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Sparen ohne Zinsen

, Nadine Oberhuber

Nach dem Zinsentscheid der EZB müssen sich viele Anleger überlegen, wie sie künftig ihr Geld sparen wollen. Von Nadine Oberhuber

Sparschwein © Capital
Bei Nullzinsen lohnen sich Spareinlagen nicht mehr, ein Sparschwein tut es auch

Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Ein bisschen war ja immer noch besser als nichts, mit dem Gedanken beruhigten sich bis zuletzt viele Sparer angesichts der Minizinsen der Europäischen Zentralbank. Doch damit ist nun Schluss. Seit Donnerstag liegen die Leitzinsen nicht mehr einen Hauch über der Nullprozentmarke, sondern die EZB hat andere Seiten aufgezogen: Sie hat die Zinsen abgeschafft. Komplett. Zunächst für die Banken, in der Folge aber auch die für die Sparer. Der Leitzins beträgt jetzt Nullkommanull Prozent, damit hat die EZB die Erwartungen vieler Ökonomen übertroffen – allerdings im negativen Sinne.

Wenn Banken demnächst ihr Kapital bei den europäischen Währungshütern lagern, statt es an Firmen und Kunden auszuleihen, dann berappen sie dafür noch höhere Strafzinsen. Sie müssen dann 0,4 Prozent davon „abgeben“ statt bisher 0,3 Prozent. Noch zahlen Banken wenigstens ihren Kunden einen winzigen Obolus, wenn die Spareinlagen bei den Instituten parken, nämlich einen Sparzins von ganz knapp über Null. Weil die Inflationsrate derzeit ebenfalls bei Null liegt, verlor damit noch kein Sparer real Geld. Die Frage ist nur: Wie lange gilt beides noch?

Nach der EZB-Entscheidung haben erst einmal die Banken ein Problem: Bisher lebten vor allem die kleineren Institute, Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Raiffeisenkassen davon, dass sie sich bei der Zentralbank billig Geld besorgten und es etwas teurer an ihre Kunden weiterverliehen. Was übrig blieb, war ihre Marge. Holen sich die Kleinbanken nun von den europäischen Währungshütern Geld, dann zahlen sie dafür zwar nichts, doch sie können von ihren Kunden auch kaum noch etwas fürs Weiterreichen verlangen. Die Kreditzinsen notieren schon auf den niedrigsten Ständen, bei teils 1,0 bis 1,5 Prozent für langfristige Hypotheken. Dass sich Kunden demnächst für unter ein Prozent Geld leihen können, scheint doch ziemlich unwahrscheinlich.

Kaum noch Zinsen aufs Tagesgeld

Die Sparzinsen musste man ohnehin schon mit der Lupe suchen. Sie liegen beim Tagesgeld im Schnitt bei mageren 0,3 Prozent, und das Gros der Sparkassen und Volksbanken zahlt nicht einmal mehr die. Mehr als 0,8 Prozent sind selbst bei den exotischen Banken kaum zu bekommen. Wie weit können die Institute diese Zinsen also überhaupt noch absenken? Vielleicht noch auf die zweite Nachkommastelle, oder ebenfalls auf Null. Aber wer legt sein Geld noch auf die Bank, wenn er dafür nichts mehr bekommt?

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Dass es Strafzinsen auch für Normalsparer geben wird, halten die meisten Marktbeobachter für undenkbar. Die Angst ist zu groß, dass sich die Kunden das nicht gefallen lassen werden. Geld dafür zu bezahlen, dass man Geld auf einem Konto horten darf? Das erscheint selbst hartgesottenen Sparern ziemlich absurd. Da würden Millionen Bundesbürger wohl lieber ihr Geld unters Kopfkissen legen, wo es niemandem etwas bringt und den Banken Liquidität entzieht, das ist die große Angst. Und sie ist berechtigt.

Doch auch ohne Strafzinsen wird das Geld auf den Konten weniger wert, so viel scheint sicher. Die Inflation wird nicht dauerhaft bei null bleiben. Aber nicht, weil die Strategie der Zentralbank griffe und die Wirtschaft kräftig brummte, mahnen Ökonomen, sondern lediglich, weil der Ölpreis wieder steigen werde. Zuletzt war die Inflation weg, weil das Benzin und Heizöl so billig war. Doch das Öl schickt sich wieder an, zu steigen. Daher rechnen Finanzexperten für 2017 mit einem Anstieg der Inflation auf rund zwei Prozent. Spätestens dann kommen die Negativzinsen auch bei den Privatleuten an.

[Seitenwechsel]

System der Altersvorsorge gefährdet

Sparen lohnt sich nicht mehr, gebt Euer Geld lieber aus – das ist das Signal der EZB. Und es ist fatal. Denn während die Zentralbank versucht, die Finanzinstitute vor allem in Europas Süden auf diese Weise dazu zu bringen, mit gigantischen Krediten die Unternehmen und schwächelnden Volkswirtschaften anzukurbeln, bewirkt die Politik des billigen Geldes an vielen Stellen genau das Gegenteil von dem, was sie soll: Mit noch mehr billigem Geld werden künftig auch viele unrentable Investitionen gefördert, kritisieren Ökonomen. Ausgaben, die nur getätigt werden, weil das Geld eben da ist – nicht, weil sie sich rechnen. Die Banken im Süden Europas hätten schon jetzt kein Liquiditätsproblem, stellen Beobachter fest, sondern ein Insolvenzproblem und das werde durch die neue Geldschwemme nicht gelöst, sondern verschärft. Noch mehr billiges Geld zerstört zudem weiter die Geschäftsmodelle der übrigen Banken. Es ist sogar denkbar, dass viele Institute demnächst nicht ihre Kreditzinsen senken, sondern sie sogar anheben, damit sie überhaupt noch Erträge erzielen. Das wiederum würde Wirtschaft und Wachstum nicht beflügeln, sondern eher abwürgen, befürchten Kritiker.

