Kolumne4 Thesen zur Lage an den Aktienmärkten

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Ist es nicht erstaunlich? Donald Trump entpuppt sich in seinem Amt als genau der sprunghafte, intellektuell wenig überzeugende und in seinen Kernpunkten durchsetzungsschwache US-Präsident, für den ihn seine Kritiker schon vorher hielten. An den Kapitalmärkten haben sich aber die Akteure mehrheitlich dafür entschieden, diesen Umstand monatelang zu ignorieren.

Seit Mittwoch ist das nun anders, es kommt so etwas wie ein Hauch Nervosität auf, die Aktienindizes geben von ihren Rekordhochs ab.

Zu Recht. Es gibt für langfristig orientierte Investoren zwar keinen Grund, an ihren grundlegenden Anlagestrategien etwas zu ändern, weil die Märkte kurzfristig zucken. Lassen wir aber einmal die vielen kurzfristigen Impulse beiseite und blicken auf das große Bild. Denken wir nicht in Tagen oder Wochen. Vergessen wir auch lieber, dass die großen Konsensprognosen für 2017 – stärkerer US-Dollar, steigende US-Zinsen, bessere US-Aktien, Probleme für Schwellenländer – grundfalsch waren.

Vier unbequeme Thesen zur Lage:

These 1

Die Rekordhochs an den Aktienmärkten stehen auf tönernen Füßen

In den USA haben die Aktienmärkte zwar bis Anfang der Woche ein Rekordhoch nach dem anderen erreicht. Getragen wird die Rally aber nur von wenigen Werten: Alleine die fünf Technologiekonzerne Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google haben seit dem 1. März kumuliert 270 Mrd. US-Dollar an Börsenwert hinzugewonnen – und der Rest der S&P 500-Aktien 260 Mrd. US-Dollar verloren. Rund 60 Prozent der US-Aktien notiert unter dem durchschnittlichen Kurs der vergangenen drei Monate. Nur wenige Tech-Aktien, die den Markt tragen – den US-Kapitalmarktforscher Robert Arnott erinnert das fatal „an einen Film, den wir schon einmal gesehen haben und dessen nächste Szene wir kennen“, wie er mir im Interview (Capital Heft 6/2017) sagte. Dabei ist aber der US-Aktienmarkt insgesamt historisch eher luftig bewertet.

In Europa sind die Bewertungen zwar günstiger. Die Aktienrally ist dennoch hier nichts anderes als der Vorschuss auf künftig wieder steigende Gewinne. Zerlegt man etwa den Anstieg von 50 Prozent europäischer Aktien über die vergangenen fünf Jahre in seine Bestandteile, stammen rund 20 Prozentpunkte von Dividenden und rund 30 Prozentpunkte von steigenden Kursen, die aber nicht von steigenden Gewinnen gedeckt sind. Denn die sind in diesem Zeitraum um ein Fünftel gefallen.

S&P 500 Index

S&P 500 Index Chart

These 2

Die niedrige Volatilität wird zum Bumerang werden, wenn die Märkte stärker korrigieren.

Die Ängste der Marktteilnehmer lassen sich messen – etwa über die Volatilitätsindizes „Vix“ in den USA oder „VDax“ in Deutschland. Diese auch Angstbarometer genannten Indizes geben an, mit welchen Schwankungen Händler in den kommenden Wochen rechnen. Je niedriger, desto geringer die Nervosität und die erwarteten Zuckungen.

Diese Volatilitätsindizes bewegten sich in den vergangenen Wochen auf oder knapp über ihren Rekordtiefstständen. Das ist in doppelter Hinsicht gefährlich. Zum einen ist Sorglosigkeit kein gutes Zeichen, auch wenn sich diese „Angstbarometer“ nicht eignen, um darauf Kauf- oder Verkaufsentscheidungen zu fußen. In einer Welt ultraniedriger Zinsen kommt der Volatilität allerdings eine sehr wichtige Bedeutung in der Steuerung von Vermögen zu. Vereinfacht gesprochen steuern viele Vermögensverwalter (und Computerprogramme) ihre Portfolios genau über jene Schwankungen: Sind sie niedrig, erhöhen sie den Anteil riskanter Wertpapiere. Sind sie hoch, reduzieren sie sie und das mit Schwankungen verbundene Verlustrisiko.

Diese Steuerung ist umso wichtiger geworden, seit die Realzinsen auf oder gar unter Null gefallen sind: weil sichere Anleihen (und die Rotation in selbige) kaum noch Erträge bringen, gibt es für viele Akteure nur noch einen „Ein/Aus“-Schalter für Risikoanlagen. Fallen die Kurse, steigt die Nervosität, legen sie den Schalter auf „Aus“ und rotieren aus riskanten Anlagen in Cash.

Auf dem Weg nach unten kann und wird sich dieser Prozess selbst verstärken, egal ob begründet oder nicht. Fallende Kurse und steigende Nervosität werden dann weiter fallende Kurse und steigende Nervosität auslösen. Aufgrund des Booms passiver Anlagelösungen und der immer kürzeren Anlagehorizonte hat auch die „Feuerkraft“ von Investoren abgenommen, auch einmal bei fallenden Kursen „dagegen“ zu halten.