StrafzölleWas wäre wenn: Der Handelskrieg 2018 anders erzählt

Am ersten Tag herrscht noch eitel Sonnenschein. Die Führungsriege der G7 beim Gipfeltreffen in La Malbaie in KanadaLeon Neal/Getty Images

Rückblick aus dem Jahr 2020: Meisterhaft hat es Donald Trump strategisch und taktisch geschafft, den Handelskrieg mit China zu gewinnen. Unbelastet von der Ideologie „Engage with China at any cost“, die seine Vorgänger pflegten, hat der versierte Deal-Maker erkannt, dass er für einen Erfolg einen Hebel braucht, den nur Verbündete ihm liefern können.

Im Jahr 2018 stand vieles noch auf der Kippe. Als US- und chinesische Beamte in diesem Jahr zusammentrafen, war China noch zuversichtlich, dass die bisherige Ermüdungstaktik auch mit dem Neuen im Weißen Haus funktionieren würde: Grandiose Reformversprechen, mehr amerikanische Kohle, Sojabohnen und Erdgas kaufen, und gleichzeitig drohen, die Zusammenarbeit über den Konfliktherd Nordkorea einzustellen.

Trumps Helfer hatten ihn davon überzeugt, dass das eigentliche Problem mit China nicht das Handelsdefizit sei, sondern Chinas merkantilistischer Staatskapitalismus, der ausländische Produkte in China systematisch diskriminiert und ausländische Unternehmen dazu bringt, ihr wertvollstes geistiges Eigentum aufzugeben. Es würde die Amerikaner hoch bezahlte Arbeitsplätze kosten, wenn die chinesische Konkurrenz sie von den Wachstumsmärkten der Zukunft ausschlössen.

Washington stellte entsprechende Forderungen auf: Lenkt China nicht ein, würden auch die USA chinesische Unternehmen von Übernahmen, Joint Ventures oder Großinvestitionen in heimische Technologieunternehmen ausschließen, die Belieferung von Telekommunikationsnetzen untersagen und für alle chinesischen Investitionen das strikte Prinzip der Gegenseitigkeit aufstellen. Ein Spiegelbild aller Einschränkungen von US-Firmen in China.

G7 überrascht China mit geschlossener Front

China glaubte zunächst, es könne die USA wie gewöhnlich ausbooten, indem es deren Verbündete gegen sie ausspielte. Aber stattdessen stieß Peking auf eine geschlossene Front. Beim entscheidenden G7-Gipfel sagten Kanada, die EU und Japan zu, sie würden in einer beispiellosen Aktion gemeinsam mit den USA die Welthandelsorganisation anrufen. Der Grund: Umfangreiche und verdeckte inländische Subventionen machten Vorteile zunichte, die der Beitritt Chinas den Partnern bringen sollte.

Auf Betreiben von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schlossen die EU, Kanada und Japan sich dem Verbot chinesischer Technologieinvestitionen und der Politik der strikten Gegenseitigkeit bei Investitionen an. Eigenen Luftfahrtunternehmen verbot die G7 weitere Gemeinschaftsunternehmen oder Auslagerungen nach China, um die Volksrepublik auszubremsen, auf Kosten des Westens einen eigenen nationalen Champion aufzubauen.

Möglich geworden war die vereinte Front, weil Trump überredet werden konnte, Irritationen mit den Bündnispartnern zurückzustellen und allen Seiten einen gesichtswahrenden Erfolg zuzugestehen. In Bezug auf die WTO verständigten sich die Mitglieder, die Verfahren zu beschleunigen, um möglichst schnell gegen regelwidriges Verhalten vorgehen zu können, und die Berufungsmöglichkeiten einzuschränken, von denen die USA lange behauptet hatten, sie untergrüben ihre Souveränität.

