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Kommentar VW-Anklage: Warum Aufsichtsratschef Pötsch gehen sollte

Gegen VW-Chef Diess (l.) und Aufsichtratschef Pötsch hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben
Gegen VW-Chef Diess (l.) und Aufsichtratschef Pötsch hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben
© dpa
Nach der Anklageerhebung gegen seine beiden Spitzenleute kann VW eigentlich nicht weitermachen wie bisher. Aber die Porsche-Piëch-Familie verhindert wohl weiter einen Neuanfang. Bernd Ziesemer über die Anklage gegen VW-Manager

Eine deutsche Staatsanwaltschaft erhebt gleichzeitig Anklage gegen einen amtierenden Aufsichtsratschef und einen amtierenden Vorstandschef – und beide verbreiten schon vorher mit der Hilfe ihrer Büchsenspanner in den Medien, dass sie auf keinen Fall zurücktreten wollen. So etwas gibt es wohl nur bei VW, wo eines immer noch ganz gut funktioniert in all dem Dauerchaos nach dem Abgasbetrug: eine vorausschauende Presse- und PR-Arbeit. Nun kann man formaljuristisch durchaus argumentieren, noch wisse man ja nicht, ob die zuständigen Richter die Anklage überhaupt zulassen und der ehemalige VW-Konzernchef Martin Winterkorn, sein Nachfolger Herbert Diess und Aufsichtsrat Hans Dieter Pötsch tatsächlich vor einem Gericht landen. Aber auch dazu war im „Handelsblatt“ bereits zu lesen, die beiden VW-Spitzenmanager würden selbst dann ihre Posten nicht aufgeben, wenn sie vor Gericht müssten.

Die Wagenburg in Wolfsburg verteidigt sich bis zum letzten Mann, auch wenn es dem Konzern nachhaltig schadet. Dahinter steckt die Porsche-Piëch-Familie, die ihren Haus- und Hofberater Pötsch schon früh für unantastbar erklärt hat. Dabei war der Österreicher als Vorstandsmitglied unter Winterkorn über zehn Jahre lang im Gesamtkonzern mitverantwortlich für alles, was dort passiert ist. Entweder wusste er selbst über den Abgasbetrug Bescheid – oder Pötsch hat seine Aufsichtspflichten schnöde verletzt. Schlimmer noch: Bei der jetzigen Anklage geht es um die Frage, ob die Mitglieder des Konzernvorstands ihre Aktionäre zu spät über die Affäre informiert haben oder nicht. Die Wahrnehmung der sogenannten Ad-hoc-Pflichten aber obliegt in besonderer Weise dem Finanzvorstand – und das war zur Tatzeit kein anderer als Pötsch.

Anklage gegen VW-Chefs könnten den Konzern ins Chaos stürzen

Der heutige VW-Chef Diess war damals anders als Pötsch erst wenige Monate an Bord. Selbst wenn die Richter auch ihn für schuldig halten sollten, wenn es denn überhaupt zu einem Verfahren kommt, so wiegt seine Schuld auf jeden Fall nicht so schwer wie bei Pötsch. Man tut also gut daran, die beiden Fälle nicht über einen Kamm zu scheren.

Für den Konzern wäre es gut, wenn jetzt bereits ein Wechsel im Aufsichtsratsvorsitz käme. Stellen wir uns nur für eine Minute vor, Pötsch und Diess müssten nach einer Verurteilung irgendwann beide gleichzeitig ihr Amt aufgeben – dann wäre bei VW ein großes Führungschaos programmiert. Das Gegenargument, dass aus dem Umkreis der Porsche-Piëch-Familie zu hören ist, verfängt in Wahrheit nicht: Auch wenn die Großaktionäre tatsächlich felsenfest von der Unschuld der Beschuldigten überzeugt sein sollten, so müssten sie doch für den Worstcase Vorsorge treffen.

Die Mehrheitsaktionäre des Konzerns aber folgen seit Beginn der ganzen Affäre stur der Devise, immer erst dann zu handeln, wenn es gar nicht mehr anders geht. So war es bei Winterkorn, der mit einem voreiligen Persilschein der Eigentümer das Weite suchte; so war es auch bei Ex-Audi-Chef Rupert Stadler , den man erst fallen ließ, als alles zu spät war. Und so ist es offenbar auch jetzt.

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen .

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