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Die Fintech‑Revolution fällt aus

, Dirk Elsner

Bedroht die Digitalisierung den Finanzsektor? Nein, die Fintechs erweitern die Möglichkeiten der gesamten Branche. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Gefühlt mehrfach pro Woche lese ich von der „Bedrohung“ der Banken durch junge Unternehmen der Financial Technologie (Fintech), vom Angriff auf die Geschäftsmodelle von Banken, einer Fintech-Revolution oder der mutmaßlichen Disruption des gesamten Finanzsektors durch neue Wettbewerber. Allein die Erwartung der nächsten „Disruption" scheint die Augen von Investoren, Anlegern und Beobachtern leuchten zu lassen.

Ich habe bereits an anderer Stelle geschrieben, dass der Begriff Disruption längst zum Unwort verkommt. Eine disruptive Technologie ist laut Wikipedia „eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt“. Der Begriff soll Heise zufolge zurückgehen auf Professor Clayton M. Christensen (Harvard Business School) und sein 1995 erschienenes Buch „The Innovators Dilemma“, beziehungsweise den Fachartikel “Disruptive Technologies: Catching the Wave“. Eigentlich kann Disruption nach dieser Erklärung nur dazu dienen, eine Entwicklung zu beschreiben, die bereits eingetreten ist. Niemand hat aber eine Methode, um zuverlässig vorherzusagen, unter welchen Bedingungen eine neue Leistung disruptiv wird.

Ein immer wiederkehrendes Narrativ vieler Artikel über die neue Finanzwelt ist, dass die digitalen Fintechs der analogen Finanzwelt als Gegner gegenüberstehen. Diese Gegnerschaft zwischen Banken und Fintechs hochzustilisieren oder gar Angst vor den neuen Entwicklungen zu schüren, scheint eine ziemlich essentialistische und damit altmodische Denkweise zu sein. Der Evolutionsbiologe und Publizist Richard Dawkins nannte Essentialismus die Tyrannei des unsteten Geistes. Der Essentialismus gehörte lange zum herrschenden Weltbild der Biologie bis sich Darwins Evolutionstheorie durchsetzte. Bis dahin war man nicht auf den Gedanken gekommen, dass Hasen von Nicht-Hasen abstammen und sich zu Nicht-Hasen weiterentwickeln könnten. Essentialsten denken, dass ein Hase immer ein Hase bleibt.

Neue Dienste müssen um Akzeptanz ringen

Auch Banken waren nicht schon immer da und hatten feste und unveränderliche Aufgaben und Produkte. Die ersten Großbanken, so erklärt es Gerald Braunberger in der FAZ, „entstanden vor Jahrhunderten in Florenz. Die ehemals ruhmreichen Kreditinstitute sind später allesamt untergegangen.“ Seither sind zehntausende Banken gegründet worden, haben sich mehrfach grundlegend verändert und neu erfunden. Und sie verändern sich weiter, sie werden die „Digitalisierung“ mitmachen und manche werden trotzdem untergehen.

Ähnlich wird es in der Fintech-Welt zugehen. Es gibt heute schon Unternehmen, wie etwa Paypal und Ant Financial deren Wert ein Mehrfaches der in Deutschland börsennotierten Banken ausmacht. Es werden weitere Fintechs größer als Banken werden, manche werden wieder vom Markt verschwinden. Aber was sagt das aus? Solche Veränderungen und unterschiedliche Wachstumsraten von Unternehmen sind keine besondere Erscheinung der Digitalisierung.

Nicht alles, was heute das viel zu schnell verteilte Etikett Digitalisierung erhält, ist automatisch gut und besser als die alte Welt. Und auch die Akzeptanz digitaler Leistungen beim Kunden ist kein Selbstgänger. Das zeigt ein Bericht des Fachinformationsdienstes Pymnts.com über die weiterhin mangelnde Akzeptanz des Zahlungsdienstes Apple Pay. Nach den jüngsten Daten, auf die sich Pymnts bezieht, gibt es zwar immer mehr Verbraucher, die mit Apple Pay bezahlen, allerdings belassen es die meisten bei einem Versuch. Viele kommen nicht zurück. Das Bezahlen mit dem Smartphone ist weiterhin kein großer Spaß, nicht einmal mit dem iPhone.

