UnternehmenRavensburger - Spiel des Lebens

Die rote Metallkugel flitzt im Affenzahn die steile Bahn herunter, „jetzt gleich kommt’s drauf an“, Ralph Münzer atmet durch. Die Kugel schießt in den Looping rein und – „Ja!“ – schafft es wieder raus und hoch. „Endlich“, Münzer ist erleichtert. Zigmal war sie zuvor stecken geblieben. Mit Engelsgeduld baut er die Schleife immer wieder neu, erst mit Knete, dann mit Plastikteilen aus dem 3D-Drucker. Seit Wochen testen er und seine Mitspieler hier im Ravensburger Campus die neue Kugelbahn. Magnete, Hindernisse, Rollverhalten, Stabilität – mit vergnüglichem Spiel hat das nichts zu tun. Es muss lange getestet werden, bis ein neues Ravensburger-Spiel läuft, wie es laufen soll – und ins Kinderzimmer darf.

Clemens Maier schaut seinen Mitarbeitern aufmerksam beim Flippern zu. Münzer ist Leiter Innovation beim Spielehersteller Ravensburger, Maier der Vorstandsvorsitzende. Als die Kugel nach oben fliegt, lächelt er still. Er ist ein zurückhaltender Mensch. Sooft er kann, geht er hinüber in das Experimentierlabor gleich neben der Produktionshalle am Ravensburger Stammsitz des Unternehmens. Der Campus ist seine Idee. Früher war hier die Betriebskantine, nun liegen bunte Sitzkissen herum, es gibt Holzpaletten und Wände voller Klebezettel. Im Campus testen sie nicht nur neue Spiele, sondern auch andere Arbeitsstrukturen. Maier erzählt, dass hier Teams mit Mitarbeitern aller Abteilungen neue Ideen entwickeln.

Seit Anfang April ist Maier Chef von Deutschlands größtem Spielehersteller. 45 Jahre, ein jungenhafter Typ mit Sommersprossen im Gesicht. Er ist der Urenkel von Otto Maier, der den Verlag 1883 in Ravensburg gründete. Mit Maiers Aufstieg kehrt die Familie zurück an die Spitze. 15 Jahre hatten sie Karsten Schmidt, einem Manager von Philip Morris, die Geschäfte anvertraut. Nun übernimmt wieder ein Nachkomme das Spiele-Reich.

2000 Puzzles, Brettspiele und Bücher hat die Firma im Portfolio. Hunderte kommen jedes Jahr neu dazu, viele davon digital. 475 Mio. Euro Umsatz wurden erzielt, 33,5 Mio. Euro Gewinn. Die Zahlen sind gut, Ravensburger wächst schneller als der Markt und ist profitabler als viele Familienunternehmen.

1884: Reise um die Welt ist das erste Gesellschaftsspiel, das Otto Maier herausbringt, ein Jahr, nachdem er seinen Verlag gegründet hat. Das Spiel hat 76 Felder, eng beschrieben mit kleinen Versen. Jedes ein Abenteuer à la Jules Verne.

1927: Fang den Hut ist das langlebigste Spiel der Ravensburger, über 26 Millionen Mal verkauft. Es spiegelt den Bauhaus-Stil der Epoche wider. Kürzlich hat es sich ein wenig liften lassen. Brettspiele sind wieder in.

1959: Memory erscheint und wird bis heute wohl rund 80 Millionen Mal verkauft in über 80 Ländern. William Hurter, ein Schweizer Diplomat, hatte die Idee zum Spiel und pitchte dafür beim Verlag. 2010 erscheint das erste digitale „Memory“ als App.

2010: Ravensburger bringt den Tiptoi-Stift auf den Markt und landet auf Anhieb einen Bestseller. Das elektronische Lernspiel ist heute in jedem zweiten deutschen Haushalt mit Kindern dabei.

Die größte Besonderheit aber ist: Im Gegensatz zu vielen anderen legt Ravensburger eine fast geräuschlose Unternehmensnachfolge hin. Friedlich, skandalfrei. Und dann kommt auch noch ein Mitglied der Familie zum Zug. Ein Kunststück, das die meisten Mittelständler gerne hinbekommen würden.

Rund 135.000 Familienunternehmen in Deutschland werden zwischen 2014 und 2018 an Nachfolger übergeben, hat das Bonner Institut für Mittelstandsforschung geschätzt. Doch viele Familienunternehmer werden von ihrem Nachwuchs hängen gelassen. Die Frage, wer es machen soll, wenn der Patriarch abtritt, stürzt manche Clans in wahre Tragödien. Da werden aus engen Verwandten Erzfeinde, die nur noch über Anwälte oder vor Gericht miteinander reden. Nur drei Prozent aller Familienunternehmen weltweit schaffen es wie Ravensburger in die vierte Generation.

Was alles schiefgehen kann, ist oft erzählt. Wie es gelingt, das zeigt das Beispiel Ravensburger.

Es ist Mittagszeit, und Clemens Maier sitzt auf einem Barhocker in der Betriebskantine, eine halbe Portion Maultaschen vor sich, in denen er herumstochert. Er trägt Jeans, gestreiftes Hemd, Lederschuhe. Krawatten überlässt er älteren Kollegen, Turnschuhe den jüngeren. Die Kantine haben sie frisch gebaut, sie ist hell und offen und gut besucht. Es gibt eine Kaffeebar und eine Lounge. Gut vorzeigbar, aber nicht protzig. So halten sie es hier am liebsten.