UnternehmenLieferservice: das Rennen um die letzte Meile

Die Idee zu seinem neuesten Geschäft kam Franz-Joseph Miller quasi in der Not. Nicht in der eigenen, sondern in der Not der anderen. Wenn etwa irgendwo auf der Welt ein Patient auf eine dringende Organspende wartete oder in London ein Aufzug feststeckte und sich in ganz England auf die Schnelle kein Ersatzteil auftreiben ließ. Immer dann organisierte Miller Flugzeug und Piloten und sorgte für schnelle Hilfe. So baute er für die Lufthansa den Eilfrachtspezialisten Time Matters auf. Bis er eines Abends mit seiner Frau auf die anstehenden Wochenendeinkäufe kam.

Lieferung noch am selben Tag für die täglichen Einkäufe, das müsste es geben! Keine Parkplatzsuche mehr, kein Schleppen. „Es war ein No-Brainer“, ein Selbstläufer, sagt Miller. Vor drei Jahren entstand so die Idee zu Liefery, Millers neuester Gründung. Gerade hat das Unternehmen ein lichtdurchflutetes, 400 Quadratmeter großes neues Quartier im Zentrum Berlins bezogen.

Viele Schreibtische sind noch leer, doch das soll sich bald ändern. Hier wird so etwas wie das Nervenzentrum des neuen Lieferdienstes in der Hauptstadt entstehen. Mitten in dieser Schaltzentrale sitzt Miller und sagt im schönsten Branchenslang: „Die Zustellung am selben Tag disruptiert die letzte Meile im Onlinehandel.“

Was abstrakt klingt, lässt sich jeden Tag ganz praktisch in den Straßen deutscher Städte beobachten. Im Kampf um Kunden und Aufträge haben Onlinehändler und Lieferdienste eine neue Epoche eingeleitet. Die Zustellung der neuen Waschmaschine lässt sich live am Bildschirm verfolgen, die Lieferadresse für das neue Cocktailkleid kurzfristig ändern, je nachdem wo man gerade ist. Logistikriesen wie DHL und Hermes betreiben einen immensen Aufwand, um ihren Service zu verbessern. Ihren gehetzten Zustellern ist der Druck oft deutlich anzusehen.

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© Christian Kryl

Der kommt gleich von zwei Seiten: Handelsgigant Amazon verspricht immer neue Dienste und steigt sogar selbst in das Zustellgeschäft ein. Und er greift verstärkt auf neue, kleine Anbieter zurück, die weit flexibler und schneller liefern können als die großen. Das ist die Chance von Firmen wie Liefery.

Denn der kleine Konkurrent bietet den ultimativen Service, den die Marktführer bisher kaum schaffen: Lieferung noch am selben Tag, auf Wunsch auf die Stunde genau. In 67 Städten tragen Millers Zusteller inzwischen Pakete aus, 250.000 waren es im Juli – dreimal so viele wie im Januar. Das ist natürlich fast nichts im Vergleich zu den Großen – 2015 wurden in Deutschland rund drei Milliarden Pakete verschickt. Aber Millers Start-up wächst rasant. Vom kleinen Händler um die Ecke bis hin zum Weltkonzern Amazon, Liefery liefert für alle.

Bettwäsche, die nie ankam

Neben Miller sitzt in Berlin Nils Fischer. Die beiden kennen sich seit Jahren. Miller hatte die Idee und Kapital, Fischer führt Liefery operativ. Er erzählt gern die Geschichte seiner Mutter, die vor einiger Zeit in England Bettwäsche und Handtücher bestellt hatte. Dreimal habe sie die Nachricht erhalten, dass ihr Paket morgen bei ihr eintreffen sollte, erzählt Fischer genüsslich. Man ahnt es: Dreimal sei niemand aufgetaucht, kein Bote, keine Nachricht, kein Paket. „Bei dem Laden bestellt sie nie wieder was“, sagt Fischer. Aus Sicht des Händlers und des Kunden sei die Sache mit dem Onlinehandel doch so: „Du kannst dich noch so abmühen mit der Produktauswahl, dem Preis, dem Check-out und, und, und. Am Ende versaut es der Logistiker.“

Will der Empfänger etwas schnell, ist er auch da, um es anzunehmen. Das ist die Logik von Liefery. Nach eigenen Angaben haben die Zusteller eine Erfolgsquote von 99 Prozent – innerhalb von 90 Minuten nach Bestellung oder zu einer individuellen Wunschzeit. Überbracht werden Pakete vom Großkunden Amazon, Mode von Zalando, Sportklamotten von Sportcheck, Computer von Gravis oder Kochboxen von Hellofresh. Die Boten nehmen ihre Fracht entweder in eigenen Umschlagstationen auf oder direkt beim Händler. So funktioniert die Firma fast wie ein Kurierdienst.

Für Geschäftskunden, die mehrere Hundert oder Tausend Euro für eine Lieferung zahlen, mag sich so ein Aufwand lohnen. Aber bei Schuhen und Kleidung? Das funktioniert nur, wenn die Boten auf einer Tour möglichst viele Kunden abklappern können. „Hohe Lieferdichte“ nennt das Miller wieder in seinem Branchenslang. Es ist wie so oft mit Geschäften im Internet: Je mehr mitmachen, desto billiger wird es.

Zugleich steigen die Ansprüche und die Zahlbereitschaft. Die Umstände der Lieferung seien für die Zufriedenheit der Käufer „elementar“, heißt es in einer Studie des Instituts für Handelsforschung in Köln.