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Abschied von Russland

, Horst von Buttlar

In atemberaubender Geschwindigkeit implodiert das Geschäftsmodell Russlands. Daran sind nicht nur die Sanktionen schuld. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Horst von Buttlar

Wie stehen Sie zu den Sanktionen gegen Russland? Was denkt Capital darüber? Hätte man nicht mehr mit Putin verhandeln müssen? Schon oft wurden mir diese Fragen gestellt, und wenn sie gestellt werden, höre ich unterschwellig eine Forderung heraus: dass doch wenigstens wir als Wirtschaftsmagazin auf der Seite der Wirtschaft stehen müssten! Sprich: Die Sanktionen sind schädlich fürs Geschäft, man muss mit Russland verhandeln. Meine Antwort hat immer drei Teile.

Erstens: Capital ist nicht der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft, insofern inszenieren wir uns auch nicht als Sprachrohr.

Zweitens: Eine Wirtschaft, die ihren Wohlstand auf den Segnungen der Demokratie baut, muss diese auch verteidigen können. Natürlich verfolgen Unternehmen andere Interessen, sie wollen neue Märkte, Kunden und Profite, aber eine Wirtschaft, die keine Sanktionen aushalten oder durchsetzen kann, ist schwach und nicht erstrebenswert.

Drittens: Die Sanktionen sind richtig, aber nicht allein entscheidend. Zum einen sind sie nicht besonders scharf, wie etwa die gegen den Iran, wo systematisch ein Land trockengelegt wurde. Sie treffen Russland dennoch – in Zeiten des schrankenlosen Kapitalverkehrs können schon begrenzte, gezielte Sanktionen schnell erfolgreich sein.

Spurensuche in Russland

Im Kern wird Russland allerdings nicht von Sanktionen, sondern von einem toxischen Mix in die Knie gezwungen: An erster Stelle steht der rasant sinkende Ölpreis, gleichzeitig flieht das Kapital in panischen Milliardenströmen, den Unternehmen und Banken fehlt frisches Geld. Ich finde es atemberaubend, wie schnell Putins Geschäftsmodell implodiert. Es war schon immer tönern, hohl, schwach, unproduktiv und kaum innovativ. Es wurde durch Geld aus Rohstoffen am Leben gehalten, nun fehlt dieses Kapital. Und daran trägt der Westen keine Schuld.

Trotz allem müssen wir besser verstehen, wie es so weit kommen konnte, wir müssen die Geschichte anderer Länder kennen, um ihr Handeln nachzuvollziehen – und deshalb schildern wir Ihnen in dieser Ausgabe die Ursachen für die russische Tragödie. Unsere Titelgeschichte ist eine spannende Spurensuche in Moskau, Sankt Petersburg und New York, die 25 Jahre zurück zum Ende der Sowjetunion führt.

Hat es auch Fehler des Westens gegeben? Sicher. Wir haben zu spät erkannt, dass Demokratie und Marktwirtschaft in Russland scheitern und dass dieses Scheitern die Psychologie des Landes verändert. Wäre Russland erfolgreich und integriert, innovativ und produktiv, hätte es andere Sicherheitsinteressen. Die Rechnung bekommt der Westen auch in Form der Ukraine: ein zerrissenes, korruptes Land, das kurz vor dem Bankrott steht und nun unsere Hilfe braucht.

Können wir Putin eine Brücke bauen? Nein, sagen viele. Die Annexion der Krim war völkerrechtswidrig. Aber: Verhandlungen müssen dennoch möglich sein. Dafür gibt es Diplomatie. Mussten wir nicht auch schon mit russischen Herrschern klarkommen, die in der UN-Vollversammlung mit ihrem Schuh auf den Tisch hauten? Diese Krise ist bedrückend, sie ist gefährlich. Aber sie muss zu lösen sein.

Hier können Sie sich ab dem 22. Januar die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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