Saudi-ArabienWie der Fall Khashoggi das Projekt des Thronfolgers gefährdet

Der heimliche Herrscher im Königreich: Der saudische Kronpinz Mohammed bin Salman zieht mit dem Staatsfonds die Fäden der wirtschaftlichen Macht
Der heimliche Herrscher im Königreich: Der saudische Kronpinz Mohammed bin Salman zieht mit dem Staatsfonds die Fäden der wirtschaftlichen MachtBandar Algaloud/Saudi Kingdom Council/Handout/Anadolu Agency/Getty Images

Wenige Monate nach seiner Thronbesteigung leitete König Salman eine Kabinettssitzung, die tiefgreifende Auswirkungen auf die Zukunft Saudi-Arabiens haben sollte ­– und darauf, wie die weltbesten Banker das konservative Königreich künftig sehen würden.

Weder innerhalb noch außerhalb des Landes fand die Entscheidung im al-Yamamah-Palast viel Beachtung. Doch die 1400 Wörter lange Rede endete mit der Nachricht, dass der staatliche Investitionsfonds (PIF) nicht länger dem Finanzministerium unterstehen werde, sondern dem neu geschaffenen Rat für Wirtschaft und Entwicklung – und dessen Vorsitzender, Kronprinz Mohammed bin Salman, würde auch Chairman des PIF.

Die Weichenstellung vom März 2015 war ein frühes Anzeichen der Ambitionen des Kronprinzen und der finanziellen Macht, die der Thronfolger des alternden Monarchen – kurz MBS genannt – bald ausüben würde. Sie markierte den Beginn des radikalen Umbaus des PIF von einer stillen Holdinggesellschaft zu dem wohl aktivsten staatlichen Investitionsapparat der Welt ­– bald verglichen mit einem „Staat im Staat“.

Seither investierte der Fonds Dutzende Milliarden Dollar im In- und Ausland, in Tech-Unternehmen wie Uber und Magic Leap oder Finanzfirmen wie Blackstone und SoftBank. Ziel war eine Verdoppelung des verwalteten Vermögens auf 600 Mrd. Dollar bis 2020. Der Staatsfonds wurde die gewaltigste Kraft der größten Volkswirtschaft der arabischen Welt. Angetrieben von Prinz Mohammed, dem de fakto-Herrscher des Königreiches.

Prinz Mohammeds Schwert für die Modernisierung

Forthin wurde der Fonds zum Schwert im Dienste der Modernisierung der von Erdöl abhängigen Wirtschaft. „Es war eines der ersten Ziele, die Prinz Mohammed ins Visier nahm“, sagt ein saudischer Analyst. „Es geht um das Schlüsselinstrument für seine persönliche, politische, wirtschaftliche und soziale Agenda für das Land. Das ist eine One-Man-Show.“

Doch der Skandal um die Ermordung des regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi rückt den Fonds und seinen Schutzherren urplötzlich in ein schiefes Licht. Inmitten der makaber anmutenden Berichte über die Todesumstände Kashoggis im saudischen Konsulat in Istanbul wird der PIF zu einem eklatanten Sinnbild für den potenziellen wirtschaftlichen Schaden für das Königreich, während Riad sich in der größten diplomatischen Krise mit dem Westen seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA wiederfindet.

An diesem Dienstag sollte in der Hauptstadt die bedeutendste Investorenkonferenz des Jahres beginnen. Das „Davos in der Wüste“ hatte 2017 namhafte Spitzenvertreter der Finanz- und Konzernwelt angelockt. In der vergangenen Woche bemühte sich der PIF, zu retten, was zu retten ist. Es herrschte Krisenmanagement, denn eine Reihe westlicher Minister und Topmanager sagten wie IWF-Chefin Christine Lagarde wegen des Falls Khashoggi ab. „Das Ereignis kann niemand einfach ignorieren“, sagt ein Finanzmanager, der im Königreich Geschäfte macht. „Der Kronprinz wird für immer damit verbunden bleiben.“

Zugleich bringt es Riads Pläne in Gefahr, internationales Kapital, Know-how und Technologien anzuziehen, die es für den Aufbau einer modernen Wirtschaft braucht. Prinz Mohammed hat dringend notwendige Jobs für die von steigender Arbeitslosigkeit betroffene Jugend versprochen. Karen Young, Expertin für den Persischen Golf am American Enterprise Institute, sieht einen „riesigen Rückschlag für die Strategie des Fonds, mit ausländischen Investoren Partnerschaften und gemeinsame Projekte innerhalb des Königreichs zu schmieden“. Es könne durchaus sein, dass Riad nun seine Vetternwirtschaft noch vertiefe statt schmerzhafte Reformen einzuleiten.