenden Aktienpreise seien durch die gestiegene Kauflaune, die gute Auftragslage und die zu erwartenden Gewinne durchaus gedeckt. Was die Kurse derzeit anzeigen sei also lediglich die wirtschaftliche Expansionsphase.

Aufschwung ja, aber kein Boom

Natürlich darf man fragen, ob dieser Aufschwung wirklich die 4000 Punkte wert ist, die der deutsche Leitindex allein in den vergangenen 14 Monaten zurückgelegt hat. Und natürlich kann man zweifeln, ob ein Absturz wirklich nur dann eintritt, wenn niemand mit ihm rechnet – oder ob es nicht doch viel mehr unerwartete Crashs gibt und böse Vorahnungen sich auch öfter bewahrheiten. Zudem hat die Aktienwelt bisher tatsächlich noch keinen Bullenmarkt erlebt, der wirklich ewig weiterlief, irgendwann ist also die Zeit der Umkehr gekommen. Zudem sind auch politische Ereignisse sehr wohl in der Lage, für einen größeren Kursverfall zu sorgen, das hat die Vergangenheit nur zu oft bewiesen. Allerdings währen politisch bedingte Kursstürze – so heftig sie auch im Einzelfall ausfallen – eher kurz, beruhigen Finanzmarktbeobachter. Wenn überhaupt, dann gilt es, konjunkturelle Abschwünge zu fürchten. Denn die dauern deutlich länger.

Momentan aber läuft die Konjunktur sehr gut. Die Ökonomen träumen derzeit von 1,7 Prozent Wachstum für 2017 und einer Arbeitslosenzahl von nur 2,5 Millionen. Die Wirtschaft sei in „Champagnerlaune“, sagen sie, wiegeln aber zugleich ab: Das sei ein Aufschwung, aber kein bombastischer Boom, der vor dem nahen Ende stehe.

Und was, wenn der Trend doch bricht? Schließlich warnen Pessimisten schon seit 2014 vom Ende des Aufwärtsdralls. Wie arg reagieren dann die Aktienmärkte, wenn der Einbruch kommt? In extrem negativen Jahren, so hat die Statistik ermittelt, sinkt das Kursniveau um rund 20 Prozent. Das heißt, es fiele zunächst auf das Niveau zurück, das es ungefähr vor zwölf Monaten gehabt hat. Dramatisch klingt das nicht.

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Bis der Dax so weit fällt, dass er seinen letzten großen Kurshöhepunkt unterbietet, den er 2008 erreicht hatte, müsste er 5000 Punkte abgeben, also gut 40 Prozent. Er müsste also über zwei Jahre in Folge rasant krachen, hätte dann aber immerhin noch den vergangenen Höchststand verteidigt. Und um so tief zu stürzen, dass er gar den Tiefpunkt des großen Finanzkrisencrashs unterbietet, der 2009 auf dem Niveau von rund 3800 Punkten endete, müsste es den Dax schon um 9000 Punkte zerlegen, das wären über 70 Prozent Wertverlust von heute aus gesehen. Und entspräche einer fünfeinhalbjährigen Börsenhausse, die aber ehrlich gesagt doch sehr unwahrscheinlich ist. Denn viel länger als zwei, maximal drei Jahre dauerten die Abschwungphasen der vergangenen Jahrzehnte hierzulande nicht.

So gesehen hat der Dax derzeit nach unten hin viel Luft. Nach oben hin ebenso: Denn in guten Jahren, so sagt die Statistik auch, legt er rund 25 Prozent in Aufschwungjahren zu. Aus den derzeitigen 12.600 Punkten könnten also locker über 14.000 werden oder sogar mehr. Wenn das kein Grund zum Optimismus ist…


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen. Mehr von Nadine Oberhuber: Bei Schwellenländern ist Ausdauer gefragt, ETF – Fluch oder Segen? und Das Geld liegt auf der Straße