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Was ist an den Märkten los, Herr…?

, Christian Kirchner

An den Finanzmärkten geht es seit Jahresbeginn turbulent zu: Capital hat Anlagestrategen nach ihrer Einschätzung befragt. (Teil 2)

Händler an der New York Stock Exchange © Getty Images
Wohin geht die Reise? Unter den Finanzmarktprofis gibt es unterschiedliche Meinungen über die Richtung

Sind die Kapitalmarktturbulenzen ein Grund zur Sorge – oder historisch keineswegs außergewöhnlich?

"Ich mache mir große Sorgen, denn die Niedrigzinsen haben zu gigantischen Fehlallokationen geführt", sagt Luca Pesarini, Verwaltungsratsvorsitzender der Ethenea Independent Investors S.A.

„Es gibt einen zentralen Unterschied zu früheren Krisen: Die extremen Niedrigzinsen über viele Jahre. Die durch die niedrigen Zinsen bedingte Liquiditätsschwemme hat neben der Situation an den Anleihenmärkten Fehlallokationen in gigantischem Umfang zur Folge gehabt. Ebenfalls manifestieren sich die Auswirkungen in China und dem Rohstoffsektor.

Verstärkt werden die Turbulenzen von der gesunkenen Liquidität bei Banken weil sie sich aus dem Handel zurückgezogen haben – sowie dem Boom der Indexfonds (ETFs). Ich halte sie für ein ganz gefährliches Spielzeug, weil sie eine Handelbarkeit suggerieren, die der Markt oft nicht hergibt und weil sie Märkte verzerren, weil etwa nur die in einem Index vertretenen Werte sehr rege rauf- oder runtergekauft werden je nach Stimmung.

Natürlich gibt es umgekehrt auch Dinge, die ich weniger pessimistisch sehe: etwa die überzogenen Deflationsängste und die Riesenaufregung um den Ölpreis. Der Ölpreis wurde seit Jahrzehnten von einem Kartell manipuliert, und seine Bewegungen wurden flankiert von Übertreibungen: Anfang der 70er-Jahre und dann wieder Mitte der Nuller Jahre hieß es, das Öl sei bald aus – heute gibt es Öl im Überfluss. Es hat keinen Wert, sich nach diesen rasch drehenden Meinungen zu richten.

Und in Sachen China müssen wir ein geringeres Wachstum erwarten, was sich auf die Weltwirtschaft auswirken wird. Eine Wachstumsabschwächung in China hat auch in anderen Bereichen bei uns Auswirkungen, etwa bei Konsum und Tourismus. Ich glaube aber andererseits, dass es für ein grundlegendes Problem Chinas – der massiv überbewerteten Landeswährung Renminbi – eine Lösung gibt, die kaum jemand auf dem Zettel hat: ein eher schwächerer US-Dollar. Denn der würde den größten Druck von den Chinesen nehmen – und damit dürften auch die USA gut leben können, denn er hilft der US-Wirtschaft.“

Ist die Dividendenstrategie mit Aktien durch die Verluste der letzten Wochen ad absurdum geführt worden?

„Im Gegenteil, der Renditevorsprung von Dividendentitel auf Zinsanlagen ist in den vergangenen Monaten immer weiter gestiegen“, sagt Thomas Meier, Manager des Mainfirst Global Dividend Stars Fonds der Frankfurter Fondsboutique Mainfirst.

„Zwar wird im Zuge der jüngsten Kurseinbrüche kaum eine Anlageklasse ausgespart. Aber der strukturelle Trend hat sich ja nicht geändert, sondern eher verfestigt: dass die Kapitalmarktzinsen noch für längere Zeit auf niedrigerem Niveau bleiben werden, was Dividenden sehr attraktiv macht als Renditequelle. Dafür spricht auch die jüngste Entscheidung der japanischen Notenbank, Negativzinsen einzuführen.

Eine Sicherheit gibt es natürlich nicht, außer vielleicht schlicht: einen Kassenbestand zu halten. Es wäre aber auch töricht, auf die kurzfristigen Schwankungen ebenso kurzfristig mit hektischen Umstellungen zu reagieren. Schließlich ist durch den Kursrückgang auch der Vorsprung der Dividendenrenditen vor Anleiherenditen weiter gestiegen. Es mag abgedroschen klingen, aber Anleger tun gut daran, in solchen Marktphasen die Ruhe zu bewahren und lieber umso langfristigere Engagements vorzunehmen. Denn die Folgen der Niedrigzinsen fressen sich nur langsam, aber unaufhaltsam in die Depots: Weil Anleihen nach vielen starken Jahren kaum noch Erträge bieten, aber dennoch stark schwanken können.“

„Sind Hochzinsanleihen derzeit Schrott oder Schnäppchen?