Ganz unmittelbar gefährdet die Politik des billigen Geldes bereits jetzt das System der Altersvorsorge. Das wird mit dem Nullzins nicht besser, im Gegenteil. Den vielen Angstsparern, die hohe Summen für lau auf dem Girokonto lagern, weil sie nicht wissen, wohin damit, kann man ja noch sagen: Schichtet es eben in renditestärkere Anlageformen! Doch die vielen Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften können genau das nicht. Sie nämlich haben ein gigantisches Problem durch die Nullzinsen – und es wird direkt bei Millionen von Sparern ankommen. Pensionskassen, Lebensversicherer und private Krankenkassen legen Billionen von Euro für uns alle an, mit denen irgendwann einmal Millionen von Monatsrenten finanziert werden sollen. Irgendwann würden sich unsere Beiträge in private Kapitallebens- oder Rentenversicherung, die Riester-, Rürup- oder Betriebsrenten mal auszahlen, haben die Anbieter jahrzehntelang versprochen. Auf absehbare Zeit ist das aber immer weniger wahrscheinlich. Schon jetzt werfen solche Verträge immer weniger ab, weil die Gesellschaften gar nicht anders investieren dürfen als in „sichere Zinspapiere“, die keinen Ertrag mehr abwerfen. Wie also soll nun der Sparer auf dieses Zins-Dilemma reagieren?

Die Sicherheitsbewussten müssen mehr sparen, etwas anderes bleibt ihnen gar nicht übrig. Sie müssen immer höhere Beträge zurücklegen, um auf eigene Faust die immer niedrigeren Zinsen auszugleichen, weil ihnen der Zinseszinseffekt auch über die Jahre immer weniger hilft. Das vergrößert nicht gerade ihren Handlungsspielraum und vor allem beflügelt es auch die Wirtschaft und den Konsum nicht. Doch eine andere Möglichkeit haben sie nicht.

Irgendwo muss das Geld hin

Die Unbesorgten haben angesichts der Minizinsen bereits beschlossen, genau das Gegenteil zu tun: Ein Drittel der jungen Deutschen glaubt bereits jetzt, dass sich Sparen nicht mehr lohnt. Und legt kein Geld mehr zurück. Nicht für die Rente, die Zukunft oder wofür auch immer. Nach dem aktuellen EZB-Zinsentscheid werden mit Sicherheit noch ein paar Bundesbürger mehr in den Sparstreik treten. Man könnte argumentieren: Sie beflügelten durch das „Ausgeben statt Sparen“ wenigstens den Konsum, und das wäre in der Tat gut für die Wirtschaft. In Hinblick auf ihren eigenen langfristigen Vermögensaufbau oder gar die Altersvorsorge ist diese Strategie allerdings etwas kurz gedacht. Nur wenn sie den Konsum auch auf Immobilie ausdehnen oder Bildungsausgaben tätigen, oder gar den Aufbau einer eigenen Firma oder Existenz damit finanzieren, dann brächte das Ausgeben ihnen auch langfristig einen Ertrag.

Alle anderen aber lernen aus der Politik der Zentralbank nun: Wer das Geld in den Aktienmarkt steckt, der kann viel verlieren. Schließlich warnen Finanzexperten seit Jahren, dass sich an den Finanzmärkten – und übrigens auch an den Immobilienmärkten - durch die immense Liquidität eine gigantische Blase aufbaut. Irgendwo muss das Geld, das die Zentralbanken unablässig in den Markt pumpen ja hin, und bisher floss es reichlich in Aktien, wie die ansteigenden Kurse seit geraumer Zeit zeigen. Auch nach der Ankündigung der EZB am Donnerstag brachen die Kurse nur kurz ein, drehten dann aber deutlich ins Plus. Wer sein Geld aber nicht in den Aktienmarkt steckt, der hat eigentlich schon verloren. Denn fast nirgendwo anders bringt es für Privatanleger überhaupt noch nennenswerte Rendite, wenn der Nullzinsmarathon noch länger weitergeht.

Und vergessen Sie Anleihen! Auch nach der EZB-Ankündigung von Donnerstag werden die keine zinsbringendere Alternative. Bundesanleihen rentierten zuletzt im Bereich von 0,1 bis 0,3 Prozent und wiegen für Privatanleger kaum noch die hohen Handelskosten auf. Selbst solide Unternehmensanleihen warfen bloß noch Minizinsen ab. Und der EZB-Plan, sich mit insgesamt 80 Mrd. Euro monatlich nicht nur bei den europäischen Staatsanleihen einzuschalten, sondern auch Unternehmensbonds aufzukaufen, wird es nicht besser machen. Der Bondmarkt wird mit steigenden Kursen reagieren, aber mit sinkenden Zinsen.

So gesehen lehrt die Notenbankpolitik, dass Sparer mehr Risiko wagen müssen! Und Aktien kaufen. Und dann können alle nur hoffen, dass auf Dauer der Grundsatz gilt: Tiefer als die Zinsen können die Aktienrenditen eigentlich nicht fallen.


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