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Fintechs stossen auf Konto‑Markt vor

, Dirk Elsner

Konten waren bislang die Domäne klassischer Banken. Doch jetzt verändern Fintechs wie Number26 die Art der Kontoführung. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Unter Evolution versteht man die allmähliche Entwicklung eines beliebigen Systems, das auf äußere Einflüsse reagiert. Manche betrachten dabei die allmähliche Veränderung von Merkmalen von Generation zu Generation. In der Wirtschaftspraxis sind die Zeiträume deutlich kürzer. Hier erwartet heute niemand mehr auf Veränderungen in Generationsabständen. Und im Unterschied zur Biologie finden die Veränderungen auch innerhalb von Organismen (aka Unternehmen) statt.

Aber auch für die Wirtschaftspraxis gilt, dass sich schwer voraussehen lässt, wer sich am Markt und bei den Kunden durchsetzt. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ein Unternehmen, das führend bei der Filmherstellung war und die erste tragbare Digitalkamera entwickelt hat, von der digitalen Fototechnik vom Markt gefegt wird. Ich spreche von Kodak.

Unternehmensberater und Analysten erzählen bekanntlich gern im Nachhinein Geschichten von Veränderungen so als sei eine Entwicklung ganz zwingend gewesen, so als ob der Erfolg von Google, Apple und Facebook oder der Misserfolg von Kodak, MySpace oder SchülerVZ vorprogrammiert war. Das war er sicher nicht. Wie in der biologischen Evolution spielen auch hier viele Zufälle und günstige beziehungsweise ungünstige Umweltbedingungen eine wichtige Rolle. Wer gestern noch in der Fresspyramide oben stand, muss morgen oder übermorgen nicht zwingend mehr dort sein und umgekehrt.

Konto für die Generation Smartphone

Für den Finanzsektor ist noch lange nicht klar, wohin die Finanzevolution die Banken und die Unternehmen der Financial Technology (Fintech) führen wird. Manche ziehen aus der Tatsache, dass es mittlerweile für nahezu jede Finanzdienstleistung ein Substitut aus der Fintech-Welt gibt, den Schluss, das Ende der klassischen Finanzwelt stehe unmittelbar bevor. Manch einer könnte sich darin gar bestätigt fühlen, wenn er liest, was die Unternehmensberatung PPI festgestellt haben will, nämlich dass viele Bankangestellte in der Digitalisierung angeblich eine Last sehen.

Einige Newcomer legen in der Tat eine beeindruckende Geschwindigkeit vor. Das Berliner Start-up Number26 gehört dazu. Es hat im Januar darüber informiert, dass es die Marke von 100.000 Kunden geknackt habe. Number26 will das Produkt verändern, das für viele Menschen wahrscheinlich das wichtigste Bankprodukt überhaupt ist: das Konto. Anders als das mit ähnlichen Namen gestartete Numbrs, das Konten verschiedener Banken unter einer Oberfläche zusammenfasst, bietet Number26 gleich ein eigenes Konto, das für die Generation Smartphone entworfen wurde. Das Unternehmen mit derzeit 90 Mitarbeitern bietet seine Leistungen bisher in acht Ländern an.

Ob wirklich alle 100.000 User aktive Kunden sind, sei einmal dahingestellt. Bekanntlich führt nicht jede Registrierung zum Konto. Und längst nicht jeder Kontoinhaber wird Number26 als Hauptbankverbindung nutzen. Dennoch, während Kritiker zunächst klagten, dass Kunden nur mit einer Mastercard als Guthabenkarte ausgestattet wurden, es keine Möglichkeit für Kontoüberziehungen gebe und Bargeldtransaktionen schwierig seien, hat das Unternehmen in den letzten Monaten ordentlich nachgelegt.

Inzwischen sind Dispokredite möglich. Kunden können außerdem Geld in bestimmten Supermärkten von ihrem Konto abheben bzw. einzahlen. Letzteres ermöglicht die Kooperation mit “Barzahlen”, einem anderen ebenfalls in Berlin sitzenden Fintech. Number26 nutzt für die Kontoführung die Wirecard Bank: Die Wirecard Bank AG bietet als unabhängiger Anbieter Outsourcing- und White-Label-Lösungen für die elektronische Kontenführung und den Zahlungsverkehr und verfügt über entsprechende aufsichtsrechtliche Zulassungen.

