KolumneWie deutsche Autohersteller ihre Kunden bedieseln

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Es war Anfang März und die ganze Branche versammelte sich, wie jedes Jahr, zum Automobilsalon in Genf. Der damalige VW-Konzernchef Matthias Müller griff zum Mikrophon und brachte eine kühne Parole unters versammelte Volk: „Der Diesel wird eine Renaissance erleben!“ Daimler-Chef Dieter Zetsche ließ in Genf Ähnliches von sich hören: „Es wäre nicht sinnvoll, auf die Dieseltechnologie zu verzichten.“ Und BMW-Chef Harald Krüger sekundierte: „Es lohnt sich, für den Diesel zu kämpfen.“

Die Rede in Genf war Müllers letzter großer Auftritt vor seiner Entlassung im April dieses Jahres – aber nicht das letzte Beispiel für die große Heuchelei in Sachen Dieseltechnik. Nach außen beschwören die deutschen Hersteller immer noch die glänzende Zukunft ihrer Selbstzünder – obwohl ihre Kunden immer seltener nach einem Auto mit Dieselmotor verlangen. Nur noch mit hohen Rabatten (und vor allem bei Firmenkunden) lassen sich die unbeliebten Fahrzeuge überhaupt an den Mann bringen. Die ständige Debatte über Fahrverbote in den Innenstädten, teure Nachrüstungen veralteter Motoren und die drohende Stilllegung von Fahrzeugen mit verbotenen Abschalteinrichtungen haben zu einer großen Verunsicherung unter allen Kunden und möglichen Käufern geführt.

Die Autohersteller wissen in Wahrheit sehr genau, dass sie keine Wiedergeburt des Diesels erleben werden, sondern seinen schleichenden Tod. Für einige wenige Jahre wollen sie aber noch möglichst viele Dieselfahrzeuge in den Markt drücken, um hohe Abschreibungen auf ihre Technik und ihre Motorenwerke zu vermeiden. Deshalb fahren sie doppelgleisig: Weiter trommeln für den Diesel, aber seinen schrittweisen Abschied mit möglichst niedrigen Kosten organisieren. Für die Konzerne wäre das eine durchaus rationale Strategie – wenn sie nicht mit einer Irreführung ihrer heutigen Kunden verbunden wäre. Denn eigentlich dürfte jedes Dieselfahrzeug den Showroom des deutschen Händlers heute nur noch mit einem dicken Warnhinweis verlassen: „Achtung! Dieses Auto können Sie künftig nur mit einem großen Abschlag wiederverkaufen! Und Achtung! Vielleicht kommen sie mit Ihrem Fahrzeug künftig irgendwo nicht mehr in die Innenstadt!“

Seit Jahrzehnten führen die deutschen Hersteller neue Technologien immer von oben in ihrer Modellpalette ein – und verabschieden sich dort auch zuerst von überholten Technologien: erst kommen die Luxus-, zuletzt die Kleinwagen dran. Genauso geht es auch mit dem Diesel: Im VW-Konzern bieten die Edelhersteller Bentley und Porsche keine Dieselfahrzeuge mehr an. Den Kunden von Volkswagen, Audi, Skoda und Seat aber erzählt man, sie sollten ruhig einen Diesel kaufen. Andere Hersteller bedieseln ihre Kunden ähnlich.

Auf der Strecke bleibt in der Autobranche gegenwärtig das wichtigste Asset, das Konzerne eigentlich besitzen: das Vertrauen derjenigen, die ihre Produkte kaufen. Kurzfristig spüren die Konzerne davon relativ wenig, langfristig aber schon. Für viele junge Menschen hat das Auto ohnehin bereits seine Rolle als Statussymbol verloren. Wenn die Branche mit ihrer doppelbödigen Kommunikation so weiter macht wie bisher, dürften sich viele ältere Kunden auch irgendwann fragen, warum sie noch so viel Geld für ein Auto ausgeben. Bisher sind Männer über 50 die letzten treuen Kunden der Autoindustrie.