BlockchainWie Blockchain die Armut besiegen kann

Auf unsicherem Boden: Viele Kleinbauern in Entwicklungsländern beackern angestammte Flächen, ohne darauf formale Landtitel zu habenGetty Images

Lange Zeit haben westliche Ökonomen die Verbindung zwischen privaten Eigentumsrechten und wirtschaftlicher Entwicklung in ihrer Bedeutung verkannt. Karl Marx sah in privatem Eigentum die Quelle allen Reichtums und forderte seine Abschaffung im Dienste der Gleichheit. Anderthalb Jahrhunderte später wissen wir, dass ein Land ohne formale Erfassung von Eigentumsrechten seine wirtschaftliche Entwicklung hemmt und seine Bürger davon abhält, ihr volles Potenzial zu entfalten. Die Einsicht ist simpel und doch überraschend: Der Weg zu wirtschaftlichem Wohlergehen führt über den Schreibtisch eines Beamten im Bezirksgericht oder Katasteramt.

Die große ökonomische Trennlinie in der heutigen Welt verläuft zwischen den 2,5 Milliarden Menschen, die ihr Eigentum rechtlich verbriefen können, und jenen fünf Milliarden Menschen, die – auch weil ihnen dies verwehrt bleibt – in Armut leben. Denn was geschieht ohne solche Strukturen? Privates Vermögen ist weniger wert; Arbeiter, die damit umgehen, werden weniger gut bezahlt; Eigentümer können ihr Vermögen nicht als Sicherheit für einen Kredit oder als Nachweis zum Recht auf öffentliche Dienstleistungen nutzen; und die Gesellschaft verliert, weil Vermögen nicht so gewinnbringend wie irgend möglich eingesetzt wird.

Nach Erhebungen des Instituts für Freiheit und Demokratie (ILD), 1979 von Hernando de Soto in Lima gegründet, haben zwei Drittel der Weltbevölkerung keinen Zugang zu Systemen, in denen Sie Eigentumsrechte verbriefen können. Die Folge sind unterentwickelte Ressourcen und Vermögenswerte im Wert von schätzungsweise 170 Billionen Dollar, oder 63 Prozent der US-amerikanischen Vermögenswerte.

Jeder sichtbare Besitz kann geortet werden

Je leistungsfähiger Erfassungssysteme wie Satellitenfotos oder digitale Ortungsdienste werden, desto besser liefern Daten uns die empirischen Erkenntnisse, wo sich jeder nur denkbare sichtbare Besitz auf diesem Planeten befindet. Außerhalb der entwickelten Welt und einigen aufstrebenden Regionen in Entwicklungsländern fehlt es allerdings an zugänglichen amtlichen Aufzeichnungen, wem was gehört.

Belege dafür existieren sogar in den primitivsten Gesellschaften, wie der Entwicklungsökonom Hernando de Soto vor 40 Jahren herausfand. Sein Institut begann daraufhin in Peru mit der Sammlung und Formalisierung dieser Nachweise, um ein Register für Land- und Eigentumsrechte – ähnlich einem Grundbuch – anzulegen.

Im Jahr 1980 zog die marxistisch-leninistische Guerilla-Bewegung Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) viele Bauern der armen indigenen Bevölkerung in ihren Bann, indem sie deren Landrechte mit vorgehaltener Pistole durchsetzten. Als Peru um amerikanische Unterstützung bat, das Gesetz der Waffe durch die rechtliche Anerkennung primitiver Eigentumsnachweise zu ersetzen, kam unser Team ins Spiel. Es war das Jahr 1990, die Guerilla beherrschte 60 Prozent des Landes, und die RAND Corporation sagte den Fall Limas 1992 voraus.

