KolumneWarum CFOs der Blockchain zum Durchbruch verhelfen werden

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Symbolbild: Blockchain Getty Images

Die Blockchain – als eine Schlüsseltechnologie der Industrie 4.0 – ermöglicht die sichere und dezentrale Speicherung von Werten aller Art, wie dem Euro, von Aktien, Grundstücken, Patenten oder von sonstigen werthaltigen Daten. Das Ergebnis ist eine weltweite Plattform für den automatisierten und nahtlosen Austausch von physischen und digitalen Werten – gesteuert durch den Einsatz von Blockchain-basierten Smart Contracts. Gerade die Einbindung von Sensoren und deren Telemetriedaten auf der Blockchain erlaubt ein hohes Maß an Transparenz und Geschäftsprozessautomatisierung. Für den CFO einer im industriellen Kontext tätigen Firma resultiert dies in einer Vielzahl von Vorteilen, welche im Folgenden dargestellt werden.

Was zunächst unpassend klingen mag, kann durch das Beispiel eines namhaften deutschen Chemiekonzerns verdeutlicht werden: Dieser Chemiekonzern hat naturgemäß eine F&E-Abteilung, in welcher an neuen Chemikalien und Prozesstechnologien geforscht wird. Der Bereich Blockchain und der Einsatz von Sensorik wird aber innerhalb des Konzerns unter anderem von der Finanzabteilung vorangetrieben. Es geht hierbei darum, dass Silos – gefüllt mit werthaltigen Chemikalien – mit Sensoren exakt vermessen werden sollen. Dies erfolgt mit dem Ziel, dass – wenn der Füllstand gemessen werden kann – Fakturierungsprozesse vollkommen automatisch und damit wesentlich effizient durchgeführt werden können. Zudem wäre ein Aktivieren in der Bilanz möglich. Dies verändert das „Working Capital“ und ist mithin eine CFO-Domäne.

Geringere Verwaltungskosten

Weiterhin wird damit experimentiert, Silos direkt in ein Blockchain-Netzwerk einzubinden, um es dem Silo zu ermöglichen, direkt am Zahlungsverkehr teilnehmen zu können. Verbraucht ein Kunde Chemikalien aus dem Silo, könnte das Silo direkt und automatisiert – also nicht mehr die Buchhaltungsabteilung – eine Rechnung versenden, eine Buchung erzeugen und vor allem den eingehenden Zahlungsverkehr überwachen. Soweit die aktuellen Experimente. Denkt man dies aber weiter, wäre hier in Zukunft eine feingranulare Profit-Center-Logik möglich – basierend auf der dezentralen Automation von Maschinen, die selbstständig in den Zahlungsverkehr eingebunden werden. Dies wäre dann eine CFO-Domäne; allein schon deshalb, da die Verwaltungskosten pro Buchungsvorgang reduziert werden können. Zudem ermöglicht eine solche Architektur in der Zukunft die dezentrale Steuerung einer Organisation.

Blockchain ist hier erforderlich, weil diese Technologie die Einbindung von Maschinen in ein Zahlungsnetzwerk erlaubt und zudem dazu geeignet ist, den Euro als Rechnungseinheit abzubilden, um diesen für Maschinen unkompliziert zugänglich und „programmierbar“ zu machen. Richtig spannend wird es aus CFO-Perspektive aber genau dann, wenn bildlich gesprochen nicht nur Überweisungen auf Blockchain-Basis in Euro-Notation initiiert werden, sondern auch der Zahlungsverkehr einer Geschäftslogik unterworfen werden könnte. Konkret bedeutet dies, dass Prozesse und Zahlungsverkehr „programmiert“ werden. Wir kennen derartiges „programmierbares Geld“ aus der heutigen Welt; und zwar in Form von Leasingverträgen, Finanzierungsmodellen, Zinszahlungen, Factoring-Lösungen et cetera – all diese Prozesse lassen sich unkompliziert auf Blockchain-Basis programmieren. Vor allem aber können diese Prozesse direkt an Maschinen angeschlossen werden. Was wäre, wenn man Silos perspektivisch gestatten würde, selbst an Factoring-Prozessen teilzunehmen? Das Silo entscheidet dann selbst, wann der Rechnungsbetrag „eintreffen“ soll. Im Hintergrund wäre ein Blockchain-basierter Kapitalmarkt erforderlich, der diese Finanzierung bereitstellt und ausführt. Was utopisch klingen mag, ist mit dem aufkommenden Schlagwort „Decentralized Finance“ in ersten Zügen erkennbar.

Weiterhin spannend wird es, wenn man die oben genannten Aspekte kombiniert betrachtet: Ein Sensor, der den Füllstand misst, würde es ermöglichen, ein einzelnes Silo als Profit-Center zu organisieren. Dies wiederum ermöglicht die Berechnung einer Rendite für das investierte Kapital – und zwar Silo für Silo. Damit kann grundsätzlich ein Silo als einzelnes Objekt am Kapitalmarkt verbrieft und zu einem Investitionsobjekt für Investoren werden. Die Setup-Kosten für derartige Verbriefungskonzepte – in der Blockchain-Welt als Tokenisierung bekannt – werden in den kommenden Jahren dramatisch fallen, so dass Investitionsgüter zukünftig aus der Bilanz ausgelagert und am „Blockchain-basierten Kapitalmarkt“ direkt verbrieft beziehungsweise tokenisiert werden können. Auch dies: eine CFO-Domäne.

Fazit

Blockchain ist kein Selbstzweck, sondern ermöglicht es, zahlreiche für den CFO relevante Performancekennzahlen zu verbessern. Erfolgreiche Experimente bei Industrieunternehmen beweisen, dass diese Ansätze funktionieren – gerade dann, wenn sie aus der Finanzabteilung initiiert werden. Erforderlich hierfür: Offenheit, technischer Sachverstand und Budget. Der übergeordnete Trend ist zudem klar erkennbar: Das Thema „Finance“ wird sich in den kommenden Jahren von klassischen Unternehmen der Finanzbranche entfernen – hinein in eine Blockchain-basierte Infrastruktur und hin zu Industriekonzernen.

 


Prof. Dr. Philipp Sandner leitet an der Frankfurt School of Finance & Management das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC), welches im Februar 2017 initiiert wurde. Zu seinen Themengebieten gehören Blockchain, Crypto Assets, Distributed Ledger Technology (DLT), Euro-on-Ledger, Initial Coin Offerings (ICOs), Security Tokens (STOs), Digitalisierung und Entrepreneurship.
Philipp Schulden ist COO des Frankfurt School Blockchain Centers. Im Blockchain-Umfeld betreute er schon zahlreiche internationale Projekte und Forschungsvorhaben. Zudem besitzt er Expertise im Bereich der Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie im Umfeld der Industrie 4.0.