ZuliefererWie Prevent der Autoindustrie einheizt

Beschäftigte des Autozulieferers Neue Halberg-Guss demonstrierten im Juli in Frankfurt
Beschäftigte des Autozulieferers Neue Halberg-Guss demonstrierten im Juli in Frankfurtdpa

Als die Beschäftigten der Saarbrücker Gießerei Neue Halberg-Guss am Montag, dem 22. Januar, ihr Werk betreten, erwartet sie zwischen den verwitterten Mauern eine Überraschung. Das Traditionsunternehmen, dessen Geschichte bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht, hat einen neuen Eigentümer. Und eine neue Geschäftsführung. Die Übernahme des Autozulieferers mit seinen über 2000 Mitarbeitern, spezialisiert auf Zylinderkurbelgehäuse und Kurbelwellen, hat am vorherigen Freitag das Bundeskartellamt genehmigt.

Der Name des Investors sagt niemandem etwas: eine gewisse Castanea Rubra Assets GmbH, deren lateinischer Name „rote Kastanie“ bedeutet. Betriebsrat und Arbeitnehmervertreter sind überrumpelt, sie können den Kollegen kaum etwas sagen. „Der Informationsfluss vonseiten der neuen Gesellschafter war spärlich“, erinnert sich Patrick Selzer von der IG Metall Saarbrücken.

Schnell aber wird klar, dass hinter dem Investor eine größere Unternehmensgruppe steht: Prevent. Als die Betriebsräte diesen Namen googeln, tritt ihnen der Schweiß auf die Stirn. „Der neue Eigentümer lag mit unserem wichtigstem Kunden im Clinch“, sagt Selzer – gemeint ist Volkswagen. Über Nacht sind „die Halberger“, wie sie sich selbst nennen, in einen der größten Konflikte der deutschen Autoindustrie geraten. Und als sie bei ihren Gewerkschaftskollegen in Wolfsburg nachfragen, werden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Prevent, ein Beteiligungsimperium, das von der bosnischen Hastor-Familie kontrolliert wird, hat sich in den letzten Jahren zu einem Schreckgespenst der Branche entwickelt. Es begann 2015 in Brasilien, als zu Prevent gehörende Zulieferer bessere Bedingungen vom langjährigen Kunden Volkswagen forderten. Nach Darstellung von VW kam es zu einem Lieferstreik, gefolgt von kostspieligen Produktionsausfällen.

Der Autobranche stehen rauere Jahre bevor

2016 schwappte der Streit nach Deutschland. Die Prevent-Töchter Car Trim und ES Automobilguss warfen VW unrechtmäßig gekündigte Aufträge vor und stellten die Lieferung wichtiger Bauteile ein. Bei VW standen Bänder still. Ein Jahr später versuchte Prevent, mit Aktienzukäufen die Kontrolle beim oberpfälzischen Zulieferer Grammer zu übernehmen, für den VW ein wichtiger Kunde ist. Der Versuch wurde mithilfe eines chinesischen Investors abgewehrt, offenbar unter Druck von VW.

Möglicherweise ist der Konflikt auch ein Vorbote dafür, dass dem erfolgsverwöhnten Automobilbau rauere Jahre bevorstehen. Das Vorgehen von Prevent ist oft ähnlich: Eine Investmentfirma mit einem exotischen Namen wie Cascade, Parramatta oder eben Castanea Rubra steigt bei einem Komponentenhersteller ein, der viel an VW liefert. Dann werden über Preiserhöhungen und Rechtsstreitigkeiten die Daumenschrauben angezogen.

Als der Konflikt zwischen VW und Prevent begann, reagierten viele Zulieferer noch mit klammheimlicher Freude. Die großen Autokonzerne halten ihre Lieferanten gerne an der kurzen Leine, sie drücken auf die Preise, wälzen Entwicklungskosten ab und lassen mit Zahlungen schon mal auf sich warten. Manchem gefiel es, dass dagegen mal einer aufzubegehren schien. „Mein erster Gedanke war: Verdient haben sie es schon“, sagt der Chef eines mittelgroßen Zulieferers über den Konflikt.