[Seitenwechsel]

Ökosystem mit verschiedenen Diensten

In einem Gespräch mit dem Journalisten Karsten Seibel, der Number26 jüngst in einem ausführlichen Artikel vorgestellt hat, kündigte Mitgründer Valentin Stalf an, dass Kunden über ihre Number26-App bald Auslandsüberweisungen via Transferwise durchführen können. Transferwise wiederum ist ein britisches Fintech, über das günstig Auslandsüberweisungen abgewickelt werden können. Solche Kooperationen zwischen Fintechs sind hochinteressant, denn so können Ein-Produktunternehmen unter einer Oberfläche zu einem Ökosystem mit verschiedenen Leistungen zusammenwachsen. Allerdings steigern diese Auslagerungen auch die Empfindlichkeit gegen Störungen. Und tatsächlich zeigen jüngste Erkenntnisse um die einfache Auslesbarkeit von Transaktionsdaten von Mastercard-Karten, die auch von Number26 herausgegeben werden, dass Start-ups mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen haben, wie die klassische Finanzwelt.

Während sich also Number26 schrittweise ein eigenes Ökosystem aufbaut und laut dem Artikel von Seibel sogar eine Vollbanklizenz anstrebt, gehen Banken andere Wege. So präsentiert sich die Erste Bank in Österreich ebenfalls modern mit ihrem Konto, das sie „George“ nennt. Allein mit der Namensgebung für ein Kontoprodukt sorgte das Institut bereits für Aufmerksamkeit.

Der Anspruch ist, Finanzdienstleistungen schneller und unkomplizierter zu präsentieren. Die Vision und Philosophie von „George“ sei, so erklärte das it-finanzmagazin, „dass die Grundfunktionen des Online-Bankings erhalten bleiben. Dazu kommen zahlreiche Funktionen, die Banking zu einem transparenten und intuitiven Erlebnis machen.“ Dazu schaut man sich auch Funktionen anderer Online-Größen ab. So erhalten Kunden etwa Textvorschläge, ähnlich der Autovervollständigung bei Google, bei der Erfassung von Daten oder können ihr Konto wie per Internetsuche durchsuchen.

Fehler gehören zur Evolution

In einem Gespräch mit dem Futurezone feiert Boris Marte das erst Jahr:

“Aktuell haben bereits über 500.000 Kunden George verwendet. Damit liegen wir schon fast bei der Zahl der 780.000 Erste- und Sparkassen-User, die bisher Netbanking verwendeten. Jeder Fünfte hat zumindest ein Plug-in aus dem George-Store installiert, wovon zumindest 10.000 Plug-ins auch kostenpflichtig waren.”

Ob sich der Businesscase von “George” rechnen wird, lässt Marte freilich offen. Und auch „George“ bekommt von Usern Kritik ab, die man etwa im Playstore für die Android App nachlesen kann. Dort bemängelt ein Kunde, dass nicht alle im Browser nutzbaren Funktionen für die Android App verfügbar sind.

Es wäre freilich überraschend, wenn ein Anbieter mit allen Leistungen alles „richtig“ machen würde. Das Netz ist bekanntlich sehr kritisch und neigt zur kollektiven Besserwisserei. Und zur Evolution gehört es, viel auszuprobieren und dabei Fehler machen zu dürfen. Und wie schnelllebig sogar das Fintech-Zeitalter ist, wird etwa am Nachweis der Personenidentität sichtbar. Number26 bietet hier das klassische Postidentverfahren und die modernere Variante über Videotelefonie durch den Dienstleister IDnow. Am Markt werden aber bereits Lösungen gezeigt, die die Identifizierung per Video alt ausschauen lassen. Dazu aber mehr in einer anderen Kolumne.

Die Beispiele Number26 und George zeigen interessante Zwischenstufen der längst nicht abgeschlossenen Evoution hin zu modernen Varianten der Kontenführung.


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