GastbeitragWarum der Euro auf die Blockchain muss

Symbolbild Blockchain
Symbolbild BlockchainGetty Images

Zwar entwickelt sich in Europa und vor allem in Deutschland eine solide technologische und regulatorische Basis der Blockchain-Technologie, aber mit Blick auf die USA und nach China sind inzwischen Blockchain-Projekte erkennbar, die die globale Finanzarchitektur schneller als viele ahnen — also innerhalb weniger Jahre — verändern können. Europa und Deutschland müssen ihre Bemühungen intensivieren. Zwei Großvorhaben sind daher wichtig: Sowohl der Euro als auch die Identität müssen auf die Blockchain. Dies ermöglicht Euro-notierte Smart Contracts und die digitale Abbildung von Individuen, Unternehmen und Maschinen — all dies wird für die deutsche und europäische Industrie essentiell sein.

Das Kernproblem aber ist, dass die Blockchain-Technologie von Entscheidungsträgern, sowohl im staatlichen Bereich wie auch in Konzernen, auf breiter Ebene oftmals noch nicht richtig verstanden wird. Zudem müssen signifikante Budgets in die Technologie investiert werden. Zuletzt müssen Entscheidungsträger die Bedeutung der Technologie anerkennen.

Asien und die USA: Währungen kommen auf die Blockchain

In der Blockchain-Welt geht es derzeit heiß her. Der aktuelle Fokus: Libra, China und Binance. Vor kurzem wurde das Projekt Libra angekündigt, eine Kryptowährung von einem internationalen Konsortium, dass zukünftig aus 100 Organisationen bestehen soll. Zum Einsatz kommt hier zwar nicht die Blockchain-Technologie, wie sie ursprünglich bei Bitcoin umgesetzt wurde, aber sehr wohl eine Weiterentwicklung dieser Technologie. Der Fakt, dass Facebook mit seiner Basis von über zwei Milliarden Nutzern dieses Projekt initiiert hat, wird dem Projekt zum Erfolg verhelfen, da es anders als bei vielen anderen Projekten eine „garantierte Nutzerbasis“ gibt. Schätzungen zufolge würde die Marktkapitalisierung von Libra quasi über Nacht einige hundert Milliarden Euro betragen, wenn Libra wie geplant in 2020 startet. Zum Vergleich: Bitcoin hat derzeit, August 2019, eine Marktkapitalisierung von ungefähr 200 Mrd. Euro.

Kurz nach der Ankündigung von Libra wurde bekannt, dass die chinesische Zentralbank ebenfalls an einer eigenen digitalen Währung arbeitet — und das schon seit fast fünf Jahren. Anscheinend sei — laut involvierten Experten — diese Digitalwährung fast fertig entwickelt; auch hier soll die Blockchain-Technologie zum Einsatz kommen. Natürlich folgen hier erst noch Experimente, um die Tauglichkeit der digitalen Währung zu prüfen. Dennoch ist der Weg auch hier vorgezeichnet, nämlich, dass es früher oder später eine digitale Variante der chinesischen Währung geben und die Blockchain-Technologie eine zentrale technologische Säule darstellen wird.

Schließlich hat Binance, eine der größten Kryptobörsen der Welt, seine Blockchain-Plattform für Stable Coins angekündigt. Binance mag nicht jedem bekannt sein, allerdings ist es in der sehr dynamischen Blockchain-Welt eines der wichtigsten Unternehmen. Es soll sich bei der Plattform um eine technische Infrastruktur handeln, auf der verschiedene traditionelle Fiat-Währungen digital abgebildet werden können. Binance plant also nicht die Notierung einer einzelnen digitalen Währung auf seinem System, sondern möchte ein Angebot schaffen, wonach Unternehmen und sogar ganze Länder ihre eigenen Währungen auf diesem System — quasi in abgeschotteten Segmenten — notieren lassen können.

Doch was passiert aktuell in Europa und in Deutschland? Wenig, zumindest in Bezug auf Großprojekte mit Systemrelevanz. Konkret formuliert: Hier werden wesentlich kleinere Brötchen gebacken. Ja, es gibt eine lebhafte Start-up-Szene im Blockchain-Bereich, die etwa in Berlin, Zürich, London und Paris ansässig ist. Konzerne wie Bosch, Daimler, die Commerzbank und andere unterhalten eigene Blockchain-Abteilungen. Auch Behörden wie die Bafin in Deutschland oder deren Äquivalente in der Schweiz und in Liechtenstein schaffen gemeinsam mit den entsprechenden Ministerien und Behörden die rechtliche Basis, damit die Blockchain-Technologie in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden kann. Die Europäische Zentralbank baut Expertise auf, die Deutsche Bundesbank betreibt erste Experimente. Dies ist alles gut und richtig. Aber es wird nicht ausreichen, um international auf Augenhöhe mit weltweit führenden Projekten zu agieren.

Wie anhand der oben dargestellten Projekte zu erkennen, kann man der Blockchain-Technologie zunehmend eine geopolitische Bedeutung beimessen, die die weltweite Finanzinfrastruktur zu verändern vermag. Was bedeutet dies konkret? Libra hat — nach allem was uns an Informationen vorliegt — einen klaren US-Fokus auf Seite der Betreiberfirmen, Binance ist ein internationales Unternehmen mit chinesischen Wurzeln und die digitale Variante der chinesischen Währung ist für einen der größten Wirtschaftsräume der Welt konzipiert. Das alles sind Projekte, die den Finanzbereich verändern und umkrempeln werden — auf internationaler Ebene. Ein paar Studien und Prototypen hier oder ein paar Analysen dort sind zwar wichtig, aber werden beileibe nicht ausreichen. Auch der Experimentiermodus von Zentralbanken und Konzernen ist wichtig, um die Technologie kennenzulernen und zu verstehen.