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Bernd Ziesemer VW-Chef Blume zum Kotau in China

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der VW-Konzern demonstriert in Peking Wohlverhalten. Das Werk in der Zwangsarbeiterprovinz Xinjiang läuft trotz aller Kritik weiter

Alles begann vor gut zehn Jahren mit einer chinesischen Erpressung: VW wollte eine neue hochmoderne Massenfertigung in der Nähe von Kanton hochziehen. Doch eine Genehmigung dafür gab es nur, wenn der deutsche Konzern gleichzeitig auch eine Fabrik in der Zwangsarbeiterprovinz Xinjiang aus dem Boden stampfen würde – als erster ausländischer Autohersteller überhaupt. Der damalige VW-Chef Martin Winterkorn setzte sich über alle Kritik und alle Bedenken hinweg und ließ sich auf den Teufelspakt ein. Seitdem wiederholt sich bei jedem Chefwechsel in Wolfsburg das gleiche Ritual: Man spricht den neuen Mann auf Xinjiang an und bekommt die gleichen Ausflüchte zu hören. Auch der Nachnachnachfolger Winterkorns Oliver Blume bekennt sich zum Standort Xinjiang.

Dem neuen VW-Chef bleibt gar nichts anderes übrig. Einen Rückzug aus der Uiguren-Provinz würde China als bösen politischen Gesichtsverlust mit strengsten Strafen belegen. Und der VW-Konzern ist längst vom chinesischen Markt abhängig wie von keinem zweiten. Deshalb konnte man von Oliver Blume bei seinem „Antrittsbesuch“ in der Volksrepublik in den letzten Tagen auch nur die üblichen Floskeln von der „Win-Win-Partnerschaft“ hören und kein einziges Wort der Kritik an den Zuständen in Xinjiang. Es wäre naiv, etwas anderes von ihm zu erwarten.

Deals mit Diktaturen ähneln den Praktiken der Mafia: Wer sich einmal auf sie einlässt, kommt nie weder heil davon. Genau aus diesem Grund sind Investitionen in China eben nicht mit Projekten in der freien Welt vergleichbar. Es geht immer um Politik und nie allein um wirtschaftliche Logik. Ginge es allein nach den Regeln von Umsatz und Gewinn hätte sich VW längst aus Xinjiang verabschiedet. Das Werk ist viel zu klein, seine Entfernung von den Absatzgebieten in China viel zu groß. Und der Rufschaden in der ganzen Welt übertrifft den Nutzen der Fabrik um ein Vielfaches.

Trotzdem ist durchaus nicht ausgemacht, dass es in Xinjiang so weiter geht wie bisher. Seit dem 1. Januar dieses Jahres gilt in Deutschland das Lieferkettengesetz. Es verpflichtet alle Unternehmen, bei ihren Tätigkeiten im Ausland auf die Einhaltung der Menschenrechte zu achten. VW muss das neue Gesetz nicht nur in dem Xinjiang-Werk selbst umsetzen, sondern auch bei allen chinesischen Zulieferern. Über kurz oder lang bringen die Bestimmungen den Konzern in Bredouille. Die Automobillobby hatte deshalb bis zuletzt versucht, den Entwurf für das Gesetz weich zu waschen.

Aus dem gleichen Grund machen die Unternehmen vor und hinter den Kulissen auch Stimmung gegen die geplante neue China-Strategie der Bundesregierung.

Die Lage wird immer komplizierter für die Unternehmen, die sich in eine zu starke Abhängigkeit von China begeben haben. Je härter die Kritik in der Öffentlichkeit, um so zerknirschter müssen sich die Konzerne beim Umgang mit chinesischen Behörden zeigen. Westliche Diplomaten weigerten sich im 18. und 19. Jahrhundert, sich vor den chinesischen Kaisern niederzuwerfen. Das kommunistische China aber verlangt den verbalen Kotau – vor allem von denen, die dort Geschäfte machen wollen.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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