KolumneDie Eurozone gibt ein Lebenszeichen

Nouriel Roubini
Nouriel Roubini
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Nouriel Roubini ist Vorsitzender von Roubini Global Economics und Professor an der Stern School of Business der New York University. Er ist als „Dr. Doom“ bekannt. Der Name wurde Roubini verliehen, weil er 2008 die Immobilienblase vorhersagte. Sie können ihm hier auf Twitter folgen.


Die jüngsten Wirtschaftsdaten aus der Eurozone legen nahe, dass eine Erholung bevorstehen könnte. Was treibt den Aufschwung an? Welche Hindernisse stehen ihm im Weg? Und was muss passieren, damit der Aufschwung nachhaltig wird?

Die unmittelbaren Ursachen der Erholung sind unschwer auszumachen. Im vergangenen Jahr stand die Eurozone am Rande einer W-förmigen Rezession (Double-Dip). Als sie kürzlich in eine technische Deflation geriet, machte die Europäische Zentralbank endlich ernst mit einer aggressiven Lockerung ihrer Geldpolitik und leitete eine Kombination aus quantitativer Lockerung (einschließlich des Ankaufs von Staatsanleihen) und negativen Leitzinsen ein.

Das zeigte unmittelbare Wirkung an den Finanzmärkten: In Erwartung einer lockeren Geldpolitik und nach der Umsetzung dieser Politik fiel der Euro steil, die Anleiherenditen im Kern, aber auch in der Peripherie der Eurozone sanken auf neue Tiefststände, und an den Aktienmärkten begann ein robuster Kursanstieg. In Verbindung mit dem steilen Rückgang der Ölpreise gab das dem Wirtschaftswachstum einen Schubs.

Auch andere Faktoren unterstützen die positive Entwicklung. Die gelockerte Kreditpolitik der EZB stellt faktisch eine Subventionierung der Kreditvergabe durch die Banken dar. Der fiskalische Bremseffekt der Sparpolitik dürfte dieses Jahr geringer ausfallen, da die Politik der Europäischen Kommission weniger streng geworden ist. Und der Einstieg in eine Bankenunion hilft ebenfalls; im Gefolge der jüngsten Stresstests und der Überprüfung der Anlagenqualität weisen die Banken eine größere Liquidität und mehr Kapital für Kreditvergaben an den Privatsektor auf.

Geldaufbewahrung in der Matratze ist riskant

Infolgedessen gibt es in der Eurozone wieder Wachstum, und die Aktien der Eurozone haben sich zuletzt besser entwickelt als in den USA. Die Schwächung des Euro und die aggressiven Maßnahmen der EZB könnten im späteren Jahresverlauf sogar dem Deflationsdruck ein Ende bereiten.

Eine robustere, nachhaltigere Erholung steht aber noch immer vor vielen Herausforderungen. Zunächst einmal könnten die politischen Risiken weitere Fortschritte verhindern. Es steht zu hoffen, dass Griechenland in der Eurozone bleiben wird. Doch die schwierigen Verhandlungen zwischen der Syriza-geführten Regierung und der „Troika“ (der EZB, der Europäischen Kommission und dem Internationalen Währungsfonds) könnten einen unbeabsichtigten Unfall verursachen – manche sprechen vom „Grexident“ –, falls in den kommenden Wochen keine Übereinkunft über die Finanzierung des Landes erreicht werden kann.

Zudem könnte in Spanien die Podemos – eine linke Partei aus demselben Guss wie Syriza – an die Macht gelangen. In Italien fordern populistische eurofeindliche Parteien des linken und rechten Spektrums Ministerpräsident Matteo Renzi hinaus. Und Marine Le Pen von der rechtsextremen Nationalen Front ist in den Meinungsumfragen im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2017 gut platziert.

Nur langsame Fortschritte bei der Schaffung von Arbeitsplätzen und beim Anstieg der Einkommen könnten die populistische Gegenreaktion gegen Sparpolitik und Reformen weiter anheizen. Selbst die EZB schätzt, dass die Arbeitslosenquote in der Eurozone 2017 noch immer bei 9,9 Prozent liegen dürfte – deutlich über dem Durchschnittswert von 7,2 Prozent vor Ausbruch der globalen Finanzkrise vor sieben Jahren. Und die Spar- und Reformmüdigkeit in den Randländern der Eurozone geht einher mit einer Rettungsmüdigkeit im Kern, was die Unterstützung für eine Reihe eurofeindlicher Parteien in Deutschland, den Niederlanden und Finnland anschwellen lässt.