VerbraucherpreiseWarum die Inflation so stark steigt wie seit Jahren nicht mehr

Benzinpreis-Anzeige an einer Tankstelle von Mundorf Tank
Die Preise steigen, bei den Benzinpreise kommt noch die seit Jahresbeginn geltende CO2-Steuer hinzuIMAGO / Future Image

Die Inflation im Euroraum hat im Mai nach Schätzungen der Statistikbehörde Eurostat die Zwei-Prozent-Marke geknackt. In Deutschland liegt sie mit 2,4 Prozent noch höher. Damit sind die Preissteigerungen höher als die Rate, die sich die EZB als ungefähres Ziel ihrer Geldpolitik gesetzt hat. Auf den ersten Blick ist das also eine gute Nachricht, könnte es doch ein Ende der unkonventionellen Geldpolitik der EZB bedeuten.

Doch einige Konsumenten sind unruhig, dass die steigende Inflation den Beginn einer Ära steigender Preise einläuten könnte. Für Anleger wiederum könnte die Inflation ein Ende des Aktien- und Immobilienbooms bedeuten, wenn die EZB versuchte, die Inflation mit einem Ende ihrer Anleihekäufe und steigenden Leitzinsen einzudämmen. Doch beides ist  unwahrscheinlich. Denn noch ist nicht ausgemacht, ob die Inflation länger so hoch bleibt, wie aktuell.

Energiepreise aktuell Treiber der Inflation

Wer Angst vor weiteren Preisanstiegen hat, den kann ein Blick auf die Zusammensetzung der Inflation zunächst beruhigen. Denn der größte Teil der Preissteigerungen gleicht nur einen Preiseinbruch bei den Energiepreisen aus dem vergangenen Jahr aus. Als im Mai 2020 immer mehr Menschen zuhause blieben, und viele Fabriken stillstanden, sackte der Energiebedarf ab. Die Energiepreise fielen um 11,9 Prozent gegenüber dem Mai 2019.

In diesem Mai läuft die Wirtschaft wieder an. Der Energiebedarf steigt also und mit ihm die Energiepreise. Sie nahmen gegenüber dem Mai 2020 um 13,1 Prozent zu. Zunächst gleicht der Preisanstieg von zwei Prozent in der Eurozone also nur einen krisenbedingten Einbruch aus. Rechnet man den Anstieg der Energiepreise aus der Inflation heraus, sind die Preise im Euroraum nur um 0,9 Prozent gestiegen. Trotzdem ist das noch kein Grund, dass die Inflation länger so niedrig bleibt. Denn in den nächsten Monaten treiben weitere Faktoren die Preise, besonders in Deutschland.

Bis zu vier Prozent Inflation zum Jahresende

Einer ist die Erhöhung der Mehrwertsteuer in Deutschland. Die Mehrwertsteuer-Senkung von 19 auf 16 Prozent in Deutschland von Juli bis Dezember 2020 drückte damals die Preise gegenüber dem Vorjahr. Da die Inflation immer gegenüber den Preisen im Vorjahresmonat gemessen wird, wird die Rücknahme der MwSt-Senkung gegenüber dem Vorjahr also die Inflationsraten in diesem Jahr von Juli bis Dezember weiter erhöhen. Die Bundesbank rechnet aufgrund dieses und anderer Sondereffekte in ihrem jüngsten Monatsbericht mit einer Inflationsrate von vier Prozent zum Jahresende. Aber diese Einmaleffekte könnten ab 2022 verpuffen.

Verbraucherpreise 2020
Verbraucherpreise 2020 in Deutschland

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Preise in den kommenden Monaten zwar weiter steigen werden. Aber da die Entwicklung aus heutiger Sicht nur vorübergehend sein dürfte, ist es unwahrscheinlich, dass die EZB eingreift, um die Inflation einzudämmen. Sie richtet sich bei ihrer Geldpolitik schließlich nach den mittelfristigen Inflationserwartungen.

Langfristig steigt Inflation nur bei wirtschaftlicher Erholung

Die wiederum hängen stark davon ab, welche Preiserhöhungen die Unternehmen in Zukunft an die Verbraucher weitergeben. Viele Industrieunternehmen kämpfen derzeit mit Lieferverzögerungen bei Rohstoffen und Elektro-Bauteilen. Die Preise für Vorprodukte steigen. Doch noch haben die Unternehmen die Preisanstiege nicht an die Verbraucher weitergegeben. Je nachdem wie lange es dauert, bis die Versorgung mit Rohstoffen sich wieder eingependelt hat, könnten also die Preise auch bei anderen Waren in den kommenden Monaten steigen. Einiges deutet darauf hin, dass Rohstoffe in Zukunft etwas teurer werden könnten als vor der Krise, weil Rohstoffunternehmen trotz der steigenden Preise nicht wie gewohnt mehr produzieren.

Langfristig steigt die Inflation aber nur, wenn die Arbeitslosigkeit sinkt und Arbeitnehmer wieder höhere Gehälter fordern können. Die geben die Arbeitgeber dann durch höhere Preise an die Verbraucher weiter. Die Arbeitslosigkeit sinkt zwar. Doch noch liegt die Arbeitslosigkeit mit durchschnittlich acht Prozent überall im Euroraum über dem Vorkrisenniveau. Erst, wenn die Menschen wieder reisen und das Geld auch in die südlichen Regionen des Euroraums bringen, wird die Arbeitslosigkeit in der gesamten Eurozone wieder das Niveau der Vorkrisenzeit erreichen. Erst dann steigen die Löhne und die Inflation im gesamten Euroraum.

Solange die Wirtschaft in der Eurozone weiter unter dem Vorkrisenniveau operiert, bleibt die Inflation in der Währungsunion also eher gering. Wahrscheinlicher ist, dass einige Länder wie Deutschland, die sich schneller als andere erholen, in den kommenden Monaten eine etwas höhere Inflation als der Rest der Währungsunion erleben werden. Die EZB wird auch dann kaum eingreifen und die Inflation mit einem Ende der Anleihekäufe und höheren Leitzinsen eindämmen. Denn ihr Inflationsziel von „knapp unter zwei Prozent“ gilt nicht nur mittelfristig, sondern auch für den gesamten Euroraum.

 


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