Interview„Wer gegen VW klagt, hat gute Chancen“

Anwalt Marco Rogert vertritt VW-Kunden gegen den Konzern
Anwalt Marco Rogert vertritt VW-Kunden gegen den KonzernMarina Rosa Weigl


Marco Rogert vertritt den Bundesverband der Verbraucherzentralen als Klägeranwalt bei der Musterklage gegen den VW-Konzern. Seine Kanzlei Rogert & Ulbrich führt reichlich Verfahren mit Klagen von Dieselgeschädigten gegen VW, Händler oder auch VW-Tochtergesellschaften. Bisher hat sie rund 7000 Klagen vertreten und mehrheitlich gewonnen. 


Capital: Herr Rogert, gestern Nacht haben Sie für den Bundesverband Verbraucherzentralen die Musterfeststellungklage gegen den VW-Konzern eingereicht. Kommt die Klage nicht viel zu spät?

MARCO ROGERT: Früher wäre sicher besser gewesen. Aber zu spät ist es nicht. Viele Ansprüche von Diesel-Geschädigten im von der Musterfeststellungsklage erfassten Bereich verjähren ja frühestens Ende des Jahres. Verschiedene Berechnungen gehen davon aus, dass rund zwei Millionen Verbraucher von diesem Weg profitieren könnten.

Was bringt denn das neue Klageinstrument ganz konkret?

Jeder Diesel-Geschädigte kann sich kostenlos und unbürokratisch (online) in ein Register eintragen und so risikolos Schadenersatzansprüche geltend machen. Es muss also nicht jeder einzeln und mit hohem Aufwand seine Ansprüche feststellen lassen, sondern er macht das gemeinsam mit anderen, in diesem Fall mit Hilfe des Verbraucherverbands oder des ADAC und uns Klägeranwälten.

Am Ende eines Verfahrens steht aber nur ein Feststellungsurteil. Jeder Einzelne muss also trotzdem erneut klagen und eine konkrete Summe Geld einfordern. Wo ist da der Fortschritt?

Es stimmt, dass das OLG Braunschweig keine Zahlungen an Diesel-Geschädigte anordnen kann – weil jeder Fall individuell anders liegt. Das unterscheidet die Musterfestellungsklage von einer Sammelklage wie sie das US-Recht kennt.

Hoffen Sie, dass VW sich auf einen großen Vergleich einlässt?

VW hat sich bereits auf viele einzelne Vergleiche eingelassen. Nur spricht der Konzern darüber wenig, um nicht noch mehr Kläger auf die Idee zu bringen. Aber wer klagt, hat gute Chancen. Allein mein Kollege Ulbrich und ich haben in mehreren Hundert Fällen für VW-Diesel-Geschädigte positive Urteile erstritten. Allerdings rechne ich bei der Musterklage nicht mit einem Vergleich für alle. Aber das macht nichts. Die Geschädigten sind auf das Angebot nicht angewiesen. Vergleicht VW sich nicht, entscheidet das Gericht durch Urteil.

Große Konzerne wie VW sind bekannt dafür solche Verfahren durch alle Instanzen zu fechten und so die Sache in die Länge zu ziehen. Fürchten Sie nicht, dass die Musterklage am Ende beim Bundesgerichtshof endet und die Verbraucher in zehn Jahren noch kein Geld gesehen haben?

Auch der ADAC und die Verbraucherverbände haben schlagkräftige Anwälte. Ich hoffe sehr, dass es schneller geht und sich nun noch möglichst viele der Klage anschließen. Je mehr Kläger mitziehen, umso größer sind die Chancen auf einen Vergleich. Zudem laufen Zinsen für die Kläger – in der aktuellen Niedrigzinsphase durchaus attraktiv, nämlich fünf Prozent über Basiszinssatz nach Klagezustellung.

In den USA ist ja oft die Rede von einer Klageindustrie. Verdienen Sie als Klägeranwalt eigentlich besonders gut an der Musterfeststellungsklage.

Nein. Die Gebühren von rund 6000 bis 7000 Euro pro Fall decken noch nicht mal unsere Kosten. In den USA geht es um viel höhere Summen und Anwälte werden dort nicht nach der Gebührenordnung vergütet, sondern prozentual an der ausgeurteilten Summe beteiligt.