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Der Weg in ein glückliches Unternehmen

, Maike van den Boom

Investieren Sie in das humanistische Grundsurren! Zufriedene Mitarbeiter zahlen sich aus für ihr Unternehmen. Von Maike van den Boom

Maike van den Boom
Maike van den Boom

Maike van den Boom ist Autorin und Vortragsrednerin. Die Halbholländerin hat Kunsttherapie studiert und in zahlreichen Managementjobs in den Niederlanden und Deutschland gearbeitet. Gerade erschienen ist ihr Buch „Wo geht’s denn hier zum Glück“. Weitere Informationen: maikevandenboom.com und wogehtsdennhierzumglueck.de


Ich stehe vor meinem Hotel in Winnipeg im Glücksland Kanada und blicke auf die sechsspurige Straße. Der morgendliche Berufsverkehr brummt bereits in meinen Ohren. Drei Spuren Richtung Norden, drei Richtung Süden, vielbefahren, kein rettender Mittelstreifen in der Mitte und kein Fußgängerübergang in Sicht. Es ist sechs Uhr morgens, noch dämmerig. Der Verkehr zieht mit circa 50 Kilometer pro Stunde an mir vorbei. Auf der anderen Seite blinkt bereits verlockend die Leuchtreklame mit dem Verspechen eines „Coffee to go“.

Beherzt stelle ich mich an den Straßenrand und bereite mich mental auf ein minutenlanges Warten vor. Ich schaue nach links: Das erste Auto hält prompt, das zweite daneben, das dritte kurz danach. Von rechts kommend hält das vierte. Bevor ich überhaupt verstanden habe, was hier gerade passiert, haben die kanadischen Autofahrer freundlich winkend eine Gasse für mich gebildet, durch die ich sicher auf die andere Straßenseite gelange.

Spuren die Kanadier noch richtig?

Willkommen in Kanada, dem Land, in dem ein rücksichtsvoller Umgang höchsten Stellenwert genießt. Wie auch in der Schweiz und allen skandinavischen Ländern. Aber auch die 23 Millionen Australier leben nach der Devise: Wir sind Menschen unter Menschen. Wen wundert’s da, dass es humanistische Werte sind, die mir diese Menschen während meiner Reise als Grund für die exzellente Platzierung ihres Landes im Glücksranking nennen: Respekt, Zurücknahme, Höflichkeit, Zuvorkommenheit, Gleichwertigkeit, Toleranz und der Wille zum Konsens.

Dem kann der deutsche Korrespondent Herbert Bopp in Montreal nur zustimmen: „Ich glaube, ein Teil des Glücksgefühls, das die Kanadier empfinden, hängt damit zusammen, dass sie im Streiten nicht gut sind.“ Brauchen sie auch nicht, denn glückliche Länder empfinden sich als Gemeinschaft. Mit jedem Fremden, der ihnen auf der Straße begegnet, fühlen sie sich verbunden. Und jedem dieser Menschen fühlen sie sich ebenso verpflichtet. Es soll nicht nur mir gut gehen, es soll auch dem anderen, dem Gesamtkonstrukt gut gehen. Und dafür strengt man sich an.

Was in der Gesellschaft gelebt wird, spiegelt sich auch in den Unternehmen wieder. Von dieser Haltung können Sie als Mitarbeiter oder Unternehmer nur profitieren. Denn wenn ein Unternehmen durch den Willen der gesamten Belegschaft für das Ganze und nicht durch einzelne ego-bezogene Ziele vorangetrieben wird, dann ist das ein sehr belastbarer und solidarischer Verbund. Am „Wir-Gefühl“ hapert es jedoch in Deutschland – nach der Bertelsmann-Studie „Radar gesellschaftlichen Zusammenhalt“ – in zunehmenden Maße. Denn Deutschland liebt die Abgrenzung in Status und „Du“ hier, „Sie“ da. Als Resultat tickt unsere Gesellschaft eher konflikt- als konsensorientiert.

Schade um das Potenzial

Denn es werden nicht nur zehn bis 15 Prozent der Arbeitszeit in jedem Unternehmen für Konfliktbewältigung verbraucht. Nach einer Studie der KPMG führen Konflikte unter anderem zu einer hohen Mitarbeiter- und Kundenfluktuation, kontraproduktivem Verhalten und Mängeln bei der Projektarbeit. Hingegen ist konsensorientiertes Handeln international ein echter Glücksfaktor. Und der schlägt sich auch auf die Arbeitsweise nieder. „Glückliche Mitarbeiter sind flexibler, arbeiten besser zusammen und fühlen sich ihrem Projekt verpflichtet.

In der modernen Art des Teamworks und kreativen Arbeitens, sind gut gelaunte Mitarbeiter von unschätzbarem Wert“, so Christian Bjørnskov, Ökonom und Glücksforscher an der Universität im dänischen Århus. Eine internationale Studie der Online-Jobbörse Stepstone unter mehr als 14.800 Unternehmen gibt ihm Recht. 97 Prozent der Arbeitgeber sehen einen deutlichen Vorteil in glücklichen Mitarbeitern: höheres Mitarbeiterengagement, bessere Kundenbeziehungen, steigende Gewinne.

