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Pirelli gegen Continental

, Capital-Redaktion

Die Wirtschaft ist voller Fehden, Pleiten und Skandale. Capital erinnert an die besten. Diesmal: Reifenpanne in Hannover

Continental gegen Pirelli © Illustration: Jindrich Novotny
Horst Urban kämpfte gegen die feindliche Übernahme durch die Italiener

Leopoldo Pirelli war sich seiner Sache sicher. So sicher, dass er lieber die Politik beehrte, als sich persönlich ums Geschäft zu kümmern. Das überließ er seinen Managern. Und das war ein eklatanter Fehler.

Mitte September 1990 flogen Pirelli und seine Leute nach Hannover. Der Boss des fünftgrößten Reifenherstellers der Welt wollte die Nummer vier, den deutschen Konkurrenten Continental, schlucken. Ein bis dahin ungekannter Vorgang in der deutschen Wirtschaft: eine feindliche Übernahme.

Über Monate hatte Pirelli Verbündete gesammelt, darunter die Conti-Großaktionäre Deutsche Bank und Allianz. Daher verzichtete der Patriarch darauf, Continental-Boss Horst Urban persönlich die Nachricht von der bevorstehenden Übernahme zu überbringen. Er zog es vor, den niedersächsischen Ministerpräsidenten zu besuchen – denn Störfeuer konnte der Italiener nun wirklich nicht gebrauchen. Sein Gastgeber war damals ein gewisser Gerhard Schröder, gerade frisch gewählt. Und der war begeistert: Die Pläne der Italiener halte er „ohne Einschränkung für überzeugend“, erklärte Schröder.

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Dumm nur, dass Urban die Sache anders sah. „So nicht“, sagte der und holte sich Berater der britischen Investmentbank Morgan Grenfell, pikanterweise eine Tochter der Deutschen Bank. Deren Chef organisierte fortan im Vorstand in Frankfurt höchstselbst den Widerstand – und zwar so erfolgreich, dass die Bank auf Distanz zu den Italienern ging.

Hinzu kam ein langes juristisches Tauziehen: Eine Stimmrechtsbegrenzung bei Continental sah damals vor, dass bei Abstimmungen ein Aktionär höchstens fünf Prozent der Anteile einbringen durfte. Die Grenze wurde gekippt, dann von Gerichten wieder eingesetzt. So ging das mehr als zwei Jahre. In all der Zeit kontrollierte Pirelli direkt und indirekt mehr als 38 Prozent der Conti-Anteile, ohne sich durchsetzen zu können – und geriet darüber selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Pirelli musste seinem Schwiegersohn weichen, der Ende 1992 aufgab. Anfang 1993 verkaufte Pirelli die Aktien wieder. Diesmal organisierte Schröder ein deutsches Konsortium, um die Anteile zu übernehmen.

Obwohl Conti 15 Jahre später doch übernommen wurde, steht der Konzern heute besser da denn je: Mehr als 34 Mrd. Euro Umsatz, über 190 000 Mitarbeiter. Pirelli kommt auf ein Sechstel bei Umsatz und Mitarbeitern – und wird gerade komplett von Chinesen geschluckt.

Hauptperson

Leopoldo Pirelli wurde 1925 in die Kautschuk-Dynastie Pirelli geboren, deren Reichtum 50 Jahre zuvor Leopoldos Großvater Giovanni Pirelli begründet hatte. 1970 übernahm er die Führung des Unternehmens, das neben Reifen vor allem für seine erotischen Kalender bekannt ist. Die Übernahme des größeren Konkurrenten Continental in Deutschland sollte Leopoldos Krönung sein – und geriet zum Desaster. Ende 1992 musste er seinem Schwiegersohn Marco Tronchetti Provera weichen.

Western von Gestern erscheint jeden Monat in der Capital. In der letzten Folge erinnerten wir an den Machtkampf bei Bahlsen

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