KolumneWarum VW Stadler und Müller feuern sollte

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Sein Name ist Stadler und er weiß von nichts. Diese Verteidigungslinie verfolgt der Audi-Chef eisern, auch wenn sich mittlerweile die halbe Republik über diese Behauptung totlacht. Rupert Stadler will nichts von der Betrugssoftware geahnt haben, die sein Unternehmen über zehn Jahre lang in die Dieselmotoren des ganzen Konzerns eingebaut hat. Das Papier seiner eigenen Experten, die bereits 2013 schriftlich vor den teuren Folgen der Manipulationen in den USA warnten, ist bei ihm angeblich niemals angekommen. Und selbstredend hatte Stadler auch keine Ahnung, dass Audi bis zur letzten Woche Antriebe mit illegaler Abschaltvorrichtung an die Schwester Porsche geliefert hat.

Sein Name ist Müller – und er weiß auch von nichts. Obwohl der amtierende Konzernchef Matthias Müller seit 1978 in allen möglichen Leitungsfunktionen bei Audi, VW und Porsche tätig war, wäscht er seine Hände bis heute wie Pontius Pilatus in Unschuld. Mittlerweile aber muss man sagen: Es ist auch völlig egal, was Müller und Stadler tatsächlich gewusst und wann sie welche Details in dem Betrugsskandal erfahren haben. Worum es inzwischen geht, ist das, was die Juristen in ihrer Sprache „Organversagen“ nennen. Sowohl Stadler als auch Müller sind ihrer Verantwortung als Vorstände mehrfach nicht nachgekommen. Sie haben es versäumt, die Betrugsaffäre rechtzeitig aufzudecken und sie haben es nach ihrer Aufdeckung versäumt, die notwendigen Konsequenzen aus der Abgasaffäre zu ziehen. Und offensichtlich bekommen sie ihre Aufgabenbereiche nach wie vor nicht in den Griff. Schon allein deshalb sollte der Aufsichtsrat des Konzerns endlich handeln und beide Manager sofort feuern.

Bei VW gelten andere Regeln

Seit letzter Woche gilt ein offizielles Zulassungsverbot für alle neuen Porsche Cayenne, die mit einem Dieselmotor von Audi ausgerüstet sind. Diese Tatsache allein reicht schon aus, um die sofortige Entlassung Müllers und Stadlers zu begründen. Man muss es sich einmal plastisch vor Augen führen: Seit fast zwei Jahren sind die Verfehlungen des Konzerns öffentlich bekannt. In den USA und in Deutschland laufen seit Monaten gegen Dutzende von Managern strafrechtliche Ermittlungen. Zwei von ihnen haben sich bereits schuldig erklärt. Die Kosten des Skandals belaufen sich schon jetzt auf 30 Mrd. Euro. Seit über einem Jahr reden Müller und Stadler darüber, den Konzern mit einem eisernen Besen auszukehren und eine neue Kultur durchzusetzen. Und trotzdem liefen bis in die letzte Woche Fahrzeuge mit illegaler Software vom Band.

In jedem normalen Unternehmen hätte der Aufsichtsrat bereits durchgegriffen. Aber bei VW gelten andere Regeln, so lange der Porsche-Piëch-Clan schützend seine Hand über den Verantwortlichen ausbreitet. Dahinter steckt eine ganz verquere Logik. Sie lautet: Der Clan darf niemanden fallen lassen, weil sonst alle seine Vertrauten fallen. Die Familie der Haupteigentümer glaubt an eine Art Dominotheorie: Fällt Stadler, dann fällt auch Müller. Fällt Müller, dann fällt auch Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Und fällt Pötsch, dann müssen sich irgendwann auch altgediente Familienvertreter wie Wolfgang Porsche ihrer Verantwortung stellen. Das Absurde daran: Je länger sich der Aufsichtsrat weigert, Konsequenzen zu ziehen, umso wahrscheinlicher trifft genau das Szenario ein, das er am meisten fürchtet.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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