Grenze zwischen Banken und Fintechs existiert nicht

Digitalisierung ist heute also selbst für Unternehmen, die über Milliardenressourcen verfügen, alles andere als ein Selbstläufer. Manche, die heute die komplette Digitalisierung aller Geschäftsbereiche von Banken und Nichtbanken fordern, scheinen wenig Ahnung davon zu haben, was das in der Praxis bedeutet. Niemand kann sich heute nämlich in der Praxis hinsetzen und sagen: „So, nun digitalisiere ich gerade mal das Geschäftsfeld x oder y.“ Dazu müsste man nämlich genau wissen, was Digitalisierung operativ für die jeweiligen Anwendungsfelder bedeuten könnte. Der Digitalisierungsbegriff verkommt derzeit immer mehr zu einer Leerformel, die sich gut in Präsentationen für Top-Manager und Studien von Unternehmensberatungen macht.

Wichtiger als eine strategische und semantische Analyse des Digitalisierungsbegriffs sind die vielen Einzelaktivitäten in nahezu allen Geschäftsbereichen des Finanzsektors. Wenn man diese Änderungen unter dem Mikroskop betrachtet oder selbst erlebt, dann wird schnell deutlich, dass die künstlich gezogene Grenze zwischen Banken und Fintechs überhaupt nicht existiert.

Nehmen wir etwa ein Beispiel aus der Unternehmensfinanzierung. Hier sind in den letzten Jahren viele Kreditplattformen entstanden, die Unternehmen die Beschaffung von Finanzmitteln außerhalb des Banksystems ermöglichen. Wer möchte, kann hier eine Gegnerschaft zwischen den sogenannten P2P-Lending-Plattformen (das Grundprinzip ist hier erklärt) und Banken konstruieren. Das geht freilich an der Praxis vorbei. Meistens arbeiten diese Plattformen im Hintergrund mit einer Bank für die technische Abwicklung und die Erfüllung regulatorischer Anforderungen zusammen.

Digitalisierung bedroht nicht den Finanzsektor

Viele dieser Plattformen haben außerdem ein Interesse auf der Vertriebsseite mit dem Finanzsektor zusammenzuarbeiten. So bietet etwa die US-Plattform Lending Club anderen Banken an, das eigene Kreditportfolio breiter zu streuen beziehungsweise Kreditnehmer direkt an solche Plattformen weiterzuleiten. Für Banken können solche Formen der Zusammenarbeit erhebliche Vorteile bringen, wie etwa ein verbessertes Risikomanagement oder Kosteneinsparungen bei standardisierten Krediten. Das Berliner Start-up Crosslend ermöglicht es, auch kleinere Kredite in handelbare Wertpapiere (sogar mit eigener Wertpapierkennnummer) umzuwandeln. Für Banken müsste das eigentlich ein Traum sein, weil sie so ganz neue Möglichkeiten zur Strukturierung ihrer Kreditrisiken erhalten.

Diese und viele andere Beispiele verändern Finanzdienstleistungen, sie bedrohen aber nicht den Finanzsektor in seiner Gesamtheit. Noch deutlicher drückt es Joschka Friedag, CEO und Gründer von Cringle, im Blog Gründerszene aus:

„Wie viele Start-ups haben wir die Vorteile einer Zusammenarbeit erkannt, während sich andere Fintechs mit einer plumpen Anti-Banken-Rhetorik immer noch an der alten Konkurrenz abarbeiten.“

Die Digitalisierung bedroht nicht den Finanzsektor, sondern die darunter zusammengefassten Konzepte und Technologien Neue Services erweitern die Angebotspalette an Finanzdienstleistungen.


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