KolumneWirtschaften wie die Jesuiten

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David McWilliams hat als Ökonom für Großbanken und für die Zentralbank Irlands gearbeitet. Heute beschäftigt er sich als TV-Journalist, Bühnen- und Bestsellerautor mit Wirtschaftsfragen. Er veröffentlicht einen täglichen Weltwirtschafts-Newsletter globalmacro360.com


Sich in einem Beitrag über die britische Wirtschaft mit der Psyche der Katholiken zu beschäftigen, mag ungewöhnlich sein. Aber hier im nordirischen Enniskillen, wo ich schreibe, scheint das angemessen. Die Stadt ist religiös geteilt. Eine weitere Teilung, die diese entlegene Region ebenfalls treffen würde, steht demnächst an: Sollten sich die Schotten nach dem Referendum im September abspalten, wird das Vereinigte Königreich viel kleiner sein. Und ein zunehmend nationalistisches England könnte dann 2017 Großbritannien aus der EU ziehen.

Die Argumente dafür sind eher kultureller als ökonomischer Natur – und was ist kultureller als Religion? Mein Schwiegervater, der in Enniskillen zur Schule gegangen ist, wirft mir gern einen „jesuitischen“ Argumentationsstil vor. Für ihn ein diabolisches Verbrechen, denn nach Überzeugung der Protestanten verdrehen die Jesuiten die Fakten und verstecken sich hinter Theologie und schlauer, letztlich konspirativer Philosophie. So wie es schon der Kirchenvater Augustinus hielt: „Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit – aber jetzt noch nicht.“

Die Jesuiten haben viele Führungspersönlichkeiten geprägt, von Papst Franziskus bis hin zum irisch-kanadischen Chef der Bank of England, Mark Carney. Carney muss in seiner Jugend den Priestern an der St. Francis Xavier High School in Edmonton gut zugehört haben. Sein Ansatz, um den aufgeheizten britischen Immobilienmarkt abzukühlen, entstammt direkt der Augustinus-Lehre: Gib mir Tugend, aber jetzt noch nicht. Carney hat signalisiert, dass er einen Anstieg der Hauspreise um 20 Prozent innerhalb der nächsten drei Jahre akzeptieren wird. Bei einem stärkeren Anstieg werde er Hypothekenkredite einschränken.

Großbritannien boomt, jedenfalls im Süden

Das ist klassisches jesuitisches Denken: Wir schützen den Immobilienmarkt vor dem Überhitzen, aber jetzt noch nicht. Warum verschiebt Carney den Tag der Abrechnung? Etwa um den Konservativen – die ihm den Job verschafft haben – den Wahlsieg zu ermöglichen und sich selbst eine weitere Amtszeit? Absurd! Wer würde so verschwörerisch denken?

Jesuit oder nicht, große Teile der britischen Wirtschaft boomen, angefeuert vom Immobilienmarkt, dem Einzelhandel und der City. Im Ergebnis wird die Bank of England die erste wichtige Zentralbank sein, die nach der Finanzkrise von 2008 die Zinsen anhebt. Doch wer Großbritannien kennt, entdeckt bekannte Muster. London und überhaupt der Süden boomen, während der Norden hinterherhinkt. Ja, die Inflation ist gedämpft, aber das gilt auch für die Produktivität. Das schlägt sich in den Realeinkommen nieder und verstärkt die regionale Ungleichheit. Und es gibt die Sorge, dass die Regierung mit ihrem „Help to Buy“-Programm ein Immobilienwunder befeuert, um die Wahl zu gewinnen. Wir haben erlebt, wohin das führt.

Insgesamt hat sich die britische Wirtschaft besser gehalten als die der meisten Nachbarn. Und London bleibt die Hauptstadt Europas. Wer daran zweifelt, frage die Hunderttausenden Franzosen, Italiener, Spanier und Deutsche, die die Stadt zu ihrer Heimat gemacht haben. Doch fernab des kosmopolitischen London wühlt etwas Tieferes Großbritannien auf: Nationalismus. Was vor Jahren in Edinburgh begann, hat sich durch die europakritische Partei Ukip nach Süden ausgebreitet und könnte Großbritannien vom Rest Europas entfernen. Selbst den jesuitischsten Jesuiten dürfte es schwerfallen, aus dieser politischen Revolution eine Tugend zu machen.

Über diese Rubrik

Das ökonomische Quartett: David McWilliams (Irland), Heleen Mees (Niederlande), Jagdish Bhagwati (Indien), Michael Pettis (USA). Jeden Monat schreibt bei Capital einer dieser vier Ökonomen. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, und jeder hat damit eine andere Perspektive auf die Welt.

Der Beitrag von David McWilliams erschien zuerst in der aktuellen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.