Nafta-Streit wird beigelegt

Für das nordamerikanische Freihandelsabkommen akzeptierten Kanada und Mexiko die Forderungen der USA, dass ein Auto zu mindestens 50 Prozent in den USA gefertigt sein muss, um zollfrei verkauft zu werden, und eine Mindestzahl zu mindestens 16 Dollar Stundenlohn herzustellen. Dafür ließ Trump von einer fünfjährigen Verfalls- oder Sunset-Klausel ab und stimmte zu, Kapitel 19 zu behalten, wonach Antidumping- und Ausgleichszölle vor einem binationalen Gremium angefochten werden können.

Kanada sagte zu, die Quoten für Milchimporte langsam auslaufen zu lassen, weil die USA das gleiche für Nadelschnittholz tat. Trump fuhr seine Grenzmauer zu Mexiko auf einen Zaun zurück und hörte auf, über Kosten zu reden. Dafür änderte Mexiko die Asylgesetze, damit zentralamerikanische Flüchtlinge nicht länger über Mexiko in die USA einreisen.

Aus der Erkenntnis heraus, dass China die Quelle des globalen Überangebots an Stahl und Aluminium war, einigten die Verbündeten sich auf ein gemeinsames Überwachungsprogramm. Es soll verhindern, dass chinesische Ware über Drittländer geschleust wird, um Strafzölle zu vermeiden.

Peking schlägt erst zurück, dann lenkt es ein

Als die Schlinge sich zuzog, schlug China zurück: US-Firmen, die in China Fuß fassen wollten, wurden ausgebremst. US-Exporte von Autoteilen und Agrarprodukten wurden in chinesischen Häfen festgehalten, weil angeblich Gesundheits- oder Sicherheitsvorschriften verletzt wurden. Die USA reagierten mit einer Untersuchung nach Sektion 301 des U.S. Trade Act, wonach China mit höheren Zöllen für nichttarifäre Handelshemmnisse bestrafen werden könnte. Außerdem fuhr China seine Dollar-Käufe hoch, um seine Exporte in Yuan billiger zu machen. Das US-Finanzministerium reagierte mit der Genehmigung gegenläufiger Käufe von Yuan.

Als China handelstechnisch nicht mehr weiterkam, spielte es die außenpolitische Karte. Nordkorea brach die Verhandlungen über die Zulassung internationaler Waffeninspektoren für sein Atomprogramm ab. Das sollte ein wichtiger Schritt zur Denuklearisierung sein. Die USA reagierten mit Bemühungen, die Raketenabwehr in Japan und Südkorea auszubauen, Marinepatrouillen vor Nordkorea zu verstärken und in Vietnam eine neue Marinebasis unterzubringen.

Alarmiert über die Aussicht einer wachsenden US-Militärpräsenz vor seiner Haustür, bugsierte Peking Nordkorea zurück an den Verhandlungstisch. Ein Jahr später kapitulierte Chinas Apparat: Es wurde ein Ende der Joint-Venture-Anforderungen verkündet, die schrittweise Abschaffung von Investitionsbeschränkungen, Zollsenkungen in kritischen Sektoren, darunter Autos, und ein schrittweiser Übergang zu flexiblen Wechselkursen.

China würde weiterhin zu einer fortgeschrittenen Industrienation aufsteigen, aber es sollte den Nutzen stärker mit ausländischen Partnern teilen. Der ehrgeizige Plan China 2025, der die Autonomie in Spitzentechnologie anstrebt, wurde stillschweigend zu China 2035 umbenannt.

Während der US-amerikanische Umsatz im Ausland boomte, einigten die Unternehmen sich mit der Regierung in Washington darauf, Tausende ehemaliger Fabrikarbeiter für hochbezahlte, hochqualifizierte Jobs fortzubilden. Trump hatte, wie versprochen, das Welthandelssystem in Ordnung gebracht – und das, wie für die USA eigentlich üblich, indem er ein Bündnis schmiedete.

Copyright The Wall Street Journal 2018