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Niedrigzins – na und?

, Christian Kirchner

Eine Analyse der Bundesbank legt dar, dass die Höhe der Zinsen kaum Einfluss auf die Sparquote und das Anlageverhalten hat. Von Christian Kirchner

Christian Kirchner © Gene Glover
Christian Kirchner

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Wenn es um das Thema Geldanlage geht, hat die Finanzbranche in Deutschland eine einfache Nachricht für alle Sparer: Das Geld muss dringend rentabler angelegt werden als in kaum verzinsten Bareinlagen. Merkwürdigerweise tun viele Sparer und potenzielle Anleger aber genau das nicht: Der Anteil von Sichteinlagen im Vermögensmix wächst trotz niedriger Zinsen, die Zahl der Aktionäre sinkt. Warum bloß?

Auf diese Frage hat die Bundesbank in ihrem heute erschienenen Monatsbericht – üblicherweise eher Kost für volkswirtschaftliche Feinschmecker – einige interessante Antworten formuliert.

So hat die Notenbank näherungsweise ermittelt, welche reale (also inflationsbereinigte) Gesamtrendite deutsche Privathaushalte seit den frühen 90er-Jahren erzielt haben. Sie fluktuiert seit nunmehr drei Jahren um etwa rund zwei Prozent und beträgt im Schnitt seit 2008 trotz Finanzkrise, einer Rezession und Niedrigzinsen rund 1,5 Prozent. Das ist nicht viel und fraglos ein Blick in den Rückspiegel. Bei einem unveränderten Vermögensmix wird diese Bilanz in der kommenden Dekade mutmaßlich schlechter ausfallen. Es ist aber auch nicht die Anlagekatastrophe, die manche diagnostizieren und vor allem auch nicht mehr als Anleger in der ersten Hälfte der 90er-Jahre erwirtschaftet haben – einer so genannten Hochzinsphase.

Blick in den Rückspiegel

Seit damals hat sich zwar der Anteil kaum verzinster Sichteinlagen und Bargeld im Geldvermögensmix von knapp zehn auf mehr als 20 Prozent verdoppelt. Um rund die Hälfte gestiegen ist seitdem aber auch der Anteil an Aktien und Fonds, zudem hat der deutlich gestiegene Anteil von Versicherungsansprüchen (heute rund 40 Prozent des Geldvermögens) zu einer Verstetigung der Renditen beigetragen. Auch hier gilt: Es ist ein Blick in den Rückspiegel, aber ein durchaus aussagekräftiger, geht es doch um die Frage, was genau Veränderungen der Sparquote oder des Anlageverhaltens determiniert.

Genau dieser Frage ging auch die Bundesbank nach: Haben die Niedrigzinsen überhaupt einen signifikanten Einfluss auf das Anlageverhalten? Nein, urteilt die Bundesbank, und das nicht nur, weil die Sparquote etwa in den frühen Nuller Jahren zu weitaus höheren Nominalzinsen auf gleicher Höhe wie heute lag und Realzinsen auf Sparguthaben nahe oder unter null historisch keine Besonderheit sind.

Die zu erzielende Rendite sei nur eine von vielen Determinanten auf das Sparverhalten, so die Bundesbank, die sich dabei auch auf zahlreiche wissenschaftliche Studien stützt. Auch Lebenszyklen – ältere Menschen sparen mehr und sicherer – und die persönliche Erfahrung und Risikoeinstellung seien dafür von Bedeutung, ebenso wie Einkommen und Einkommenserwartungen. Diese These stützt die Bundesbank auch mit einer Befragung unter den knapp 4000 Teilnehmern des Bundesbank-Haushaltspanels: Demnach haben 77 Prozent der Haushalte ihr Sparverhalten aufgrund der Niedrigzinsen überhaupt nicht verändert.

Analyse auf breiter Basis

Damit steht die These auf tönernen Füßen, dass Menschen aufgrund der Niedrigzinsen Sparen als nicht mehr lohnenswert empfänden und ihre Spar- und Vorsorgebemühungen reduzierten. Genau darauf gründet sich aber der öffentliche Feldzug vieler Banken beispielsweise des Sparkassenlagers gegen die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Zudem werden aus der These Forderungen nach mehr staatlicher Förderung für das Vorsorgesparen abgeleitet. Sie lässt auch viele Vertriebskampagnen von Finanzdienstleistern fragwürdig erscheinen, die den Menschen ein Problem mit der Rentabilität ihrer Anlagen  einreden wollen, die diese offenbar selbst überhaupt nicht sehen.

Die Bundesbank ist hier eher unverdächtig, da viele ihre Vertreter eigentlich scharfe Kritiker der Niedrigzinspolitik und der Anleihenaufkäufe sind. Es ist auch nicht das erste Mal, dass die Bundesbank vor monokausalen Schlüssen in Zusammenhang mit der Höhe der Zinsen warnt: Vor zwei Jahren legte sie in einer wenig beachteten, aber nicht minder interessanten Analyse dar, dass der Anstieg der Wohnimmobilienpreise in Deutschland auch bei höheren Zinsen in ähnlicher Höhe abgelaufen wäre wie in den vergangenen Jahren. Weniger die Höhe der Zinsen, sondern gestiegene Einkommen und Einkommenserwartungen sowie das Produktivitätswachstum hätten zum Preisanstieg beigetragen.

Diese Erkenntnisse sind nicht nur von hoher Güte, denn die Bundesbank stützt sich auf die eigenen Vermögensstatistiken und somit die tatsächlichen Geldströme sowie Befragungen von knapp 4000 Teilnehmern des sogenannten Haushaltspanels. Ihr gegenüber stehen die vielen angeblich repräsentativen Auftragsstudien der Finanzbranche, die wöchentlich die jeweils gewünschte Nachricht transportieren sollen oder einfach in der Schublade bleiben, wenn sie nicht die gewünschten Ergebnisse liefern.

Die Ergebnisse sind auch plausibel. Nur wenige Menschen werden Aktionär, nur weil auf Sparbuch oder Festgeld plötzlich nur noch ein statt zuvor vier Prozent Zinsen gezahlt werden. Und nur wenige nehmen einen Kredit auf und kaufen oder bauen ein Haus, nur weil Baugeldzinsen nun plötzlich zwei statt fünf Prozent betragen. Die Höhe der Zinsen mag eine grundsätzliche Haltung zum Thema Immobilienerwerb oder Vermögensaufbau allenfalls stützen, sie verändert sie aber nicht grundlegend.


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