„Die europäischen Papiere sind eine historisch seltene Chance“, sagt Michael Metes, Leiter des Anleihenbereichs von J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt.

„Die niedrigen Zinsen zwingen immer mehr Investoren in Anleihen, die überhaupt noch Renditen abwerfen. Der Anteil kritischer Branchen etwa aus dem Öl- und Gas- und Rohstoffsektor ist in Europa verglichen mit den Schwellenländern und vor allem der USA eher niedrig, die Zinsdeckung – also die Frage, inwiefern die in Aussicht gestellten Zinsen von Gewinnen gedeckt werden – ist hingegen hoch.

Zugleich haben Hochzinsanleihen in den vergangenen Monaten schon vor den Aktien mit Kursrückgängen und einem entsprechenden Anstieg der Renditen reagiert. Wer es sich erlauben kann, diese Papiere bis zur Fälligkeit zu halten, ohne vorher zum Verkauf gezwungen zu sein, findet hier viele Opportunitäten. Wir favorisieren klar europäische Hochzinspapiere.“

Wird der kollabierende Ölpreis die US-Frackingindustrie und mit ihr die Wirtschaft in den Keller ziehen – oder sind Anleihen aus diesem Segment wieder ein Kauf?

„Die Rolle der Ölkonzerne in den USA wird überschätzt – das macht ihre Anleihen dennoch nicht attraktiver“, sagt Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der Deutschen Asset & Wealth Management

„Viele Pessimisten vergleichen derzeit die Rolle der US-Frackingindustrie mit dem US-Subprime-Markt– letzteren brachten fallende Hauspreise zum Einsturz, der Frackingindustrie geht es aufgrund des Einbruchs des Ölpreises an den Kragen. Hintergrund:  der Ölpreis liegt derzeit deutlich unter den Gesamtkosten für eine Förderung eines Fasses Öl von rund 65 US-Dollar. Neuinvestitionen lohnen da kaum, auch wenn bestehende Quellen auch bis zu einem Preis von 20 US-Dollar oder sogar darunter ausgeschöpft werden können.

Ich halte diese Vergleiche dennoch für unangebracht: Im US-Häusermarkt waren 2008 Kredite in Höhe von etwa 12 Billionen US-Dollar ausstehend, im amerikanischen Energiebereich stehen gerade einmal 700 Mrd. Dollar auf dem Spiel. Ein Großteil dieser Kredite war zudem von Anfang an im Hochzinssegment angesiedelt. Das heißt, den Investoren war immer bewusst, dass sie sich eine Risikoanlage kaufen. Die Käufer von US-Hypotheken und ihren Derivaten jedoch gingen immer davon aus, dreifach AAA, also hochsichere Papiere im Depot zu haben. Das entfaltet im Falle eines Markteinbruchs ganz andere Dynamiken an den Kapitalmärkten. Zudem sind die Banken heute deutlich besser kapitalisiert als 2008.

Zurück zur Realwirtschaft: An der US-Baubranche hingen 2008 rund 7,5 Millionen US-Jobs, in der Öl- und Gasförderung rund 200.000. Das zeigt die Dimensionen, und daher halten wir auch ungeachtet der Turbulenzen am Ölmarkt und den Börsen die US-Leitzinsanhebung für richtig und rechnen 2016 mit weiteren Schritten nach oben. Schließlich wächst die US-Wirtschaft, die Arbeitslosenquote ist sehr niedrig und es werden jeden Monat rund 200.000 neue Jobs geschaffen. Mit Anlagen fühle ich mich in Europa dennoch tendenziell aufgrund der niedrigeren Bewertungen wohler.

Und vergleichen wir beispielsweise die Struktur des Markts für Hochzinsanleihen in den USA und Europa, fällt auf: In den USA kann man mit diesen Papieren rund neun Prozent verdienen, in Europa sechs Prozent. Nimmt man aber die US-Energiekonzerne heraus, wirft der Restmarkt im Schnitt auch nur gut sechs Prozent in den USA ab. Warum also ein US-Engagement tätigen, wenn man in Europa vergleichbare Renditen ohne das Risiko der Energiebranche, ohne Wechselkursrisiken und ohne das Risiko kurzfristig steigender Leitzinsen erzielen kann?“

Hier geht es zum ersten Teil von „Was ist an den Märkten los, Herr...?


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