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Die überwältigende Mehrheit der befragten Mitarbeiter dieser Studie gibt an, dass zum Glücklichsein am Arbeitsplatz ein respektvoller Umgang, ein gutes Betriebsklima und eine offene und faire Behandlung gehören. Menschlichkeit eben. Wie erhält man dieses humanistische Grundsurren im Motor eines Unternehmens? Zum einen dadurch, dass Sie die Mitarbeiter für das Thema sensibilisieren. Vielen ist gar nicht bewusst, dass es die kleinen zwischenmenschlichen Ohrfeigen sind, erhalten oder selbst ausgeteilt, die ihr eigenes Glücksempfinden beeinflussen. 

Zum anderen leben Sie bitte selbst vor, worauf es in einem glücklichen Unternehmen ankommt. Hier ein paar Tipps aus Kanada, Schweden und der Schweiz:

Anregung Nummer 1: Nehmen Sie sich zurück

„Man wirft dem Schweizer immer vor, jeder versuche, es dem anderen recht zu machen. Das kann schon sein, dass man sich selbst ein wenig zurückzieht, aber das sorgt dafür, dass für die anderen auch noch genug Platz da ist“, so erklärt es mir der Schweizer Passant Marco Zanker. Keine klare Ansagen, keine deutliche Standpunkte, keine felsenfesten Ansichten. In Deutschland wird das oft als Zeichen von Schwäche gedeutet. Aber zeugt es nicht von menschlicher Größe, seine eigene Meinung im Licht einer anderen zu prüfen. Ein Urteil zu revidieren? Groß beizugeben?

Streitkultur ade? Nicht, wenn Sie besonnen-kooperativ ausgetragen wird, wie in den Glücksländern. Glückliche Menschen haben alle eine Meinung, auch eine deutliche. Nur nicht immer so geradlinig, nach dem Motto: „So muss es sein und nicht anders!“, wie Deverin Kürkmüller, eine Schweizer Unternehmerin die deutsche Haltung umschreibt. Die Glücksländer schrauben ihr Ego runter, weil sie sich nicht in Konflikten verhaken möchten. Denn wichtig ist, was Sie verbindet, und nicht das, was Sie trennt.

Anregung Nummer 2: Schaffen Sie Vertrauen durch Transparenz

Das bedeutet nicht, dass Probleme nicht angesprochen werden, mit Kritik gespart wird und Themen unter den Tisch gekehrt werden. Im Gegenteil. Norwegen, Schweden und Finnland kennen das Transparenzprinzip. Dort können Sie Einsicht in die geschäftlichen Ausgaben Ihrer Politiker erhalten, in die Steuererklärung ihres Chefs und den Mailverkehr ihres Bürgermeisters. Diese Transparenz durchzieht die Gesellschaft bis aufs Business-Niveau.

„Von unserer direkten Art, uns auszudrücken, könnten andere Länder etwas lernen.“, so Professor Sakari Suominen aus Finnland. „Wenn Probleme offen in den Prozess integriert und nicht unter der Tischdecke versteckt werden, dann besteht eine größere Chance, diese Probleme zu lösen.“ Das schafft Vertrauen. Und das ist die Basis dafür, dass sich die Mitarbeiter trauen, Dinge anzusprechen. Auch Konflikte.

Anregung Nummer 3: Verhandeln sie verkehrt herum

Wir definieren hierzulande zu Beginn einer Verhandlung gerne deutlich die maximalen verschiedenen Standpunkte und hoffen, sie dann irgendwann auf eine Einigung herunter brechen zu können. Der Prozess ist oft unharmonisch, vielleicht noch respektvoll, dafür aber relativ zeiteffizient. Die Schweizer hingegen versuchen immer schon mit einer partnerschaftlichen Position ins Gespräch zu gehen, „die für die anderen akzeptabel ist“, so Professor Bruno Frey, Volkswirtschaftler aus Zürich. „In der Schweiz redet man lange, es ist alles nicht so elegant. Aber wenn dann mal eine Entscheidung getroffen wurde, stehen die Leute auch dahinter, weil sie sich beteiligt fühlen. Es wird ein bisschen mehr Rücksicht auf die Menschen genommen. Und das macht zufrieden.“

 

Andere Länder stellen den Prozess also auf den Kopf. Man sucht erst nach dem gemeinsamen Nenner, der oft nur darin besteht, ihn finden zu wollen. Oje, das kann dauern. Während die Schweizer, Schweden oder Dänen noch jeden anhören, hat man im Team Deutschland bereits  zähneknirschend angefangen, seine genau definierte Aufgabe auszuführen. Wenn später die Konsensorientierten loslegen, weiß nicht unbedingt jeder zu 100 Prozent, wer was tut. Die Stimmung ist aber gut, alle haben Lust mitzumachen und die Kommunikation läuft reibungslos. Im Resultat holen die Teams einander wieder ein.

Ob Sie also den herkömmlichen oder den humanistisch geprägten Weg wählen. Sie erhalten ähnliche Ergebnisse. Warum sollten Sie sich für den letzteren entscheiden? Zum Beispiel aus ethischen Gesichtspunkten, dem Bewusstsein der Gleichheit von Menschen und dem Respekt, die jedem Menschen gebührt?

Aber auch betriebswirtschaftlich können Sie sich den Bonus zufriedenere Mitarbeiter in die Tasche stecken. Diese Menschen übernehmen Verantwortung für das Unternehmen, sind kreativ, loyal und arbeiten wiederum geschmeidig zusammen. Das festigt erneut das positive Zusammengehörigkeitsgefühl - eine Aufwärtsspirale, von der auch die Bilanzen profitieren werden. Welches Argument auch immer für sie zählt: Investieren Sie in das humanistische Grundsurren, als Kollege, als Führungskraft, als Mensch. Es lohnt sich. 


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