PreisanstiegWarum die EZB nur langsam auf die hohe Inflation reagiert

Europäische Zentralbank in FrankfurtIMAGO / STAR-MEDIA

Die Inflation in Deutschland ist im November auf dem höchsten Stand seit 29 Jahren geklettert. Das statistische Bundesamt schätzte sie für November vorläufig auf 5,2 Prozent. Sie ist damit gegenüber Oktober noch einmal gestiegen. Damals lag sie schon bei 4,5 Prozent.

Statistik: Inflationsrate in Deutschland von November 2020 bis November 2021 (Steigerung des Verbraucherpreisindex gegenüber Vorjahresmonat) | Statista
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Die Bundesbank hatte vergangene Woche in einer Prognose bereits eine ähnlich hohe Inflationsrate erwartet*. Der Clou ihrer Prognose ist aber der Blick in die fernere Zukunft. Die Bundesbanker erwarten wie zahlreiche andere Ökonomen zwar fallende Inflationsraten im neuen Jahr. Sie schreiben aber auch, dass die Inflation „längere Zeit deutlich über drei Prozent“ bleiben könnte.

Das sind Preissteigerungen, die bald die EZB auf den Plan rufen sollten. Schließlich liegt die Inflation im Rest des Euroraums nur wenig niedriger mit ebenfalls steigender Tendenz. Die EZB könnte also mit weniger Anleihekäufen oder gar Leitzinssteigerungen reagieren. Das tut sie aber scheinbar nicht. Noch zumindest nicht.

Dazu muss man wissen, dass EZB-Vertreter schon seit Monaten darauf pochen, dass die hohe Inflation in Deutschland und anderen Euroländern vorrübergehend ist und durch Corona-Sondereffekte hervorgerufen wird. „Vereinfacht ausgedrückt ist die Inflation heute vor allem deshalb so hoch, weil sie im Vorjahr so niedrig war“, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel noch im September bei den Baden-Badener Unternehmergesprächen.

Lieferengpässe bleiben länger als erwartet

Zum einen wird der Preiseffekt durch die Energiepreise hervorgerufen. Denn Öl, Gas und Co. waren im Vorjahr so günstig wie lange nicht, doch längst wurde das Vorkrisenniveau wieder erreicht und teils sogar übertroffen. In Deutschland lag die Mehrwertsteuer außerdem zwischen Juli und Dezember 2020 drei Prozentpunkte niedriger als heute. Vergleicht man nun die heutigen Preise nun mit denen des Vorjahresmonats, in dem sie sehr gering waren, führt das natürlich zu einer hohen Inflationsrate. Aber es führt auch dazu, dass die Inflationsraten im kommenden Jahr wieder fallen werden.

Würde die EZB nun eingreifen, ihre Anleihekäufe zurückfahren oder gar den Leitzins erhöhen, könnte sie damit den Aufschwung abwürgen. Die Preissteigerungen durch Sondereffekte fielen damit aber nicht weg. Es wäre ein Schuss, der nach hinten losginge: weniger Wachstum bei weiterhin hoher Inflation.

Schwieriger hat es die Zentralbank, wenn die Corona-Effekte nicht so schnell vorübergehen. Bei der Mehrwertsteuersenkung ist das zwar ausgemacht. Doch die Energiepreise legen weiter zu und können im nächsten Jahr weiterhin für Preissteigerungen sorgen. Außerdem könnten die Rohstoff- und Lieferengpässe, unter denen viele Unternehmen leiden, mehr und mehr auf die Verbraucherpreise durchschlagen. Denn noch immer klagt ein Großteil der Industrieunternehmen über Lieferschwierigkeiten und teure Vorprodukte.

Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts wollen so viele Firmen wie nie in den kommenden drei Monaten die Preise erhöhen ­– mit klaren Folgen für die Verbraucherpreise. „Im Schnitt erwarten wir nun eine Inflationsrate von drei Prozent in diesem Jahr und zweieinhalb bis drei Prozent im Jahr 2022, sagt der Leiter der Ifo-Konjunkturprognosen, Timo Wollmershäuser.

Höhere Löhne oder geringere Preise

Auch gegen diese Preissteigerungen durch Lieferprobleme kann die Zentralbank erst einmal wenig ausrichten. Denn eine straffere Geldpolitik mit höheren Zinsen würde es Unternehmen zwar schwerer machen, bei hohen Fracht- und Rohstoffpreisen ihr Geschäft auszubauen, doch das Problem liegt nur zum Teil in der hohen Nachfrage der Unternehmen. Die Kapazitätsengpässe sind zwar aufgetreten, weil sich die ganze Welt im Aufschwung befindet, doch auch weil die Corona-Pandemie Schiffs- und Containerstaus verursacht hat. Gegen ein krisenbedingt knappes Angebot sollte die EZB aber nicht mit einer strafferen Geldpolitik vorgehen, dann würde sie nur dem europäischen Aufschwung schaden.

Problematisch wird es nur, wenn die Nachfrage in der gesamten Wirtschaft bei dem knappen Angebot so stark stiege, dass die Menschen auch wesentlich höhere Löhne durchsetzen wollten. Dann könnte die Inflationsentwicklung sich immer weiter fortsetzen. Die Bundesbank mahnte in ihrem Bericht schon, dass auch der neue Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde den Lohndruck erhöhen würde. Noch kann von einer Lohn-Preis-Spirale keine Rede sein. Je länger die Corona-Effekte andauern, desto eher kann sich die Inflation allerdings verfestigen.

Die Zentralbanker müssen abwägen, ob sie den weiteren wirtschaftlichen Aufschwung stützen oder die Inflation so gering wie möglich halten möchten. Oder wie EZB-Ratsmitglied Philip Lane es Anfang November sagte: „Eine abrupte Straffung der Geldpolitik heute würde die derzeit hohen Inflationsraten nicht senken, sondern den Aufschwung abbremsen und die Beschäftigung in den nächsten Jahren verringern und damit den mittelfristigen Inflationsdruck verringern“

Derzeit agiert die EZB daher eher vorsichtig. Trotzdem kündigten EZB-Vertreter durch die Blume auch schon eine straffere Geldpolitik an. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte Inflations-Entwarnerin Isabel Schnabel Anfang der Woche: „Ich denke nicht, dass wir auf Basis der aktuellen Daten wirklich sagen können, was passieren wird.“ Sie gehe aber davon aus, dass die EZB ihre Inflationsprognose ähnlich wie die Bundesbank nach oben korrigieren dürfte. Die Zentralbanker halten sich scheinbar die Türen offen, die Anleihekäufe langsam zu beenden.

* Die Bundesbank schätzte, dass der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) für Deutschland gegenüber dem Vorjahresmonat um sechs Prozent steigen würde. Der HVPI ist ein vereinheitlichter europäischer Inflationsindex und misst ähnlich wie der deutsche Verbraucherpreisindex (VPI) des statistischen Bundesamts die Preissteigerungen gegenüber dem Vorjahresmonat. Aufgrund unterschiedlicher Gewichtungen verschiedener Waren entsprechen sechs Prozent Steigerung des HVPIs für Deutschland in diesem Monat einem Anstieg des VPI um 5,2 Prozent.

 


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