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Verteidigung der Ökonomie

, Axel Dreher

Die Volkswirtschaftslehre ist besser als ihre Kritiker meinen. Eine Replik auf das Netzwerk Plurale Ökonomik. Von Axel Dreher

Erstsemesterbegrüßung © Universität Heidelberg
Erstsemesterbegrüßung an der Uni Heidelberg

Axel Dreher, Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik an der Ruprecht-Karls Universität HeidelbergSind die Wirtschaftswissenschaften wirklich so schlecht? Das deutsche Netzwerk Plurale Ökonomik beklagt die
„Einseitigkeit der Lehre“. Auf Capital.de hat der Aktivist Benedikt Weihmayr die Forderungen nach Vielfalt der 
Theorien, unterschiedlichen methodischen Ansätzen und Interdisziplinarität erläutert. Ihm antwortet Axel Dreher, Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik an der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg (Foto)


Studierendenvereinigungen aus mittlerweile 30 Ländern haben sich zum Netzwerk Plurale Ökonomik zusammengetan. Sie möchten die Theorien von Marx, Smith und Keynes in aller Tiefe kennenlernen, wünschen sich eine größere methodische Offenheit der Volkswirtschaftslehre (VWL) in Lehre und Forschung und rufen nach mehr Interdisziplinarität. Ihre deutsche Webseite beklagt, die „Lösung realer gesellschaftlicher Probleme rück[e] ... im Schein mathematischer Objektivität und eines überhöhten Dogmatismus in den Hintergrund.“ Auf der Seite der Heidelberger Vereinigung kann man gar lesen, die Lehre der VWL sei „eindimensional, engstirnig, über-mathematisch, schlicht: unmodern.“

Das Gegenteil trifft zu. Längst hat sich die moderne Volkswirtschaftslehre vom Homo Oeconomicus als realistischem Abbild menschlichen Verhaltens abgewandt. Vielmehr nutzt ihn die Verhaltensökonomie als Referenzpunkt, um abweichendes Verhalten zu erklären. Die Fokusierung auf „reine“ ökonomische Themen ist bereits seit Gary Beckers Arbeiten aus den 60er Jahren Geschichte. Dies drückt sich auch in der Lehre aus. In Heidelberg bieten wir regelmäßige Vorlesungen über die Geschichte des Ökonomischen Denkens. In den letzten Jahren standen im Bachelor unter anderem Vorlesungen über die Ursachen und Konsequenzen von Finanzmarktkrisen, Neuroökonomie, die ökonomischen, politischen und psychologischen Auswirkungen von Terrorismus, und die Geschichte der Umweltökonomie zur Auswahl. Eindimensional, engstirnig und unmodern ist das nicht.

Anteil experimenteller Methoden wächst

Auch methodisch sind Lehre und Forschung längst nicht so einseitig wie manche Kritiker glauben machen. Die Mathematik ist zwar ein wesentlicher Pfeiler der volkswirtschaftlichen Ausbildung. Doch ist sie kein Selbstzweck, sondern dient vielmehr der konsistenten Strukturierung einer Theorie. Sie versucht nicht, die Realität so gut es geht widerzuspiegeln, sondern stellt komplexe Zusammenhänge vereinfacht dar, um anhand von Gedankenexperimenten systematisch über eine Fragestellung nachzudenken. In den führenden Zeitschriften der VWL spielt die formale Theorie eine immer kleinere Rolle.

Hingegen hat der Anteil der Forschungsarbeiten, die mit statistischen Methoden die vermeintlich vernachlässigten „realen gesellschaftlichen Probleme“ untersuchen, seit den 1960er Jahren beständig zugenommen. Dieser veränderte Schwerpunkt drückt sich an vielen Universitäten auch in der Lehre aus – eine solide statistische Ausbildung gehört heute zu jedem guten VWL-Studium. Hinzu kommt ein größer werdender Anteil experimenteller Methoden in der Forschung und Lehre.

Qualitative Methoden finden sich im volkswirtschaftlichen Curriculum hingegen meist nicht – eine Lücke die von „pluralen Ökonomen“ beklagt wird. Sie können diese Lücke schließen, indem sie sich selbständig mit der gewünschten Literatur auseinandersetzen. Indem sie Diskussionsgruppen gründen und Vortragsreihen organisieren (das Netzwerk Plurale Ökonomik leistet hier einen willkommenen und wichtigen Beitrag). Der Anteil der Studierenden, die sich ohne Leistungspunkte in solche Projekte einbringen ist leider klein. Doch können interessierte Studierende vorhandene Lücken im volkswirtschaftlichen Curriculum auch leicht durch den Besuch von Vorlesungen anderer Fakultäten schließen, die ihnen an vielen Universitäten im Rahmen inderdisziplinärer Wahlmodule als Studienleistung anerkannt werden.

Interdisziplinarität ist häufig zum Selbstzweck geworden

Eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Lehre – aber auch in der Forschung  – ist an den Universitäten Gang und Gäbe. Von einem „zu wenig“ an inderdisziplinärer Zusammenarbeit kann nicht die Rede sein. Im Gegenteil: In der Forschung hängt die Einwerbung von Geldern bereits viel zu häufig an der Inderdisziplinarität des Bewerberteams; diese wird dann künstlich „generiert“, auch wenn sie für die zugrundeliegende Forschungsfrage weder nötig noch nützlich ist. Anstelle eines Mangels an Interdisziplinarität in der VWL ist sie vielerorts zum Selbstzweck geworden.

Die Enttäuschung vieler Studierender über die VWL kann ich schwer nachvollziehen. Vielleicht sind ihre Erwartungen zu hoch. Wer glaubt, wir könnten mit unseren Modellen Finanz- und Wirtschaftskrisen punktgenau vorhersagen, der kann nur enttäuscht werden. Auch andere volkswirtschaftliche Probleme sind komplex und können daher meist erst nach langem Studium der notwendigen (und manchmal wenig aufregenden) Grundlagen durchdrungen werden.

Doch begegnen den Studierenden auch zu Beginn ihres Studiums spannende Vorlesungen, die sie zum Denken und selbständigen Weiterarbeiten anregen sollten. Wer über den Tellerrand blickt, schon zum Anfang des Studiums über die Vorlesungen hinaus versucht, aktuelle Fragestellungen mit dem Gelernten zu verknüpfen und vielleicht zum Ende des Studiums gelegentlich an Forschungsseminaren teilnimmt, wird auch die in den Einführungsvorlesungen gelehrten Grundlagenmodelle zu schätzen wissen.

Vielzahl an inhaltlichen und methodischen Schwerpunkten

Natürlich gibt es Unterschiede und die Wahl der passenden Fakultät entscheidet über die Qualität und Vielfalt der Lehre. Studierende können zwischen einer Vielzahl an inhaltlichen und methodischen Schwerpunkten wählen. Wenn die Nachfrage nach Studienplätzen wirklich daran hängen würde, ob Vorlesungen über die Geschichte des Ökonomischen Denkens angeboten werden und wie hoch der Anteil der Neoklassik in der Lehre ist, würde sich das Angebot entsprechend ausrichten.

Und wenn die neu gestalteten Studiengänge wirklich Volkswirte ausbilden, die künftige Wirtschaftskrisen besser vorhersagen als die stärker neoklassisch gebildeten Kollegen, stünde einer Rückkehr der Theorien von Marx, Smith und Keynes ins Zentrum volkswirtschaftlicher Curricula nichts im Wege.


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