Wer sein Land besitzt, verteidigt es gegen Terror

Mit der Hilfe von Phil Gramm, damals US-Senator, konnte das ILD-Registerprojekt finanziert werden, und es gelang sogar, eine Allianz zu schmieden zwischen der peruanischen Armee und Bauern, Land- und Bergarbeitern, die ihre neu gewonnenen Landrechte verteidigen wollten. Die Verbriefung ihrer Eigentumsrechte spürten die Bauern in ihren Geldbeuteln, sie gewann Herzen und Köpfe. Erst als es galt, ihr Eigentum zu verteidigen, fand die Landbevölkerung die Kraft und Überzeugung, die den Terror schließlich besiegte.

Die Anführer des „Leuchtenden Pfades“ ergaben sich, zogen die Sicherheit der Gefängnisse dem Zorn der armen Landbevölkerung vor. Ihr Kommandant Abimael Guzmán gab ausdrücklich den Landrechten – „erfunden und umgesetzt von Hernando de Soto“ und dessen amerikanischen Freunden – die Schuld an der Niederlage. Nie zuvor haben die USA einen Krieg gegen Kommunismus und Terrorismus mit so geringem Blutvergießen und Aufwand gewonnen. Aber natürlich hat man auch selten so einen Verbündeten wie Landrechte auf seiner Seite.

Größere Rechtssicherheit für Landbesitz kann also riesige wirtschaftliche Gewinne einfahren. Im Jahr 1990 wurde die staatliche peruanische Telekommunikationsgesellschaft CPT an der Börse von Lima mit 53 Mio. Dollar bewertet. Dann wollte die Regierung das Unternehmen privatisieren, nur bissen keine ausländischen Investoren an: Die Vermögenstitel der CPT entsprachen nicht den internationalen Standards. Die Gesellschaft holte sich Rat, durchforschte mit ILD-Richtlinien alte Einträge und formalisierte die Eigentumsrechte neu. Drei Jahre später wechselte sie für 2 Mrd. Dollar – das 38-Fache des vorherigen Werts – den Besitzer.

Ein anderes Beispiel ist Tunesien. 2010 zündete die Selbstverbrennung des Straßenverkäufers Mohamed Bouazizi in der Stadt Sidi Bouzid den Funken, der zum Arabischen Frühling führte. Eine umfassende Studie des ILD kam zu dem Ergebnis, dass auch er und andere Opfer sich gegen fehlende Rechte und Rechtstaatlichkeit aufgelehnt hatten.

Blockchain-Technik ist transparent und nachvollziehbar

Nach dem Erfolg in Peru setzt sich allmählich ein wachsendes Bewusstsein über die Rolle von Eigentumsrechten durch. Sporadisch wird in vielen Entwicklungsländern versucht, die Registrierung von Landrechten zu verbessern. Doch es gibt Hindernisse. Eine Schwierigkeit liegt etwa darin, die Einträge in leicht zugänglicher Form aufzubewahren und sie auf dem neuesten Stand zu halten.

Hier kommt die neue Blockchain-Technologie ins Spiel. Denn sie könnte ein globales Register von Eigentumsrechten ermöglichen. Der E-Commerce-Pionier und Chef von Overstock.com, Patrick Byrne, hat sich mit einem Team von Profis und erheblichen Mitteln dem Thema verschrieben. Er arbeitet daran, wie Eintragungen und Pflege solcher Rechte modernisiert werden können. Blockchain scheint dafür aus drei Gründen gut geeignet: Einträge lassen sich gut nachverfolgen, Millionen von Nutzern können leichten Zugang erhalten, und die Daten sind einfach zu aktualisieren, wenn ein Eigentümer wechselt.

Wenn sich die Blockchain-Technologie durchsetzt, und öffentliches wie privates Engagement für bessere Register zu einer einzigen Computerplattform führen würde, könnte dies ein Segen für die ganze Welt werden. Statt privates Eigentum im Dienste marxistischer Gleichmacherei zu zerstören, können wir mit der Verbreitung von Eigentumsrechten einen Beitrag gegen Armut leisten. Wo Rechte gewahrt werden, tragen sie zu Wohlstand, Freiheit und Vermögensaufbau bei, welche wiederum für Stabilität und Frieden sorgen.

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