Herles‘ Zukunftsblick

KolumneAdenauer wäre für einen Staatsfonds

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

50,2 Prozent für die Union! Vom Ergebnis der Bundestagswahl 1957 können heutige CDU-Politiker nur träumen. Die absolute Mehrheit war vor allem das Volksvotum über eine radikale Rentenreform. Denn im gleichen Jahr hatte die Regierung Konrad Adenauers das Umlageverfahren eingeführt und damit unser heutiges Rentensystem erschaffen. Von nun an sollten Arbeitnehmer in Lohn und Brot für die jeweils aktuelle Rentnergeneration zahlen.

Altersarmut hatte sich in der jungen Bundesrepublik breitgemacht. Während das Wirtschaftswunder die Gehälter kräftig steigen ließ, stagnierten die Renten. Krieg, Vertreibung und Inflation hatten Ersparnisse aufgefressen. Wer seine Kinder an Feind oder Gefangenschaft verloren hatte, konnte nicht auf familiäre Unterstützung setzen. Gleichzeitig ließen Baby Boomer die Geburtenzahlen steigen. Die arbeitende Bevölkerung sollte auf absehbare Zeit wachsen. Kurzum: Aus damaliger Sicht sprach alles für ein Umlageverfahren. Nach Einführung des Systems stiegen die Senioren-Bezüge drastisch an.

Und heute? Mehr als sechs Jahrzehnte später haben sich so gut wie alle maßgeblichen Variablen gedreht. Sehr wahrscheinlich würde Konrad Adenauer erneut für mutige Reformen einstehen.

Zu Ende gedacht…

Nicht nur die Demografie bietet im Jahr 2019 ein völlig anderes Bild. Die Bundesregierung geht ab 2025 von einem sinkenden Rentenniveau aus. Der Bundeszuschuss steigt und steigt. Die Rahmendaten der Altersvorsorge stimmen hinten und vorne nicht mehr. Der Faktor Arbeit taugt weder zur langfristigen Sicherung der Rente, noch zum Aufbau eines Vermögens.

Seit den 1980er Jahren fällt die Lohnquote, also der Anteil von Arbeitnehmerentgelten am Volkseinkommen. Gleichzeitig steigt die Gewinnquote. Wer Unternehmensbeteiligungen oder Immobilien sein Eigen nennt, der macht einen immer besseren Schnitt. Alle anderen (Nicht-Erben) tun sich zunehmend schwer damit, zu bescheidenem Wohlstand zu kommen. Vor allem dank exzessiver Geldpolitik bietet der Aktienmarkt langfristig höchste Renditen. Doch davon wollen die meisten Deutschen partout nichts wissen. Sie setzen lieber auf Sparbuch und Spareinlagen, nur etwas mehr als 16 Prozent besitzen Aktien oder Beteiligungen an Aktienfonds.

Nebenwirkung der heimischen Börsen-Angst: Die größten deutschen Unternehmen befinden sich schon längst nicht mehr in deutscher Hand. Der durchschnittliche Anteil inländischer Investoren am Aktienbestand der Dax-Unternehmen liegt nur noch bei rund 33 Prozent. Das weitaus schlimmere Resultat aber ist ein wachsender Zinsschaden. Nach Berechnungen der DZ Bank summierten sich die Zinseinbußen der Privathaushalte in den letzten zehn Jahren auf 684 Mrd. Euro. Markus Söder möchte Negativzinsen für kleine Anleger jetzt verbieten. Es wäre wohl nicht nur ein harscher Eingriff in den Markt, sondern auch eine weitere Schwächung der Banken.

Hinzu kommt ein ökonomisches Problem technologischen Ursprungs: Löhne stehen unter Druck, wenn künstliche Intelligenzen in Software und Robotik immer mehr Wertschöpfung automatisieren. Denn der komparative Vorteil des Menschen gegenüber den Maschinen sinkt. Technologie ist Kapital. Und dieses arbeitet nur für seine Eigentümer.

Natürlich ist es schwierig bis unmöglich, bei laufendem Betrieb ein über 60 Jahre altes Rentensystem strukturell umzustellen. Und trotzdem muss der schrittweise Einstieg in ein kapitalgedecktes System der Vermögensbildung und Altersvorsorge gelingen. Die Lösung: Ein Staatsfonds. Robert Habeck hat letzte Woche einen Vorstoß gewagt. Doch die Debatte sollte nicht nur den Grünen überlassen werden.

Vorbilder gibt es genug. Immerhin knapp sechs Prozent jährliche Rendite erwirtschaftete der norwegische Staatsfonds in den letzten Jahren. Er hält Anteile an mehr als 9000 Unternehmen weltweit. Die Technologie-Nation Singapur betreibt mit der Temasek Holdings einen erfolgreichen Staats-Investor ganz ohne Petrodollar. Deutschland könnte das auch.

Der Fonds der Bundesrepublik sollte die Renditen der privaten und öffentlichen Eigenkapitalmärkte für die Vermögensbildung der Deutschen nutzbar machen. Zunächst wäre der Fonds nur eine überschaubare Ergänzung zu bestehenden Absicherungs-Mechanismen. Langfristig könnte er aber zu einer tragenden Säule der Vorsorge werden. Voraussetzung wäre ein professionelles Management. Keine Beamten, sondern ausgewiesene Anlageexperten müssten entscheiden, wo und wie investiert werden soll.

Doch wie lässt sich der deutsche Staatsfonds finanzieren? Mein Vorschlag aus aktuellem Anlass: Anstatt eine Pseudo-Abschaffung des Solidaritätszuschlags für fragwürdige Umverteilungszwecke zu nutzen, könnte man die Abgabe für alle beibehalten und die Einnahmen zu Fonds-Einlagen machen. Jährlich kämen so knapp 19 Mrd. Euro zusammen. Berücksichtigt man Zins- und Zinseszinseffekte stünde dem deutschen Staatsfonds innerhalb einiger Jahre ordentlich Kapital zur Verfügung.

Adenauers Wahlergebnisse sind heute utopisch. Sein Gestaltungswille aber bleibt Vorbild. Action required!


Benedikt Herles ist Unternehmer und Autor. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Mehr Informationen unter benediktherles.com. Und hier finden Sie weitere Folgen von Herles‘ Zukunftsblick