KolumneWendezeit an den Finanzmärkten

Christian Schütte
Christian Schütte
© Trevor Good

Christian Schütte schreibt an dieser Stelle über Ökonomie und Politik


Der Öl-Crash ist zu Ende, die Gegenbewegung hat begonnen. Nachdem der Preis für Brent zwischen Juni und Januar von über 110 auf weniger als 50 Dollar abgestürzt war, hat er sich im Frühjahr gefangen und ist zuletzt sogar rasch gestiegen.

Knapp unter 70 Dollar kostet das Barrel jetzt wieder. Das ist zwar noch immer viel billiger als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Neue Tiefpunkte sind aber nicht in Sicht.

Was ist da los und was sind die Folgen?

Von einer generellen Angebotsverknappung kann zumindest bislang keine Rede sein. In den Krisenregionen von Libyen bis Jemen eskaliert zwar die Gewalt. Der Großproduzent Saudi-Arabien hat seine Förderung aber stark ausgeweitet und scheint weiterhin darauf zu setzen, unliebsame Rivalen aus dem Markt zu drängen – den lokalen Erzfeind Iran, aber auch die neue Konkurrenz der Schieferöl-Produzenten in den USA.

Nachfrage zieht auch konjunkturbedingt an

Die Amerikaner legen zwar einen großen Teil ihrer Förderanlagen still: Die Zahl der sogenannten Rigs befindet sich geradezu im freien Fall, sie ist in den vergangenen sieben Monaten um rund 60 Prozent gesunken. Aus den verbliebenen Anlagen wird dafür aber immer noch mehr herausgeholt. Nach den Angaben der amerikanischen Energy Information Administration liegt die heimische Ölproduktion weiterhin auf Rekordniveau. Die Vorratslager in aller Welt sind prall gefüllt. Erst allmählich macht sich der saisonal bedingte Anstieg des Spritverbrauchs bemerkbar.

Der recht abrupte Preisanstieg dürfte also eher daran liegen, dass die Nachfrage auch konjunkturbedingt anzieht. Das wäre schließlich auch eine normale Marktreaktion: Der Ölpreiscrash hat den Verbraucherländern reichlich Kaufkraft beschert, nun setzt dort allmählich der Aufschwung ein.

Dazu passt dann auch, dass an den Finanzmärkten in dieser Woche auf einmal die große Deflationsangst verschwunden ist und die Zinsen – auf niedrigstem Niveau – abrupt steigen. Und zwar nicht nur für die Staaten, die bei einem Grexit als Wackelkandidaten gelten. Sondern auch für das boomende Deutschland.

Ende der Dollar-Rally

Die Zeit der außergewöhnlich niedrigen, ja teilweise negativen Inflationsraten scheint jedenfalls zu Ende zu gehen. Die Notenbanker hatten stets betont, dass die Teuerung durch den Ölpreisverfall nach unten verzerrt sei. Wenn der Ölpreis nicht mehr sinkt, sondern sogar wieder leicht anzieht, dann wird dieser Effekt verschwinden.

Der Öl-Crash – in Verbindung mit Mini-Zinsen und Währungsabwertung – war für Europa  ein gewaltiges Konjunkturprogramm. Seine Folgen im neuen Öl-Wunderland USA bleiben durchaus durchwachsen. Was den Verbrauchern nützt, fehlt dort schließlich den Förderern in der Kasse. Und ihr scharfer Kapazitätsabbau schlägt in den USA auch gesamtwirtschaftlich durch. Strukturanpassung ist nötig. Hochbezahlte Öljobs werden gestrichen, die Budgets für neue Projekte radikal gekürzt. Dass die gewerblichen Bauinvestitionen in den USA im ersten Quartal um fast ein Viertel eingebrochen sind, dürfte auch an den Streichkonzerten in der Ölindustrie liegen.

Europa zeigt also Lebenszeichen, der US-Aufschwung schwächelt erst einmal – das schlägt sich dann auch an den Devisenmärkten nieder. Der Euro erstarkt, die große Dollar-Rally ist vorerst vorüber.

An die Finanzmärkte, die in den vergangenen Monaten oft schon im Einbahnstraßenmodus waren, bringt das jetzt natürlich viel Unruhe und Erschütterungen. Aber wenn die Deflationsängste schwinden, ist das ein gutes Zeichen.