GastkommentarWir müssen Wirtschaft grundlegend neu denken

Die Corona-Krise bedeutet für die Wirtschaft viele strukturelle Umbrüche
Die Corona-Krise bedeutet für die Wirtschaft viele strukturelle UmbrüchePixabay


Prof. Lars Hochmann ist Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet zu sozialökologischem Unternehmer(innen)tum sowie ökonomischen Natur- und Weltverhältnissen an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. Er ist Herausgeber des Buchs „economists4future. Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“, das gerade im Murmann Verlag erschienen ist


Die Zeiten des Zögerns sind vorbei. Zu lange wurden Krisen kleingeredet und die Augen verschlossen vor den erforderlichen Veränderungen. Zu lange wurde die Zerstörung des
Planeten wissentlich verharmlost, damit einige wenige weiterhin in Saus und Braus leben können. Schonungslos belegt nun die Coronakrise, was durch die Finanzkrise nicht gelang und was die Klimakrise längst hätte nahelegen sollen: Es geht nicht nur um regulatives Flickwerk; wir müssen Wirtschaft grundlegend neu denken, out-of-the-box – und zwar diesmal wirklich.

Gewiss: Der Glaube daran, dass Business-as-usual in der Zukunft die Technologien hervorbringen wird, die den Himmel auf Erden bereiten, ist faszinierend und bequem. Aber er ist auch brandgefährlich. Schluss damit, Pflaster auf die Krisensymptome zu kleben. Eine gründliche Ursachenbehandlung ist angezeigt. Schluss damit, die Beseitigung der Krisen in ein Irgendwann zu schieben. Der Wandel muss jetzt her, denn prinzipiell ist die Zukunft zwar offen, aber im Angesicht unumkehrbarer Zerstörungen gehört hinzugefügt: sie ist es zunehmend weniger.

Das neue Bild von Wirtschaft muss von Krisen her gedacht werden

Lars Hochmann (Foto: Leuphana Lüneburg)

Die Transformationen, die nun erforderlich sind, sind keine Veränderungen im Rahmen der bestehenden Verhältnisse. Sie bedeuten ihre Neugestaltung. Die Bedingungen dafür sind vielleicht noch nie so günstig gewesen wie heute, denn noch nie zuvor wussten wir so viel über die Krisen der Gegenwart und noch nie zuvor war der gesellschaftliche Wille so mächtig, die erforderlichen Schlüsse daraus zu ziehen. Was fehlt, sind Ideen, Konzepte und Visionen, wie die bessere Gesellschaft aussieht und wie sie möglich gemacht werden kann.

Das ist die Zeit der economists4future! Denn gerade in dieser historischen Situation brauchen die krisengebeutelten Gesellschaften der Gegenwart die Wirtschaftswissenschaften; aber sie brauchen sie anders als bislang. Das alte Problem der Unterversorgung hat sich einstweilen erledigt und wird nur noch künstlich inszeniert: Überversorgung am einen, Unterversorgung am anderen Ende der Welt – von Produktivität und Verschwendungsarmut können heute zunehmend nur noch Zyniker*innen reden.

Das neue Bild von Wirtschaft muss von den Krisen her gedacht und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft gebildet, begründet und gerechtfertigt werden: Wir wissen um die Endlichkeit von Ressourcen, um die Problematik einer materiellen Entkoppelung und darum, dass ein steigendes BIP ohnehin als Indikator über die Wohlfahrt einer Gesellschaft zunehmend weniger aussagt. Wir kennen die Ursachen für Emissionen, für urbanen Flächenfraß im globalen Norden und für Landgrabbing im globalen Süden, für Lärm und Lichtverschmutzung, für Sturmfluten, Dürren und Waldbrände, für Fettsucht wie Skeletterkrankungen oder Depressionen ebenso wie für die massenhafte Auslöschung von Pflanzensorten und Tierarten, für die Vermüllung des Planeten oder für die globalen Ungerechtigkeiten. Ihre Ursachen liegen weder in der Verantwortung einzelner Menschen noch lassen sie sich auflösen in einer gesellschaftlichen Totalität. Sie sind das Ergebnis einer sozialen Praxis, die sich weitestgehend unbesehen entlang von individuellen wie geteilten Gewohnheiten und Gepflogenheiten fortführt.

Wirtschaft ist kein unveränderliches Naturgesetz

Ökonomie gestaltet diese Kulturen, sie prägt, wie wir kommunizieren, uns kleiden, ernähren und miteinander umgehen. Der Glaube, Wirtschaft sei ein fremder Stern, auf dem es nur um den eigenen Vorteil und den rollenden Rubel geht, war immer schon ein Irrtum. Sie erscheint nur so, wenn sie aus diesem Blickwinkel betrachtet wird. Wir können ihn aber verändern, wir können andere Begriffe verwenden, andere Fragen stellen, andere Perspektiven einbeziehen, andere Ziele verfolgen – und kämen zu einem ganz anderen Bild.